Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1925
- Issue
- Heft 23 (12.6.1925)
- Date
- 1925-06-12
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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WAHRHEIT HeigföcH^fereeicIUsclBe WocUensdirtn für Jüdtsdie imcressen tot dem ßelbtüfi; f erOttenillc&onfieH der „Union aesiscimsltxreidiisdier Jndor Redaktton und Administration: Wien HL. n«ftm«9«raA« IS. - Fernruf 42-2-1t XL!. Jahrgang Wien, 12. Juni 1925 Nummer 23 Der Judengott. Von B. S e g e 1. Vor einigen Monaten erschien in diesem Blatte eine Besprechung der ersten drei Bände des vom Verband der deutschen Juden herausgegebenen Sammelwerkes „Die Lehren des Judentums nach den Quellen" (Berlin, C. A. Schwetschke u. Sohn, Verlagsbuchhandlung); Jetzt hegt der vierte Band vor, der „die Lehre von Gott" behandelt. Wie die vorhergehenden Bände, ist auch dieser von Dr. Simon B e r n f e 1 d bearbeitet, und es haben an ihm mitgewirkt die Herren Dr. L. B a e c k, Prof. Dr. E1 b o g e n, D. M. Holzmann, Dr. A. Loewental und Dr. Max Wiener. Gleich wie die Juden ist auch der „Judengott", insbesondere während der letzten Jahrzehnte, Gegenstand unverschämter Verleumdungen gewesen. Wenn wir Juden sagen: „der Gott Israels", so meinen wir natürlich damit nicht etwa einen jüdischen Spezialgott, oder einen Gott, der sich ausschließlich oder auch nur vorübergehend mit dem Schicksal des Volkes Israel befaßt, sondern wir verstehen darunter den Gottesbegriff, die Gottesvorstellung, die zuerst in voller Reinheit von dem Volke Israel herausgebildet und der Welt verkündet wurde und die schließlich Gemeingut der - ganzen Kulti.rmenschheit geworden ist — insofern diese überhaupt Religion hat. — Eine Errungenschaft der Neuzeit ist es nun, daß der „Judengott", vor dem die Judenfeinde früherer Generationen, zum Beispiel Stöcker, oder auch sogar Ahlwardt Respekt und Ehrfurcht an den Tag legten, oder wenigstens heuchelten, wermöglich noch rüder und gemeiner beschimpft wird, als sein Volk. Man denke zum Beispiel an den Feldzug des berüchtigten Hammer-Fritsch gegen „Jahweh". Ueber das betreffende Buch urteilte der Geheimrat Prof. Rudolf Kittel in einem vor Gericht abgegebenen Gutachten, der Verfasser sei intellektuell und moralisch un zu rechnungfähig. Alles das hinderte das Buch nicht, in vielen zehntausenden von Auflagen durch alle deutschsprechenden Lande verbreitet zu werden. Eine frühere Generation von Judenfeinden verbreitete die Lehre, das Alte Testament sei kein Produkt des Judengeistes, denn seine Schöpfer, die althebräischen Sänger, Erzähler, Helden und Propheten, wären keine Juden der Rasse und Abstammung nach gewesen, sondern — Arier, Indogermanen; die Juden hätten sich bloß dieses Erbe widerrechtlich angeeignet und der Welt vorgespiegelt, sie seien der Urheber. Die heutige Mode ist anders. Die im zeitgenössischen Antisemitismus vorherrschende Richtung strebt darnach, die Religion „judenrein" zu machen, das alte Testament abzulehnen, und zu diesem Zwecke nach Kräften zu verleumden; die einen verlangen ein „deutsches Christentum", und bedenken nicht, daß ein solches Christentum einem Turm gleichen müßte, der keinen Unterbau hat, einer Festung ohne Fundament; die anderen verlangen schon gar eine „deutsche Religion", wollen den „Judengott" durch Thor und Odin ersetzt wissen, die Ethik der Bibel durch die Lehren der Edda und der Nibelungen. Unübersehbar ist die Literatur über diesen Gegenstand in der Form von Büchern und Broschüren, und was noch schlimmer ist, in der Form von Zeitschriften- und Zeitungsartikeln, die den Glauben an die Inferiorität des „Judengottes" in popularisierter Form unter die breiten Massen tragen. Es ist kein Wunder, daß man sogar in jüdischen Kreisen irre wird — zumal es ja nicht jedermanns Sache ist, sich an der Hand der Quellen :, ein zusammenhängendes Bild von den wirklichen Lehren des Judentums über Gott zu machen. Das vorliegende Werk erfüllt diese Aufgabe in vollkommener und unübertrefflicher Weise. In sieben Kapiteln werden die Hauptpunkte des Problems dargelegt und durch Belege aus den Quellen illustriert, von der Bibel bis herab zur neuesten jüdischen Literatur; dann folgen jedesmal die Stimmen christlicher Denker, Forscher und Gelehrter, die uns vernehmen lassen, wie sich die jüdische Gottesvorstellung in der nichtjüdischen religiösen Seele spiegelt. Das Gebiet ist mit großer Vielseitigkeit behandelt. Gott wird dargestellt als* Inbegriff von Sittlichkeit, Liebe, Gerechtigkeit und Heiligkeit. Der Begriff der Einheit Gottes ergibt nicht nur den reinen, strengen Monotheismus, sondern auch die Ablehnung von Halbgöttern und Gottmenschen, eine bedeutsame Einschränkung des Glaubens an Engel, eines Glaubens, der sonst in der Religion einen weiten Raum einnimmt, dann eine entschiedene Ablehnung der Dreieinigkeitslehre, und erst recht eine Ablehnung des Glaubens an gute und böse Geister, am schroffsten aber lehnt die jüdische Religion jegliche Art von Zauberei und Aberglauben ab; das Judentum hat zu allen Zeiten den-Aberglauben in jeglicher Gestalt bekämpft, wenn auch nicht immer mit gleichem Erfolge. Aber selbst wenn der Aberglaube in finsteren Zeiten in breitem Strom in das Judentum einbrach, konnte er doch, dank der der jüdischen Religion innewohnenden Tendenz, nicht die krasse Form annehmen und jene Orgien feiern, die ihn anderwärts kennzeichneten. Der Reinheit und Strenge des jüdischen Gottesbegriffes verdankt das jüdische Volk, daß es vor den schlimmsten Ausschreitimgen des Aberglaubens,