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Die Wahrheit · 1925-06-05 · Heft 22 (5.6.1925) · page 10

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1925
Issue
Heft 22 (5.6.1925)
Date
1925-06-05
Page
– (sequence 10)
Language
German
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wimimHiinnimniwmtMMMflatoiKwrtiawunM ■•■««■*■■«•■««■■«•■ Veröffentlichungen % der : Postsparkassen - Konto „Union deutschösterreichischer Juden" { TeiepZ Wien IX. j Berggasse4 \ MMBBMMBM««» ■■■■■■■■■■■■■■■■Mau Studentenpolitik. Bunte Sachen sind jetzt bei uns auf der Tagesordnung. Recht bunte Sachen. Vorgänge, wie man sie in dieser Form vergeblich in anderen Ländern sucht. Leute, richtiger Leutchen; die noch lange des Lebens Ernst nicht kennengelernt haben und nicht kennen lernen konnten, da sie erst am Vorabend des Mannesalters stehen, dirigieren — man höre und staune — den ganzen Staat. Und noch dazu auf ganz absonderliche Weise. Diese Herrchen stellen sich sogar über das Gesetz, beherrschen Aemter, Anstalten, Straßen und Plätze und geben unserer ganzen Politik eine neue, nichts weniger als erwünschte und' einwanldfreie Richtung. Man brauchte nur während der letzten Tage an den Gebäuden unserer Hochschulen vorüberzugehen, um ein Bild voll Szene zu erhalten, bei dem der objektivste Mensch saigen müßte: Das aber ist nichts weniger als schön. Vor den gesperrten Toren dieser höchsten Lehranstalten ein Gewoge, ein Schieben und Stoßen, das mitunter einer wüsten Rauferei auf ein Haar ähnlich war. Da wurde man Trupps von Burschen gewahr, die johlend umherzogen, da und dort einen jüdischen Studenten verprügelten und dabei allerlei Lieder sangen. Ungehindert und frei übten diese Bürschlein allenthalben den Terror aus. Sie fühlen sich getrost als Beherrscher des Terrains, denen niemand etwas anzuhaben vermag. Genau gesagt, die Dirigenten des Staates sind die antisemitischen Hörer unserer Hochschulen un'd1 ihre famose Betätigugn nennt man Studentenpolitik. Soweit ist es also gekommen mit unserem Hieben, schönen Oesterreich. Das Hakenkreuz ist zum Symbol der allgemeinen Lage geworden. Es spricht sich aus in Gewalttat und schrankenlosem Gebaren, denen Mord und Totschlag zur Seite stehen. Schießgewehre, Knütteln und andere ausgesuchte Instrumente geben den Auftakt zu den schmachvollen Vorfallen, wie sie jetzt bei uns zum Repertoire des Tages geworden sind. Eine neue Seuche ist über uns hereingebrochen, die von den höchsten Steilem der Staatsgewalt hinabreicht bis zum jüngsten Studenten. Professoren und andere im Staatssold stehende Personen sind von der Epidemie erfaßt und scheuen sich nicht, öffentlich ihre beglückende Zugehörigkeit zu einer Gilde zu bekennen, die der all gemeinen Wohlfahrt gewiß keinen Vorschub leistet. Alles scheint mit jen£n Studenten eines Sinnes, die da einer ganzen Schichte von Staatsbürgern als rücksichtslose Feinde gegeiiüfoerstehen. Was soll aus diesen Dingen werden? Wohin soll diese Studentenpolitik führen? Nach innen und nach außen ist ihre W'irkuog von uniabsehbaren Folgen. Studenten als Träger der Staatspolitik! Es hat wohl Zeiten gegeben, wo die Studentenschaft bis zu einem gewissen Grade in den Gang der öffentlichen Begebenheiten einzugreifen vermochte. Das jugendliche Temperament und wahrer unverfälschter Patriotismus zogen die künftigen Männer zu Gestionen hin, die man tatsächlich nur als Evolutionen stürmischer Natur, als Kundgebungen innerster Begeisterung für das Wohl des Staates und seiner Angehörigen auffassen mußte. Unwillkürlich sieht man sich bei diesem Gedanken veranlaßt, einen Vergleich zu ziehen zwischen den gegenwärtigen Begebenheiten und den Ereignissen von 1848. Da sind die Studenten ebenfalls in die Arena getreten, haben ihren Gesinnungen in Reih und Glied Ausdruck gegeben. Ihr Eintreten aber galt der Freiheit, galt edlen Zwecken, die jedermann zugute kamen. Und diese Studenten standen unter hoher geistiger Führung, unter der Aegide von Männern, die nur altruistische Ziele vor Augen hatten. Da gab es keine Ueberfälle auf wehrlose Staatsbürger, keinen Klassen- und Rassenhaß, das war eine einzige Gemeinschaft ohne Unterschied des Glaubens, die nur Idealen geistiger und körperlicher Freiheit nachstrebten. Welcher Unterschied von einst und jetzt. Radaubrüder allergewöhnlichster Art tummeln sich vor unseren Augen umher, beflegeln und attackieren alles, was nicht zum alleinseligmachenden Hakenkreuz geschworen. Von Edelmut, von idealen Bestrebungen absolut keine Spur. Gerade das Gegenteil von all dem. Nur Beschimpfungen, Besegelungen und andere lobenswerte Allüren, darin äußert sich das bemerkenswerte Dasein dieser sogenannten Heldenjungen. Und nichts steht ihnen im Wege, wo sie sich in geradezu staunenswerter Ungebundenheit bewegen. Man sollte glauben, daß die maßgebenden Stellen diesen Vorgängen ohnmächtig gegenüberstehen, daß sie der politisierenden Studentenschaft nicht Herr zu werden vermögen, daß ihnen keinerlei Mittel zur Verfügung stehen, solchem gesetzwidrigen Tun den Boden zu entziehen. Aber man glaubt es nicht, weil man es nicht glauben kann. Alle Welt ist ja der Ueberzeugung, daß eine Staatsgewalt die Macht haben muß, solchem schaindvollien Treiben so rasch als möglich ein Ende bereiten zu können. Es sei denn, daß man eine solche Stud'entenpolitik gutheißt, sie noch fördert, wenn nicht anders als durch müßiges Zusehen. Unter solchen Umständen darf man sich keineswegs wundern, daß den studentischen Hetzbrüdern und ihren nichtstudentischen Helfershelfern immer mehr der traurige Mut wächst und sie sich somit gehen lassen, wie es ihnen beliebt. Und so folgte die Schließung unserer Hochschulen, und so unterblieb der angesagte Besuch eines fremden Ministers, und so leidet der Fremdenverkehr und so leidet ganz Wien, weil, nun weil keiner in eine Stadt kommen will, wo Studentendemonstrationen unter stiller Duldung gewisser Orte den Fremdenhaß predigen. Das wird natürlich einen lebhaften und großartigen Eindruck im Auslande hervorbringen. Das wird uns, die wir leider auf auswärtigen Kredit angewiesen sind, einen Stein im Brett beim Ausland verschaffen und uns die so notwendigen Anleihen

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