Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1925
- Issue
- Heft 22 (5.6.1925)
- Date
- 1925-06-05
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 4 DIE WAHRHEIT Nr. 22 Arbeiter-Presse'* die strafgerichtliche Anzeige wegen gefährlicher Drohung und Aufreizung zu Feindseligkeiten erstattet, während gegen die „Deutschösterreichische Tageszeitung", das Blati der Großdeutschen, bisher noch nicht eingeschritten wurde. Spät, sehr spät erfolgt dieses Einschreiten der Polizei, da che systematische Mordhetze, welche von den hakenkreuzlerischen Blättern gegen Ruhe und Ordnung im Staat betrieben wird, bereits viel Unglück angerichtet und arge Verwirrung in unreifen Gehirnen hervorgerufen hat. Denn die Ausschreitungen in Mödling, die Vorfälle an den Hochschulen und viele ähnliche bedauerliche Ereignisse erscheinen undenkbar ohne die andauernden wüsten Aufreizungen genannter Blätter. Hier wurde die Drachensaat gesät, die so schauerliche Früchte hervorbrachte, hier werden junge Menschen seelisch infiziert und in ihren Gehirnen wird jene krankhafte Mentalität hervorgebracht, welche dann Mord, Totschlag und Gewalttat zur Folge hat. Die Aufreizungenund Hetzereien der antisemitischen Zeitungen verhalten sich demnach zu den traurigen Geschehnissen der letzten Tage wieUrsachezur Wirkung. Wer die Wirkung vermeiden will, muß gegen ihre Ursache einschreiten. Dies hat nunmehr die Polizeidirektion erkannt und es liegt nun in der Hand des Staatsanwaltes, die sich aus dieser Erkenntnis klar und deutlich ergebenden Schlußfolgerungen zu ziehen. Gehört es doch zu den obersten Pflichten der Staatsanwaltschaft, alle Bürger vor verbrecherischen Anschlägen gegen ihr Leben und Eigentum zu schützen und nicht nur die unmittelbar Schuldigen, sondern auch die mittelbar an den Gewalttätigkeiten Schuldtragenden zur Verantwortung zu ziehen. Lange genug hat die Hetze der Hakenkreuzler gedauert. Nun aber ist das Maß voll und wir halten den Moment gekommen, feierlich zu erklären: Mag das Judentum i n O e s t e r r e i c h au ch in vielesich gegenseitig bekämpfende Parteien und Gruppen gespalten sein, es wird wie ein Mann für sein Recht und seine Ehre einstehen, wenn es weiterhin in dieser Weise angegriffen ,ui n 4 beleidigt wird. Ist es .aiuch1 schwach an Zahl, so hat es doch einen mächtigen Bundesgenossen, die Gerechtigkeit seiner Sache. Wer dem geringsten Juden wegen seines Judentums etwas zu leide tut, der fordert das Judentum als Ganzes heraus. Wir wünschen den Frieden und haben um des* Friedens willen genug Opfer gebracht und hinreichend Langmut bewiesen. Wollen aber die Hakenkreuzler den Krieg, den Krieg zur Vernichtung des Judentums, dann werden wir uns zu verteidigen wissen. Goethe und die Juden. (Schluß.) Da ausgezeichnete Büchlein Teweles zerfällt in vierzehn Abschnitte. Den ersten, als den grundlegendenhaben wir in der vorletzten Nummer ausführlich behandelt; der zweite beleuchtet im Anschlüsse an die Stempelung Goethes zum Juden die Frage „Goethe ein Christ?" Antwort: „Gewiß hat er die ^■■■■■■■■■■■■■■■■■■■■■■■■■mmgmmnam>>BM,MiiigM„aM1MMiM j Hebräisch : durch Selbstunterricht : nach der weltbekannten Methode Toussaint - Langenscheiöt 5 Der 2. Kursus ist soeben erschienen. Damit liegt das Werk vollständig vor. Es ist jetzt lieferbar: Kursus I: Brief 1—18 und 2 Beilagen. In Karton! und Decke 18 M. : Kursus II: Brief 19—36, 1 Beilage und Sachregister. : In Karton und Decke 18 M. i Das vollständige Werk (Kursus I und II) in Karton und Decke 30 M. S Bei Verpflichtung zur Abnahme eines Kursus können die ■ Briefe auch einzeln für je 1 M bezogen werden (monatlich S 2 Briefe). S Die Unterrichtsbriefe nach der Methode Toussaint-Langen- ■ Scheidt liegen außerdem vor für: Englisch, Französisch, ■ Italienisch, Niederländisch, Polnisch, Portugiesisch, ■ Rumänisch, Russisch, Schwedisch, Spanisch, Ungarisch; ■ Altgriechisch; Lateinisch. Preise wie für Hebräisch. S Durch jede Buchhandlung zu beziehen. S Probelektion H 30 (gewünschte Sprache bitte anzugeben) S kostenlos und portofrei vom Verlag ■ Langenscheldtsche Verlagsbuchhandlung (Prof. 5 G. Langenscheidt), Berlin-Schttneberg. (Gegr. 1866) Person Jesu Christi höchst verehrt und das Göttliche in seinen Lehren, das heißt, das ewig Menschliche darin anerkannt. Allein er hat dieses überall dort, wo er es fand, in gleichem Maße und Sinne gewürdigt und alle jene entschieden abgelehnt, die sich auf die Ausschließlichkeit Christi berufen und sich ein Ausschließungs- und AusschließlichkejtSr recht anmaßen." Der dritte Abschnitt behandelt u. a. ausführlich das bekannte Esther-Fragment im Jahrmarkt vom Plundersweiler, weil Goethe „die jüdische Frage nirgends so gescheit und objektiv behandelt" hat, wie in diesem Stücke, dem als Vorbild ein weitverbreitetes, auch in der Bibliothek seines Vaters vorhandenen jiddisches Purimspiel von Ahasver gedient haben dürfte. Die Szene zwischen Haman und Ahasver wird ganz wiedergegeben und gezeigt, wie Haman, hinter dem nach den Antisemiten Goethe (!) stehen soll, das Arsenal seiner vergifteten Pfeile — sie werden noch heute in deutschen Landen an heimlichen Orten verwahrt — erschöpft. Im vierten Abschnitt kommen u. a. „Nathan der Weise" (s. o.), im fünften die Bibel, im sechsten und siebenten Frankfurt a. M. und dessen Juden daran. In Goethes Vaterstadt saßen, als er jung war, die Juden noch im Ghetto, das allabendlich durch Ketten abgesperrt und von Stadtsoldaten hinter festen Toren bewacht wurde. Deshalb muß es als gehässige Entstellung gekennzeichnet werden, wenn manche Aeußerungen Goethes über die Juden aus jenen Tagen als unverändertes Gefühls- und Vorurteil des Dichters ausgegeben werden. Denn selbst unter dem verstimmenden Eindruck des Frankfurter Ghettos, durch das der junge leichtherzige Mensch wißbegierig strich, bewahrte sich Goethe ein mitfühlendes Verständnis für die Insassen, deren Gehaben er mit einem aus Widerwillen und Belustigung gemischten Gefühl beobachtete, lernte von einem getauften Polizisten das Judendeutsch und stellte literarische Versuche in diesem Idiom an.