Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1925
- Issue
- Heft 22 (5.6.1925)
- Date
- 1925-06-05
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Hr. 22 Öi£ WAfljRHÜt Seite 3 diese Weise das Judentum am empfindlichsten getroffen werden. Klar und deutlich geht dies aus mehreren Artikeln und Aufrufen hervor, die fast gleichzeitig in der großdeutschen „Deutschösterreichischen Tages-Zeitung" und der nationalsozialistischen „Deutschen Arbeiter-Presse" erschienen sind. Zu welchem Zwecke führt die „Deutschösterreichische Tages-Zeitung" vom 27. Mai die Namen und genauen Adressen der Wiener Freimaurerlogen und verschiedener jüdischer und humanitärer Vereine an? Wozu nennt sie die Namen und Adressen der bedeutendsten Mitglieder dieser Vereine? Wenn genanntes Blatt immerfort davon phantasiert, daß in diesen Körperschaften die „jüdischen Weltherrschaftspläne" geschmiedet werden und daß die Führer dieser Gesellschaften und Vereine die „einzi'g Schuldigen an der Versklavung des deutschen Volkes sind", ist es dann ein Wunder, wenn junge, unreife Gemüter die wiederholten Aufforderungen dieses Blattes, „d'as deutsche Volk von diesen Schädlingen zu befreien" allzu wörtlich nehmen? Vergiftet durch solche Lektüre nimmt dann ein junger Bursche dien Revolver zur Hand und schießt auf jemand, den er nie gekannt und der ihm nie etwas Böses getan hat. Zwei Menschenleben sind gleichzeitig vernichtet. Der wahre Schuldige aber wäscht seine Hände in Unschuld. Die „Deutsche Arbeiter-Presse" geht noch weiter und bringt in ihrer Nummer vom 30. Mai 1925 unter der Ueberschrift „Einige der Rathenauschen 300" eine Liste von hervorragenden jüdischen Journalisten, Industriellen und Bankleuten, welche sie ihren Anhängern zur „besonderen Beachtung" empfiehlt. Zu diesem Zwecke folgt auf jeden Namen die genaue Wohnungsadresse, also z. B., um irgend einen Namen herauszugreifen: Bernhard Popper-Artberg, Direktor des Wiener Bankvereines, im Winter 1. Bezirk, Stadiongasse Nr. 6—8, im Sommer: 17. Bezirk (Dornbach), Neubaugasse 9. Die Vorgeschichte des Attentats auf Hugo Bettauer zeigt deutlich, was die „Anprangerung" in der „D. A. P." zu bedeuten hat. Es ist die Aufforderung zur „Unschädlichmachung"' des betreffenden Menschen. Noch deutlicher aber weist der Titel, welchen das Hakenkreuzleirblatt dieser Proskriptionsliste gegeben hat, auf die Absicht hin, welche diesen Namensnennungen zugrunde liegt. Die wüste Hetze, die einst gegen den ehemaligen deutschen Reichsminister des Aeußeren Walther Rathenau von den Deutschvölkischen betrieben wurde, erreichte ihren Höhepunkt in einem Aufsatz des „Miesbacher Anzeigers", der sich mit Rathenau beschäftigte und in folgende Aufforderung ausklang: „Knallt nieder Walther Rathenau, die gottverfluchte Judensau!" Wenige Tage darauf war Rathenau eine Leiche; Deutschland stand an der Bahre seines fähigsten Außenministers der Nachkriegszeit. Der Sinn des Hinweises auf Rathenau ist demnach: „Möge es den hier Angeführten geradeso ergehen, wie es einst Walther Rathenau ergangen ist!" Nunmehr hat die Polizeidirektion gegen den Redakteur Walter Gattermayer und gegen den verantwortlichen Schriftleiter der „Deutschen die beste Art, Einblick zu gewinnen in die verschiedenen Richtungen der heutigen Lehre, ohne daß es wie die meist trockenen Darstellungen lehrhaft wirkt; es ist ja wirklich gelebt, wirklich erkämpft, wirklich durchpulst von warmem Blut. Und das macht das Werk über die Grenzen des Fachgebietes hinaus wertvoll. Der Verlag hat durch die Ausstattung das Seine getan, um dem Werke viele Freunde zu verschaffen. — Eine Darstellung der „Grundprobleme der theoretischen Volkswirtschaftslehr e"1) gibt Wolfgang Heller. Hier ist in gedrängter Form von einem hervorragenden Fachmann das Wertproblem, das Preisproblem, die Frage der Einkommenverteilung (Grundrente, Kapitalzins und Unternehmergewinn, Arbeitslohn) in seiner Entwicklung dargestellt. Es dürfte kaum eine bessere Darstellung geben, die derart kurz und dennoch durchaus gründlich und umfassend uns in das riesige Stoffgebiet einzuführen vermöchte. Diese Vorzüge müssen wir dem in der gleichen Ausgabe erschienenen „Abriß der Sozialpolitik"5) von Ludwig Heyde zuerkennen. Nach einer Definierung des Wesens der Sozialpolitik und Darstellung ihrer Geschichte führt Heyde uns in die Probleme der Gegenwart ein, die sich in drei Gruppen einteilen lassen: Schutz der Arbeitskraft, Lohnschutz und Schutz der Persönlichkeit. Die Aktualität des Themas einerseits und die treffliche Darstellung anderseits sichern dem Werke weite Verbreitung. Lesern, die sich mehr mit der philosophischen Frage der Nationalökonomie befassen wollen, sei Kerschagls „Einführung in die Methodenlehre der Nationalökonomie"0) empfohlen, das eine Lücke in der Fachliteratur ausfüllt. Denn die Dogmengeschichte sah bisher fast nur das Ergebnis, nicht aber auch die Methode der Gewinnung als darstellungswert an. Kerschagl bringt uns erst eine gründliche Darstellung der Lehren der *) Quelle & Meyer. Leipzig 1924. II. Auflage. Mk. 1.60. °) Quelle & Meyer. Leipzig 1923. IV. Auflage. Mk. 1.60. 6) Hölder-Pichler-Tempsky, Wien 1925. bedeutendsten Autoren von Physiokraten bis zu den neuesten Autoren, wie Oppenheim und Spann. Im zweiten Teil erörtert er die Hauptprobleme der Methodenlehre. Ein hochaktuelles Thema — „Freihandel oder Schutzzoll" — behandelt Prof. Dr. Gruntzel in seiner „Theorie des zwischenstaatlichen Wirtschaftsverkehres".7) Der Autor, seit Jahrzehnten Spezialist auf diesem Gebiete, stellt die zwischenstaatlichen Wertübertragungen nicht bloß als äußeren Zuwachs oder Abgang des Volksvermögens dar, sondern auch ihre Rückwirkung auf das Verhältnis von Produktion und Konsum im Inlande; ihm ist Export und Import nicht dasselbe wie Ein- und Verkauf beim Kaufmann. Denn verzichtet das Land auf die Selbstherstellung der Ware, die es billiger importieren kann, so wird es durch die Verminderung der Produktivität schwer geschädigt. So ergibt sich die Forderung nach Schutzzoll. Die Schrift hat, besonders durch die Wirtschaftskrise, unter deren Ursachen das Zollproblem oft hervorgehoben war, Anspruch auf besonderes Interesse. Das Verhältnis von „Staat und Wirtschaft"8) behandelt eine kleine Schrift von Prof. Dunkmann, ein Thema, zu dem unter dem Titel „Staat oder Wirtschaft" neunzehn hervorragende Fachmänner des Katheders, der Politik und Praxis Stellung nehmen. Die Frage nach dem Primat wird je nach der Ansicht des Autors beantwortet. — Kaum hundert Seiten stark, aber von größter Aktualität und größtem Interesse ist das Büchlein „Das England der Gegenwar t"9) von Max Beer. An der Hand von wertvollen Statistiken zeigt Beer die ganze wirtschaftliche Situation Englands, wie sich diese in der Innenpolitik (Verhältnis zu den Dominions) und in der Außenpolitik auswirkt Das Parteiwesen, insbesondere die Labour Party wird eingehend geschildert. (Fortsetzung folgt.) 7) Ibid. 1924. 8) Schriften der Vereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände, Verlag Fr. Zillesen. Berlin 1919. 9) Verlag für Sozialwissenschaft, Berlin SW. 68.