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Die Wahrheit · 1925-06-05 · Heft 22 (5.6.1925) · page 4

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1925
Issue
Heft 22 (5.6.1925)
Date
1925-06-05
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Seite 2 DIE WAHRHEIT Nr. 22 viel geändert und. dies haben sich seit jeher Schlauköpfe, wie Taxil einer war, zunutze gemacht, um ihre eigensüchtige Ziele zu verfolgen. Aber nicht bloß „Enthüllungen", auch bemerkenswerte wissenschaftliche „Entdeckungen* wurden in jüngster Zeit gemacht welche in der Lage sind, erwähnte „arische" Weltanschauung zu stützen. Insbesondere sind hier die Forschungen Franz v. Wendrins ziui erwähnen, der entdeckt hat, wo eigentlich das Paradies lag. Die Stätte, an welcher Adam und Eva weilten, befand sich selbstverständlich in — Pommern und im benachbarten Mecklenburg. Der Garten Eden liegt in der Gegend von Demmin (wo denn sonst? Die Red.). Adam, ein rotbrauner Bastard, von den Germanen, den „Göttersöhnen" aus dem Neandertaler durch Kreuzung zum Halbmenschen emporgezüchtet, will seinen Wohltätern das Paradies rauben. Er verführt Eva, eine blonde Germanin, und wird hierauf durch die Cherusker (soviel wie Cherubim) aus dem germanischen Paradies vertrieben. Die wißbegierigen Leser werden fragen, woher Herr von Wendirim zu dieser hohen Weisheit gekommen slei. Im unzugänglichen Norden Europas, an unbekannten stellen: Felswendien hat dieser emsige Forscher jahrtausende alte Runenschriften der germaniischen Vorfahren entdeckt und der staunenden Mitweit zur Kenntnis gebracht. Er hält selbstverständlich den Ort, wo sich diese geheimnisvollen Zeichen befinden, strenge geheim; damit kein Unberufener diese vor ihm entziffern kann. Selbst Theodor Fritsch schenkt diesem so offenkundigen Blödsinn keinen Glauben <umd warnt die völkische Jugend sogar davor, „sich in einer überspannten Germanenschwärmerei von so kindischen Phantastereien gefangen nehmen zu lassen und nicht jedem nachzulaufen, der eine neue Heilsbotschaft (!) aus alten Uöberlieferungen herausdeuten will. Die völkische Sache hat so tiefe und ernste Grundlagen nüchternster Tatsächlichkeit (zum Beispiel „Die Protokolle der Weisen von Zion", die Red.), daß sie aller Phantastereien entbehren kann." Auch hält er es für möglich, daß in Paris eine Fälscherzentrale besteht, „die die Völker planmäßig mit verwirrenden Nachrichten überschwemmt und durch Verhöhnung aller ernsten Geistesbewegungen (zum Beispiel des Rassenantisemitismus. Die Red.) dem Bolschewismus (wem denn sonst? Die Red.) in die Hände arbeitet." Sollte es sich also doch — man kann nie wissen — herausstellen, daß auch die „Protokolle der Weisen von Zion" dieser oder einer anderen 'Fälscherzentrale entstammen, dann — ja dann sind eben die „Protokolle der Weisen von Zion" von niemand anderem als von diesen „Weisen" selbst, eben zu dem Zwecke gefälscht worden, um, wie Fritsch sagt* „die Völker planmäßig zu verwirren und schließlich dem Bolschewismus in die Arme treiben." Das Maß ist voll. Immer aufreizender und zügelloser wird das Treiben der Hakenkreuzler und Nationalsozialisten, immer frecher und herausfordernder die Sprache ihrer Presse, die ihre Anhänger ganz offen zur Ausrottung des Judentums auffordert. Als Zielscheibe ihres Hasses dienen den Hakenkreuzlern , vor allem, die jüdischen Vereine und jene Juden, welche im öffentlichen Leben eine hervorragende Rolle spielen. Hier soll offenbar die Ausrottung einsetzen und! auf Feuilleton Politische Bücher. Ein bekannter Politiker meinte einmal, Oesterreich sei das Land, in dem am meisten von Politik gesprochen und am wenigsten verstanden werde. Denn die Leitartikel verhindern eine vernunftmäßige Meinungsbildung. Dieses Scherzwort ist nicht ganz unrichtig. Wenn auch die letzten schweren Jahre den Oesterreicher über vieles zum Nachdenken gebracht haben, so ist seine politische Bildung noch nicht so tief, wie es die Situation erfordern würde. Allerdings ist eine solche Reife nicht durch Zeitungslektüre zu erwerben, sondern erfordert eine liebevolle, eingehende Beschäftigung mit dem Stoff. Im nachstehenden weisen wir auf eine Reihe von Neuerscheinungen aus den Gebieten der Politik hin, deren Lektüre wir im Sinne einer solchen Vertiefung empfehlen können. „W irtschaft und Gesellschaf t"1) ist der Titel einer Festgabe, die Freunde und Schüler Franz Oppenheimer zum sechzigsten Geburtstage dargebracht haben. Diese Beiträge zur Oekonomik und Soziologie weisen Reichhaltigkeit in jeder Beziehung auf: Theoretische Nationalökonomie,. Wirtschaftspolitik und Gesellschaftslehre sind qualitativ und quantitativ hervorragend vertreten- Wilbrandt erörtert das „Zentralproblem der Nationalökonomie als praktische Wissenschaft", Nelson die „Philosophischen Vorfragen der Sozialpolitik", während Brück „Kritik einer eudaimonistischen Oekonomik" liefert Von anderen wird Begriff und Zweck der Wirtschaft, die ökonomische Theorie des Imperialismus, die Marxsche Krisentheorie u. v. a. behandelt Für uns ist von besonderem Interesse ein Beitrag des berühmten Nationalökonomen der Sorbonne Prof. Charles Gide über die „Zionistische Kolonisation". Die Möglichkeiten der Erbpacht auf der *) Frankfurter Sozietätsdruckerei, Abt Buchverlag 24. die Idee des jüdischen Nationalfonds beruht läßt den Autor eine Revolution in der sozialen und wirtschaftlichen Ordnung erwarten. Wenn die Form einer Genossenschaft als eine Lebensform sich durchsetzt dann werden sich die Prophezeiungen eines'Jesaja erfüllen und von Zion wird die Lehre ausgehen. Hervorheben wollen wir noch den Beitrag „Zur Soziologie der modernen Revolutionen" von Kurt Bloch, die Aufsätze „Die Geschichte bei Vico und Montesquieu" von G. Meyer und „Geschichte als Ideologie" von G. Salomon. — Als Festgabe können wir auch die Herausgabe des „Reichtum der Nationen" von Adam Smith2) betrachten. Diese beiden Bände, auch als „Bibel der Volkswirtschaft" bezeichnet haben ihrem Autor den Titel des „Vaters der Nationalökonomie" eingetragen. Mit ihrem Erscheinen im Jahre 1776 beginnt die „klassische Schule", die auch noch heute, nach 150 Jahren, wirksam ist. Wenn auch die Wissenschaft vorwärts geschritten ist, der „Wealth of Nation" veraltet nicht Und wir werden bei der Lektüre begreifen, daß dieses Werk alles vor ihm erschienene in den Schatten stellen mußte. Denn das durch die Physiokraten wachgerufene Interesse fand hier zum erstenmale Befriedigung durch eine allseitige, historische, realistische Betrachtungsweise. Und auch wir sind dem Verlag dafür dankbar, daß er uns das Werk typographisch einwandfrei wieder zugänglich gemacht hat — Ebenso wertvoll wie originell ist die von Dr. Felix Meiner herausgegebene Sammlung „Die Volks wir tschaft slehreder Gegenwart",3) deren erster Band bereits vorliegt. In Selbstdarstellungen ihrer Lehre kommen hier die Vertreter aller Richtungen zu Wort, neben den Sozialisten Bernstein (der hier auch über sein Verhältnis zum Judentum spricht) und Kautsky der Führer der katholischen sozialen Bewegung Heinrich Pesch und die Vertreter des Katheders Diehl, Herkner, Liefmann und Wolf. Diese Art Autobiographien gibt dem Werke etwas Anziehendes und Lebendiges. Es ist 2) Alfred Kröner, Leipzig 1924, 2 Bd., K 25.200. 3) Felix Meiner, Leipzig 1924. Mk. 10.—, Hlbd.

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