Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1925
- Issue
- Heft 21 (29.5.1925)
- Date
- 1925-05-29
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
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SKS^tti^mtMimimmmimMmmmmmmammmi»mmmmmm MMmtMiottMittiiiiiaM^ Veröffentlidiungen der •MMMMMMMMiinMiiiiinn Wien IX. „Union deutschösterreichischer Juden j Postsparkassen - Konto M \ Nr. 3464 Telephon Nr, 19.2-77 l%»»MJ!»M»"JW>PP^«"MM»«""»WM«WM.««l Jahresbericht der „Union deutschösterreichischer Juden". In der am 18. Mai abgehaltenen V. ordentlichen Delegiertenversammlung wurde folgender Tätigkeitsbericht erstattet: Sehr geehrte Delegierten Versammlung! Das abgelaufene Vereinsjahr stand weniger im Zeichen der Politik als sein vorjähriges. Kein Ereignis von Bedeutung, das die „Union deutschösterreichischer Juden" in ihrem Wesen tangiert hätte, hat sich während dieser Periode abgespielt. Nichtsdestoweniger zog die Aenderung in der Regierungssphäre Deutschösterreichs Folgen nach sich, die sich innerhalb des Judentums stark fühlbar machten und der Vereinsleitung zu schaffen gaben, während ein anderes wichtiges Ereignis innerhalb der Wiener Judenschaft selbst, nämlich die Wahlen in den Kultusvorstand in Wien die „Union" durch geraume "Zeit voll und ganz in Anspruch nahm. Ehe wir auf diese beiden Tatsachen zu sprechen kommen, sei betont, daß die „Union" getreu ihrer Devise, den Schutz der staatsbürgerlichen Rechte ihrer Glaubensgenossen keinen Augenblick außeracht zu lassen und die Angriffe auf das Judentum abzuwehren, bei jeder Begebenheit, die ihr Einschreiten er- . forderte, zur Tat griff und den Gegenstand mit bestem Wissen und Gewissen einem gedeihlichen Ende zuzuführen bestrebt war. Es gab mannigfache Vorsprachen bei kompetenten Stellen, mancherlei Eingaben an Behörden und andere Interventionen, auf die wdr noch zurückkommen werden. Nunmehr sei es uns gestattet, den zwei Richtungen, in denen sich die „Union" hauptsächlich zu bewegen hatte, die notwendige Erklärung zu widmen. Während der Regierung Seipel ist der stets tosende Sturm des Antisemitismus nur stellenweise über "die Ufer getreten. Es gärte allseits gegen die Juden, doch ist es innerhalb dieser Zeit nur in selteneren Fällen zu Exzessen in Wort und Schrift gekommen, die aber späterhin nur allzu stark in Erscheinung traten. Zu Ende der Seipelschen Verwaltungsperiode und mit dem Antritte der neuen Regierung hat die' Hydra des Antisemitismus in auffallender Weise ihr vielteiiäges Haupt erhoben. Damit sei keineswegs gesagt, daß etwa das Programm der neuen Regierung zu einem solchen intensiven Auftreten des Judenhasses und der Judenhetze sichtbaren Anlaß gegeben; im Gegenteile wird dem neuen Bundeskanzler Objektivität und Gerechtigkeit nachgerühmt. Es mag nur eine seitens unserer Gegner von falscher Voraussetzung ausgehende Annahme gewesen sein, daß sie unter der gegenwärtigen Regierung sich freier geben könne als unter der gemäßigten Zone Seäpels, — einerlei, — im Effekt bleibt es sich gleich. Unsere Gegner begannen sich in maßlosen Ausfällen gegen die Juden zu ergehen. Kein Mittel war ihnen zu schlecht, als daß sie es nicht gegen dSe Juden angewendet hätten. Verleumdungen, andere boshafte Erfindungen, die ihre schädliche Wirkung ausüben sollten, waren allseits an der Tagesordnung. Man verstieg sich sogar zur Abwechslung neuerlich bis zu zu dem tausend- und tausendfach widerlegten Märchen vom Ritualmord. In bezug auf die Verkürzung von staatsbürgerlichen Rechten der Judenheit steht die Gebarung einiger Ortschaften innerhalb der Bundesländer, die unseren Glaubensgenossen während des Sommeraufenthaltes Unterkunft und Speise verweigerten, an erster Stelle. Und das war auch der erste Moment, wo die „Union" mit voller Tatkraft eingriff. Aus der großen Fülle unserer Abwehrarbeiten wollen wir nur einige besonders prägnante Aktionen hervorheben. Den Reigen der judengegnerischen Stellen eröffnete die Ortschaft Lurnfeld, wo der alldeutsche Verband in Möllbrücke in Kärnten einer Wiener Dame die Mitteilung zukommen ließ, daß über Beschluß des alldeutschen Verbandes in Möllbrücke nur arische Sommergäste aufgenommen und verpflegt werden, und daß die Adressatin die arische Abkunft ihrer Familie nachweisen wolle, „damit ihr eventuelle Unannehmlichkeiten erspart bleiben". Schließlich wurde der Dame noch mitgeteilt, «daß die Gastwirte angewiesen wurden, Nicbtariern keine Speisen zu verab^chen". Das Präsidium der „.Union" hat sofort »ach Kenntnisnahme des Vorfalles an die Landesregierung in Kärnten unter Hinweis auf die in diesem Beschlüsse der Ortsgruppe liegenden, mannigfaltigen Verstöße gegen die Staatsgrundgesetze, die Gewerbeordnung, sowie gegen das Vereins- und das Strafgesetz, wegen Abstellung dieses gesetzwidrigen Vorgehens eine dringende Eingabe gerichtet, gleichzeitig wurde die Staatsanwaltschaft in Klagenfurt von diesem strafgesetzwidrigen Beschlüsse verständigt. Die Landesregierung in Kärnten hat trotz Urgenz bis zur Stunde eine Verständigung über die von ihr verfügte Erledigung uns nicht zukommen lassen^ während die Staatsanwaltschaft in Klagenfurt mit ihrer Zuschrift vom 4. Dezember erklärte, keinen Grund zur strafgerichtlichen Verfolgung dieser Ortsgruppe gefunden zu haben. Es braucht nicht unterstrichen zu werden, daß sich die Vereinsleitung der „Union" mit diesem offenbar insbesondere gegen § 484 Str.-G. verstoßenden Bescheide nicht zufrieden geben konnte. Gelegentlich des Empfanges einer Abordnung des neuen Präsidiums der israelitischen Kultusgemeinde bei dem Bundespräsidenten Dr. Hainisch hat der Präsident der „Union" die Aufmerksamkeit des Bundespräsidenten auf den Fall Lurnfeld gelenkt. Herr Dr. Hainisch, welcher im Laufedes Gespräches rügte, daß von manchen Bürgern die herrlichen österreichischen Sommerfrischen zugunsten des Ausr landes vernachlässigt werden, versprach> mit dem Landeshauptmann von Kärnten, Herrn Dr. Schumy, über die Sache sprechen zu wollen. Anläßlich der Länderkonferenzen, welche die Landeshauptleute in Wien versammelten, richtete 'die Vereinsleitung der „Union" eine spezielle Eingabe .an den Herrn Bundespräsidenten mit dem Ansuchen, Herr Dr. Hainisch möge mit dem vermutlich in Wien anwesenden Dr. Schumy die dringliche Sache ordnen; zugleich legten wir einen Aufruf des Nationalsozialistischen Vereines in Türnitz vor, in welchem gleichfalls die Ortsbewohner von der Aufnahme von jüdischen Sommerfrischlern, den Angehörigen dieser „ekelerregenden Rasse" gewarnt werden. Wir haben dem Herrn Bundespräsidenten gegenüber sowohl mündlich, als schriftlich die Gefahren betont, die solche Beschlüsse auch in volkswirtschaftlicher Hinsicht mit sich bringen müssen, wenn einerseits die jüdischen Staatsbürger des Inlandes gezwungen wären, im Auslande Erholungsstätten zu suchen, anderseits die ausländischen Juden sich veranlaßt sehen würden, unsere Sommerfrischen zu meiden. Es ist zweifellos, daß der Herr Bundespräsident, dessen allen Staatsangehörigen gegenüber gleich gerechte Gesinnung uns wohl bekannt ist, die Angelegenheit in die richtigen Wege gelenkt hat. Allein bis jetzt entbehren wir leider einer Mitteilung über den Erfolg dieser Intervention, die uns aber hoffentlich recht bald zukommen dürfte. Eine weitere Betätigung unseres Vereines richtete sich nach einer anderen Seite. Der „Eiserne Besen" in Salzburg, mit dessen blutrünstigen Artikeln gegen die Juden die „Union" sich schon im Vorjahre befassen mußte, hat es für gut befunden, wieder einmal Ritualmordlügen seinen Lesern aufzutischen. In seiner Nummer vom 9. Juli v. J. wußte das Blatt unter der Aufschrift „Aufgedeckter Ritualmord- und Blutraubversuch" eine Historie zu erzählen, die sich in Wien mit einer Dienstmagd durch den angeblichen Arzt Dr. L. Dürnstein in Mariahüf zugetragen habe. Natürlich erwies sich die Sache als plumpe tendenziöse Erfindung; es gelang uns durch ein amtliches Zeugnis der Wiener Aerztekammer nachzuweisen, daß ein Arzt dieses Namens in der Liste der Wiener Aerzte nicht eingetragen war. JDer eiserne Besen" brachte in derselben Nummer einen zweiten Fall, in welchem selbst ein unbedingter Anhänger dieses Schmutzblattes nicht einmal eine entfernte Vorbereitung zu einem solchen Verbrechen hätte erblicken können. Auch hier gelang es uns nachzuweisen, daß der Rabbiner, welchem diese Vorbereitung zur Last gelegt wurde, nur in der Phantasie dieses verbrecherischen Schundblattes lebte. Die ,jUnion" hat nicht ermangelt, in einer Zuschrift an das Bundeskanzleramt für Justiz unter Anführung anderer aufreizender Stellen des genannten Hetzblattes und hauptsächlich wegen des Blutmärchens um geeignete Maßnahmen anzusuchen. Nach längerer Zeit erklärte die Staatsanwaltschaft Salzburg mit Zuschrift vom 16. August v. J. — genau nach dem Jflagerrfurter Muster — keinen Grund zur Verfolgung 4es „Eisernen Besen" wegen des Inhaltes des inkriminierten Artikels gefunden zu haben. Diese Erledigung ist nicht ohne Interesse; die .iUniori" natte namlieh um diese