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Die Wahrheit · 1925-05-29 · Heft 21 (29.5.1925) · page 9

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1925
Issue
Heft 21 (29.5.1925)
Date
1925-05-29
Page
– (sequence 9)
Language
German
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Im September sprach Lassalle dreimal in Barmen, Solingen und Elberfeld über das Thema: „Die Feste, die Presse und der Frankfurter Abgeordnetentag." Die Rede war eine schonungslose Abrechnung mit der Fortschrittspartei und eine Huldigung an die Adresse Bismarck's, mit dem er, wie es scheint, im Laufe des Sommers bekannt geworden war. „Und wenn wir Flintenschüsse mit Herrn von Bismarck wechseln, so würde es die Gerechtigkeit erfordern, noch während der Salven einzugestehen: Er ist ein Mann. Die Liberalen aber sind alle Weiber!" Und als der Bürgermeister von Solingen, Mitglied der liberalen Fraktion des Abgeordnetenhauses, die dortige Versammlung auflöste, sandte Lassalle an Bismarck das telegraphische Ersuchen um Genugtuung. Sie wurde ihm insoferne, als am 19. November der preußische Minister des Innern bei seiner Kritik der Presseverhältnisse mit ausdrückichem Hinweis auf Lassalle und die Solinger Rede Lassaille's Argumente gebrauchte. _ (Fortsetzung folgt.) Glossen. Es wäre vielleicht übertrieben zjm behaupten, daß die Vorfälle, deren Schauplatz in den jüngsten Tagen die Technik war, nicht auch Anlaß zu ernsten Betrachtungen gegeben hätten. Nörgler von Beruf und Neigung werden gewiß in erster Reihe diesen sich zuwenden. Ich aber möchte es umgekehrt machen und zunächst mich an die erfreulichen Momente halten. War es zum Beispiel nicht erhebend die Wahrnehmung machen zu können, daß in Oesterreich der Wissenschaft eine solch außerordentliche Achtung gezollt wird, daß die ihrer Pflege geheiligten Stätten unter keinen Umständen von Wachmännern betreten werden dürfen? Welch sinnige Huldigung des Staates, der diesen Paragraphen vertritt, vor der Freiheit des Geistes! Polizisten waren neulich Zeugen des Schauspieles, wie gesinnungstüchtige Studenten auf einem noch zur Hochschule gehörenden Platze mit Knütteln auf ein paar mit verdächtigen Nasen belasteten Kommilitonen dreinschlugen. Männer, die gewohnt sind, im Dienste der öffentlichen Sicherheit selbst mit Gefahr des eigenen Lebens Ueberfallenen zu Hilfe zu eilen, mußten knirschend stillhalten. So geschehen in Oesterreich, das man so lange einen Polizeistäat schimpfte. v * Gehen, wir weiter. Wie oft hörte man in den letzten Zeiten, daß die studierende Jugend den Respekt vor der Autorität verleugne, in sträflichem Uebermute gegen die Führung durch ihre Lehrer sich auflehne und auch davor nicht zurückschrecke, gelegentlich ihren Willen mit frechen Drohungen zu unterstützen. Welch glänzenden . Protest gegen diese Anklage haben die nationalsozialistischen Studenten an der Technik durch begeistertes Eintreten für Hofrat Prof. Karl K o b e s erbracht! Diese Studenten glaubten, daß zwei Abendblätter der Ehre ihres geliebten und überaus verehrten Lehrers dadurch nahegetreten seien, daß sie der Meinung Ausdruck gaben, die theoretische Maschinenkunde habe nichts mit politischer Agitation und auch nichts mit der Hetze gegen eine „gewisse Rasse" zu schaffen. Wer wird heißblütigen Jünglingen es gar so arg verübeln, wenn sie in dem heiligen Eifer, der gekränkten Ehre ihres Meisters eine Satisfaktion zu verschaffen, ein wenig über die Schnur hauen? Als „Repressalien" für den Angriff in zwei „Judenblättern" haben sie den jüdischen Studenten einen Tag den Eingang in die Technische Hochschule verwehrt» Das war alles. Ach Gott, ich will ja nicht leugnen, daß diese „Repressalien" sowohl gegen die Logik wie auch gegen die durch das Gesetz gewährleisteten Rechte der inskribierten Studenten jüdischer Konfession verstießen. Aber was wiegen so kleinliche Bedenken gegenüber dem Drange hakenkreuzlerischer Idealisten, däe sich gegen das Untergraben der Autorität einsetzen?, Das war übrigens auch eine gute Lektion für die jüdischen Studenten, die niemals so viel „Ehrfurcht" hatten, als Repressalien für einen in einem Hakenkreuzlerblatt beleidigten jüdischen Professor etwa dem chinesischen Gesandten eine Katzenmusik darzubringen. * * * Ueberaus sympathisch und wohltuend dürfte jeder Einsichtige auch durch die Haltung berührt worden sein, die der Rektor der Technik, Hofrat S a 1 i g e r, in dieser Angelegenheit einnahm und die in dem von ihm dem Unterrichtsminister erstatteten Bericht so schön zum Ausdruck gelangte. Der Herr Rektor betonte zwar in dem Berichte, daß „grobe Angriffe" auf Professor Kobes gerichtet wurden; er rügte auch einige Artikel, „wo Hof rat Kobes in unglaublicher Weise beschimpft wurde", aber er vermeidet mit sichtbar großer Ueberwindung jedes Wort der Billigung für das Plakat, „das die Studenten auffordert, als Repressalien für den heutigen Tag die Juden am Betreten der Hochschule zu hindern". Soll man diese Zurückhaltung in dein Berichte nicht bewundern, „w o" — um in dem Jargon des Herrn Hofrates Saliger zu sprechen — der Rektor der Hochschule sich eigentlich zwischen den Zeilen ganz mit dem Herrn Hofrat Kobes indentifiziert? Unbemerkt soll auch nicht bleiben, daß, während die nationalsozialistischen Studenten die jüdischen Hörer aus den Lehrsälen unter dem Rufe „S a u j u d e n hinaus!" vertrieben, der Herr Rektor in seinem Berichte nur von den „Juden" spricht; das ist doch ein feiner Unterschied. * * * Geradezu konsternierend aber berührte mich die pessimistische Auffassung der Affäre, die sich in der von Dr. Renner eingebrachten Interpellation, „w o" (wie der Herr Rektor Saldger sagen würde) Anfragen an die Regierung gerichtet wurden, die jeden Patrioten tief bekümmern müssen. Was die Regierung gegen Herrn Hofrat Kobes verfügen will, „der sich erfrecht hat, in seinen Vorlesungen" usw. usw.? Was die Regierung gegen Herrn Hof rat Saliger veranlassen will, „der unter Mißbrauch der Rektoratswürde verbrecherische Exzesse der mißleiteten Jugend dulde" usw. usw.? Was gegen die Exzedenten an der Technik veranlaßt worden sei, „die am 19. d. M. in flagranti sich gegen das Strafgesetz versündigten" usw. usw. Was soll man im Auslande zu einer solchen Aufbauschung unbedeutender Vorfälle sagen? Wäre es nicht patriotischer, würdiger und auch vernünftiger, sie ganz zu verschweigen oder, wenn dies nicht angeht, sie in dem mildesten Lichte darzustellen? 0, Herr Dr. Renner könnte sich ein Beispiel an den Hakenkreuzlern nehmen. Wenn man sie hört, entsprechen unsere Hochschulen den idealsten Ansprüchen und man kann vielleicht nur eines an ihnen aussetzen, den Mangel eines Plakates, auf dem zu lesen ist: „Professoren und Hörern jüdischer Konfession ist der Eintritt nur in den Ferienmonaten gestattet." Ego.

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