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Die Wahrheit · 1925-05-29 · Heft 21 (29.5.1925) · page 5

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1925
Issue
Heft 21 (29.5.1925)
Date
1925-05-29
Page
– (sequence 5)
Language
German
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Nr. 21 DIE WAHRHBFf Seite 3 und zugleich Bürge eines Erbgutes zu sein, dessen Wert, von Zeitenwandel und Völkergunst unabhängig, mit irdischem Maßstabe kaum gemessen werden kann; ein Out, das, wie die Griechen sagen, „in die Ewigkeit ist". III. Alle Staatsgesetze sind im Laufe der Zeiten geändert worden, nur die zehn Gebote des Moses nicht. In diesen Worten des berühmten österreichischen Staatsrechtslehrers H. Kelsen ist die eine Seite, der unvergleichliche sozialethische Wert des Sinai-Zehnwortes in lapidarer Kürze gleichsam in der Nußschale dargestellt. Vielleicht gelingt es in Uebereinstimmung mit den bisherigen Ausführungen den nämlichen Gedanken an einem Beispiel aus dem Lehrschatz unserer alten Weisen der heutigen Jugend zu veranschaulichen. Als Gott seine Welt erschaffen, trat der erste Buchstabe des hebräischen Alphabets, das K klagend mit den Worten vor Gott hin: „Warum verschmähtest du mich, den ersten der Buchstaben, bei deinem Schöpfungswerke und begannst dein Werk mit dem zweiten Buchstaben, dem 3 im Worte "rPÜina,, „Beruhige dich", antwortete Gott der Herr, „wenn ich auf Sinais Höhen mich der Menscheit offenbare, dann soll dir Genugtuung werden, dann wirst du an der Spitze stehen in dem Worte ""OS*». Kaum jemals hat ein zweiter Dichter oder Denker den Gegensatz zwischen der irdischen und sittlichen Welt mit so plastischer Einprägsamkeit zur Darstellung gebracht, wie es in dieser Midraschlegende geschieht. Mit dem Worte JVttftCQ wird in der Schrift der Bericht über das gewaltige Werk der Schöpfung, die Entstehung des Kosmos eingeleitet. Was den letzteren am hervorstechendsten kennzeichnet, das ist — mit einem hervorragenden Naturforscher gesprochen — „die verwirrende Fülle Recht, hier dogmatisch aufzutreten und das „als ob" in 'ain „daß" zu verwandeln. Solche Fiktionen sind „das Unendliche", die „Freiheit" (der Strafrichter benützt diese Fiktion, um ein Strafurteil zustandezubringen), Schleiermacher empfiehlt zu beten, „als ob" ein Gott existierte. Die „Welt des Seienden" muß durch das Nichtseiende ergänzt werden, durch das Erdichtete, das Eingebildete und eine wahre, -kritische „Philosophie der Werte" wird stets nur als Philosophie des Als-Ob auftreten können. A. Messer, „Glauben und Wissen", Reinhardt, München 1924, Mk. 2.—. Diese hier in dritter Auflage vorliegende „Geschichte einer inneren Wandlung", d. h. Bekenntnisschrift des Giessener Philosophieprofessors, schildert anschaulich den Entwicklungsgang vom gläubigen Katholiken durch Zweifel und Schwanken zu einer Religon, die auf sicherer, philosophischer Erkenntnis sich aufbaut. H]er findet, wer an dem Zwiespalt zwischen Glauben und Wissen leidet, einen überzeugten und darum überzeugenden Führer zu ejnem versöhnenden Ziele. Eindrucksvoll wird die Macht des Kultus und seiner Formen auf die Seele des Kindes betont. Mit dem Aufgeben des naiven Kirchenglaubens verzweifelt man an einem Sinn des Lebens. „Das: Leben hat keinen Sinn, man kann ihm aber einen Sinn geben, indem man in ihm Wertvolles zu verwirklichen sucht." Was wertvoll ist, wird uns offenbar nicht als Evidenz des Kopfes, sondern des Herzens. Und aus ihr spricht ein Weltengrund. Der Glaube an Werte und an unsere Freiheit kann sich der Prüfung des Verstandes ruhig aussetzen und verträgt sich sehr wohl mit dem Wissen vom Wirklichen. Von Kant über Cohen und Natorp gelangt Messer zu diesem seinen kritischen Realismus und zur Aussöhnung von Glauben und Wissen. Fr. W. Förster, Politische Ethik und politische Pädagogik. Reinhard, München. Mit Bewunderung steht Förster vor der Erscheinungen", die Vielgestaltigkeit und Mannigfaltigkeit alles in steter Bewegung befindlichen Seins und Geschehens, wie es in mtfSTD durch den Anfangsbuchstaben 2, der den Zahlenwert von zwei, das Symbol der Vielheit, hat, angedeutet erscheint. Zahllose „Welten" kreisen im unendlichen Weltenraum, allesamt, Sonnen, Planeten, Fixsterne, Kometen, voneinander völlig verschieden. Aber nicht nur sie — alle organischen und anorganischen Wesen in jeder einzelnen von diesen Welten weisen die nämliche Verschiedenheit und Mannigfaltigkeit auf. Nehmen wir — ein Beispiel statt vieter — den Typus „Mensch" auf unserem bewohnten Planeten. Welche Verschiedenheit und Mannigfaltigkeit der Menschen in Bezug auf ihre äußere Beschaffenheit, Farbe, Abstammung und Sprache! Wieviele Nationalitäten, Religionen, Konfessionen! Und innerhalb einer und derselben Religion wieviele Ansichten, Richtungen, Sekten und Parteien. Tot capita, tot sensus!*) Gegenüber der Vielheit und Mannigfaltigkeit der irdischen Welt gibt es aber einen Punkt, von welchem aus betrachtet dieselbe als Einheit erscheint; es ist d i e E i n h e i t der sittlichen Welt, wie sie von Gott einst an den Abhängen des rauchenden Siriai ins Leben gerufen worden war mit dem Worte '"'SiK,, dessen Anfangsbuchstabe K der Zahl nach Eins, das Zeichen der Einheit, bedeutet. Der Vielheit und Mannigfaltigkeit der u n s u m gebenden irdischen Welt entspricht als Korrelat die Einheit der i n u n s lebenden sittlichen Welt: „Eine Gottheit, eine Menschheit, eine Sittlichkeit, eine Gerechtigkeit! Das traurige Kennzeichen des Geistes unserer Zeit ist seine vollkommen verkehrte Einstellung. Alles Unglück unserer traurigen Gegen- *) Vgl. u. a. eine ähnliche, aber nicht gleiche Gedankenführung bei J. Kohn, Predigten, Berlin 1897, S. 12. dem einzigartigen Phänomen der allen Wellenschlägen der Geschichte trotzenden jüdischen Glaubensstärke und -treue. Mit den religiösen Juden eine Verständigung zu suchen, empfiehlt er den christlichen Kreisen als in ihrem eigenen Interesse liegend. Wenn er als gläubiger Christ die Vollendung des Judentums im Christentum erblickt, so können wir dies wohl begreifen, müssen es aber vom jüdischen Standpunkt aus ablehnen. Wir sehen in der Entwicklung, die das traditionelle Judentum seit dem Altertum genommen hat, die konsequente und legitime Durchführung der in den Grundschriften unserer Religion niedergelegten Anschauungen und Forderungen. Entschieden beipflichten müssen wir aber der Beweisführung, die Förster sowohl gegen diel Judenfeinde, insbesondere die Nachbeter Chamberlains, als auch gegen die entwurzelten, ihrer Art entfremdeten Juden ins Treffen führt. Mit Recht entwickelt er alle die abstoßenden Erscheinungen des Hasses, der unser politisches und gesellschaftliches Leben beherrscht, auf die Materialisierung des Empfindens zurück, wie sie z. B. in Deutschland durch die Aera Bismarck zum vorwaltenden Prinzip erhoben worden ist. Wenn er diesen Auswüchsen gegenüber die Notwendigkeit betont, die Beziehungen der Menschen und Völker untereinander nach den Geboten des Christentums zu regeln, so können wir, indem wir statt Christentum den allgemeineren Begriff der am Sinai offenbarten Religion der Gerechtigkeit setzen, mit seinen Ausführungen uns vollständig einverstanden erklären. Im Verlage Marcus & Sohn Bonn, erschien: R. E. Nay, Der Frauenüberschuß nach Konfessionen. Der als Statistiker bekannte Verfasser legt seiner Arbeit die Ergebnisse der deutschen Berufszählung von 1907 zugrunde. Hiernach betrug der Frauenüberschuß bei Evangelisten 4.1 Prozent, bei Katholiken 0.3 Prozent, bei Juden 1 Prozent. An diese Daten

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