Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1925
- Issue
- Heft 21 (29.5.1925)
- Date
- 1925-05-29
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Seite 2 DIE WAHRHEIT Mr. 21 Durchsetzung jener sinaitischen Lehren, Gedanken und Ideale, welche die unveränderliche Grundlage aller wahren Kultur und Zivilisation bilden. Vielleicht niemals war die Forderung, die unsere alten Weisen an jedes neue jüdische Geschlecht stellen, sich auf die „Höhen des Sinai" zu erheben, den dort erklommenen Höhepunkt zum Ausgangspunkte des eigenen Wollens und Handelns zu machen, von so akuter und aktueller Dringlichkeit wie in unseren düsteren Tagen, die von einem der namhaftesten Denker der Gegenwart die „der ethischen Passivität" genannt wurden. War die Sinailehre noch bis vor gar nicht langer Zeit von der Gefahr bedroht, daß die darin geoffenbarten Lehren und Wahrheiten von der Umwelt als platte SelbtsverständHchkeiten' angesehen und übersehen wurden, so droht ihr derzeit die weitaus größere, daß diese Selbstverständlichkeiten — das Moralische versteht sich immer von selbst, sagt irgendwo Kuno Fischer — gänzlich' außer Kurs gesetzt werden. IL Mit dem Begriff „Erbschaft" ist der Begriff „Erbe" unlöslich verknüpft. Wo immer ein ererbtes Gut, sei es mangels, gesetzlicher Erben, oder infolge anderer Umstände anstatt weiter vererbt zu werden, anderen Zwecken zugeführt wird, hat es den Charakter der „Erbschaft" eingebüßt. Darin mag vielleicht auch der tiefere Sinn jener bekannten Midraschlegende gelegen sein, die Gott für die Aufrechterhai timg seiner am Sinai geoffenbarten Lehire nach geeigneten, vollwertigen Bürgen ausschauen und als solche nicht die frommen Väter, sondern einzig und attein die K i n d e r gelten läßt. Nicht bei den Vätern jeder Generation, bei den K i n d e r n ruht die Sicherheit des Sinai-Erbes. Die hingebungsvolle Treue der Ahnen auf den blitzerleuchteten Abhängen des Sinai, „ihr Hören auf die Stimme Gottes" war die natürliche Voraussetzung für das Werden Israels zum Gottesvolke — eine „Kehillath Jakob" jedoch wird und bleibt das jüdische Volk erst dann, sobald die Jugend in das geheiligte Erbe der Väter eintritt und sich zugleich1 zum Wächter und Bürgen für dessen Erhaltung in der Zeitenfolge macht. Welch herrliche Aufgabe auch für unsere heutige Jugend! Wird sie sich fähig erweisen, die Hoheit und Erhabenheit dieser Aufgabe voll und ganz zu erfassen? Wird das heranwachsende jüdische Geschlecht die Kraft finden, gegen „die brutale Macht der Tatsachen" anzukämpfen, wie es die Väter allzeit getan? Die Fähigkeit, aus den Niederungen einer von Rassen- und Völkerhaß vergifteten, ganz im „Völkischen" und „Nationalen** befangenen Zeit, sich zu erheben auf Sinais lichtvolle Höhen nach dem Beispiele Moses' und der Kinder Israels? Dorthin, wo der Menschheit ihr Gott ward gegeben und die ewigen Gesetze der Humanität und Gerechtigkeit ihr in das Herz wurden gepflanzt? Das ist die große Frage, die Schicksalsfrage des Judentums! Darauf kommt es an, daß unserjb heranwachsende Jugend zü einehi Geschlechte heranreift, das nicht nur Kraft und! Mut besitzt, die Malariasümpfe Palästinas trockenzulegen und die verkarsteten Wege auf den Bergen Judäas zu ebnen, sondern auch den von den Vätern beschworenen Willen, in den Nöten und Bedrängnissen unserer Zeit das alte Sinaibanner hochzuhalten, in dessen Felde die unvergänglichen Ideale der Menschheit und Menschlichkeit in ewigem Glänze wie die Sterne am1 Himmel erstrahlen. Einer Generation, die sich aus dem Dunstkreis unserer egoistischen, dem Rassenund1 Nationalitätenfetisch verfallenen Gegenwart zu der zukunftsfrohen Erkenntis emporringt, daß es für sie keinen reicheren Lebensinhalt geben kann, als Besitzer Feuilleton II Literarische Streifzüge. (Schluß.) Zwei Schriften, die das Judentum nicht behandeln, sondern es auffallenderweise übergehen, aber doch für die Leser der „Wahrheit" wertvollen Inhalt bieten, sind: Colerus R., Pythagoras (Zsolnay, Wien 1924). Ein Roman, aber nur als Form und Einkleidung für einen höchst belehrenden Gang durch die Religionen des Altertums mit Uebergehung des Judentums. Umso merkwürdiger, als die Erzählung gerade, ohne sichtlichen Anlaß, vom biblischen Boden ihren Ausgang nimmt. Daß der Titelheld zu der1 Lehre Israels nicht ohne Beziehungen war, ist alte' Ueberlieferung. Aber selbst wenn man diese Annahme ablehnt und wenn man die Ueberlegenheit der alten griechischen Götterlehre noch so stark wie der Verfasser zu betonen geneigt ist, muß unseres Erachtens eine solche Ausschließung, des „schon räumlich so naheliegenden Judentums eine ausdrückliche Begründung zumindestens als nicht überflüssig erscheinen lassen.. Denselben Mangel weist auf Lehmann E., Die Religionen, Leipzig 1924, Dürr, M. 1.60. In knappen Zügen soll hier eine Uebersicht über die außerchristlichen Religionen geboten werden. Die jüdische wird stillschweigend übergangen, die altisraelitische mit wenigen Zeilen unter „Semiten" abgetan. Wir nehmen zugunsten des Verfassers an, daß er, wie dies in gewissen Kreisen überlieferter Brauch ist, das Judentum im Zusammenhange mit dem Christentum als dessen Vorstufe zu behandeln für angemessen hält. Als von allgemeinem, aber doch auch das Judentum berührenden Interesse mögen hier zum Schlüsse folgende wertvolle Erscheinungen empfehlende Erwähnung finden: Max Seheler. Vom Ewigen im Menschen, 1. Band: Religiöse Erneuerung. Leipzig 1923, Der Neue Geist-Verlag (Dr. P. Reinhold). 2. Auflage. Bereits „nach Jahresfrist ist eine zweite Auflage dieses Buches notwendig geworden." Schon diese Worte der Vorrede lassen erraten, daß hier ein Werk geschaffen, das trotz der Tiefe seines Gedankenganges sich einen weiten Leserkreis zu erobern geeignet ist. Alle die Vorzüge, die längst am S c h e 1 e r mit Recht gerühmt werden, treten in diesem Werke leuchtend in die Erscheinung. Wenn auch die hier aufgeworfenen Probleme vom Standpunkte des Katholiken behandelt werden, so bieten sie doch auch dem jüdischen Leser, vor allem dem Theologen, eine Fülle des Belehrenden und Anregenden. Man lese nur das Kapitel „Reue und Wiedergeburt" und man wird den Jomkippur-Gedanken von ganz neuen Seiten beleuchtet finden. Diese grundlegenden religionspsychologischen Gedankengänge ausführlicher zu behandeln, bleibe uns nach Abschluß des Werkes vorbehalten. Ii. V a i h i n g e r, Die Philosophie des Als-Ob. Herausgegeben von Dr. R. Schmidt. Felix Meiner, 2. Aufl., Leipzig 1924, geb. Mk. 7.—. Die Vorzüge des Buches sind bekannt. Es ist die Lehre von den in allen Wissenschaften unentbehrlichen Fiktionen, die hier scharfsinnig und geistvoll 'entwickelt wird. Der Jurist kann sie ebensowenig entbehren, wie der Mathematiker oder der Physiker, der Ethiker, der Nationalökonom oder der Metaphysiken. Eine solche Fiktion ist das Kantsche „Ding an sich". Dinge, welche Eigenschaften haben, Ursachen, welche wirken, sind Mythen. Maji kann nur sagen, daß sich die objektiven Erscheinungen so betrachten lassen, als ob sie sich so verhielten; aber nimmermehr besteht ein