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Die Wahrheit · 1925-05-29 · Heft 21 (29.5.1925) · page 3

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1925
Issue
Heft 21 (29.5.1925)
Date
1925-05-29
Page
– (sequence 3)
Language
German
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DIE WAHRHEIT Deufscbtisfen-eicMsclie Wocöensdirltt tfir tfldlsdie Interessen rm nein Beiblatt: feröffenüUfiuiiöen der jwm dcuiscnösierreKÄiscficr Inder* Redaktion und Administration: Wien 1M_ HfBftwiiigigtiflc 13. - Farnntf 42-3-18 XLI. Jahrgang Wien, 29. Mai 1925 Nummer 21 „Die Tora, die uns Moses anbefohlen, ein Erbe für die Gemeinde Jakob/' Eine Betrachtung zum Schabuothfeste von Rabb. Dr. Armin Abel es. Wien 1925. Wären die Völker nicht verstrickt in die selbstgesponnenen Netze der Lüge und des Hasses — wahrlich alle müßten kommen, die Großen und die Kleinen, die Starken und die Schwachen, Juden und Nichtjuden sich mit uns vereinigen zur Verherrlichung des Festes, welches in den allernächsten Tagen in der Gemeinde Israels gefeiert wird in Erinnerung an jenes, in der Menschheitsgeschichte einzigartig dastehende Ereignis, das von unseren alten Weisen bezeichnet wird als „die Zeit, da uns die Lehre gegeben ward", die Lehre des Heils und der Wahrheit. Alle müßten kommen — denn der sechste Sivan ist nicht bloß der Geburtstag von Israels Religion, sondern der der Religion schlechthin, der Grundlegung aller wahren Kultur und Sittlichkeit auf Erden. Vielleicht zu keiner anderen Zeit ist die dieser historischen Tatsache innewohnende Wahrheit so klar und deutlich in Erscheinung getreten, als in der düsteren, harten Gegenwart. Da sehen wir seit Jahr und Tag die dämonischen Gewalten des Hasses und der Niedertracht am Werke, um die Welt in den Abgrund des Verderbens zu stürzen. Daß ihnen dies nicht vollkommen gelungen ist, daß sich vielmehr aus der Sturzflut des Unheils und Verderbens, die über uns hereingebrochen, ein kleiner, mit freiem Auge allerdings kaum wahrnehmbarer Rest von Menschlichkeit retten konnte, das haben die Völker den Lichtgedänken zu danken, deren Strahlen einst auf Sinai's geweihten Höhen aufgegangen. Darum, Heil uns, Kinder Israels, daß wir wert und würdig befunden worden waren, mit der Aufgabe betraut zu werden, Träger und Verbreiter dieser Lichtgedanken zu sein über alle Zeiten und Zonen der Erde. Nicht in dünkelhafter Ueberheblichkeit sagen wjr das, sondern vielmehr in dem zu wahrer Demut zwingenden Bewußtsein, mit dieser Würde zugleich eine ewig währende, heilige Verpflichtung übernommen zu haben, die ausgedrückt ist in dem tieferen Sinn des Schriftwortes: „Die Lehre, die uns Moses anbefohlen, ein Erbe für die Gemeinde Jakob." I. Ein „Erbe der Gemeinde Jakob" wird hier die Sinailehre genannt. Auf den ersten Blick gesehen, ist dieser Ausdruck geeignet, Staunen, wenn nicht gar Befremden hervorzurufen, denn er läßt das gerade Gegenteil von dem ahnen, was darunter eigentlich zu verstehen ist. Wenn davon gesprochen wird, daß irgend jemand aus unserem Kreise Gut und Vermögen geerbt, dann drängt sich in der Regel zu allererst der Gedanke auf, daß da nicht eigenes Verdienst und selbsttätiges Bemühen, sondern vielmehr Glück und Zufall im Spiele sind. Und wie oft wird ein solches Erbe, weil es eben mühelos in den Schoß gefallen ist, von „lachenden Erben" in leichtsinniger Weise binnen kurzer Zeit vergeudet? Und gibt es nicht eben so oft streitende Erben, die, um des väterlichen Erbes willen derart in Feindschaft geraten, daß sie dasselbe im Gefühl der Verbitterung" als lästige Bürde betrachten, die sie je früher, je besser abstoßen möchten. Und da soll das Heiligste, das wir Juden — das die ganze Menschheit besitzt, ein „Erbe" genannt werden? Oder sollten vielleicht im Sinne dieses Wortes am Ende gar jene Recht behalten, die in ihrem Judentum nichts anderes als einen Zufall erblicken, in welchen man von Geburt wegen hineingestellt wurde, ein lästiges „Angebinde", dessen man sich bei passender Gele^ genheit ohne weiteres entledigen könne?l Aber als würden unsere alten Weisen solche Bedenken gleichsam vorausgeahnt haben, knüpfen sie an das mehrfach erwähnte Schriftwort eine Bemerkung, die in schlichtem Gewände einen der Kerngedanken der Theologie des Judentums beinhaltet: „Lies nicht rntflö, sondern no-ifcö, was so viel wie Angetraute" bedeutet. Wie der junge Ehegatte das Herz der ihm Angetrauten immer vqn Neuem zu erobern sucht und wie das wahre Eheglück sich bei ihnen erst dann einstellt, sobald beide dieses ihres Glückes sich stets von Neuem inne werdend, an dessen Erneuerung und Befestigung mit vereinten Kräften arbeiten — so müssen auch wir das am Sinai von unseren Vätern überkommene Toraerbe immer wieder von Neuem erobern, erwerben, um es zu besitzen. Nicht, wie es bei den anderen Religionsgemeinschaften der Fall ist, die Zufallstatsache der Geburt, auch nicht die äußerliche Zugehörigkeit zu einer Gemeinde oder Partei, auch nicht einmal das heilige Land und die Kenntnis der heiligen Sprache machen den als Juden Geborenen zu einem Bekenner des Judentums! Jude sein, heißt vielmehr mit den Grundlehren der am Sinai geschaffenen Gedankenwelt sich innerlich verbunden fühlen und diese Verbindung immer wieder von Neuem knüpfen und festigen. Jude sein, bedeutet — um einen beliebten Ausdruck des Midrasch zu gebrauchen — sich gleichsam zum immerwährenden Zeugen und Teilnehmer des „Maamad Har-Sinai" machen, zum Mitarbeiter und Mitkämpfer für die

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