Mannheim
Compact Memory

Die Wahrheit · 1925-05-22 · Heft 20 (22.5.1925) · page 6

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Wahrheit
Volume
1925
Issue
Heft 20 (22.5.1925)
Date
1925-05-22
Page
– (sequence 6)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/3062972-3064022-3064041--13679-3081197
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

2 entity mentions

Seite 4 DIE WAHRHEIT Nr. 20 seelischen Verrohung. Bereits im Jahre 1886 hat in Dresden ein antisemitischer Weltkongreß stattgefunden, welcher die internationale Lösung der Judenfrage zu seinem Programm machte. Und nun wollen sich die Anhänger des Nationalismus und Antisemitismus — es ist schwer beide Begriffe strenge voneinander zu trennen — die sich bisher gegenseitig aufs äußerste bekämpft haben und noch immer bekämpfen, zusammenfinden, um eine gemeinsame Front gegen das Judentum zu bilden. Hierzu schreibt Alfred Rosenberg im „Weltkampf' : „Der rein innerpolitische Antisemitismus hat ebenso versagt wie der konfessionelle früherer Jahrhunderte. Einzig der außenpolitische und rassische Antisemitismus verspricht die Lösung des Problems der Bekämpfung der jüdischen Seuche." Zunächst wollen wir feststellen, daß ein so überzeugter Antisemit wie A. R. selbst zugesteht, „daß der innerpolitische Antisemitismus ebenso wie der konfessionelle Antisemitismus versagt hat." Der innerpolitische Antisemitismus mußte deshalb zusammenbrechen, weil die Völker, in deren Mitte Juden leben, diese als wesentliche Stützen des Geistes- und Wirtschaftslebens nicht entbehren können und, wie es die Geschichte deutlich bewiesen hat, durch Vertreibung der Juden sich selbst wirtschaftlich lund kulturell schwer geschädigt haben. War dies vor der Emanzipation der Juden bereits der Fall, so noch vielmehr heute, wo fast auf allen Gebieten des staatlichen Lebens, auf dem Gebiete von Industrie, Gewerbe, Handel, Kunst und Wissenschaft ein sich gegenseitig befruchtendes Zusammenwirken von Juden und Nichtjuden eine Notwendigkeit darstellt. Daß auch der religiöse Antisemitismus, an dem so viel unschuldiges Judenblut haftet, versagt hat, versagen mußte, ist sowohl die Folge der Aufklärung und des geistigen und politischen Fortschrittes als insbesondere der Erkenntnis, daß diejenigen, die das Judentum als Religion beschimpfen, sich notwendigerweise als Motiv u. a. Neid, Undankbarkeit, Mißtrauen, Unwissenheit und die Sucht nach Verallgeimeiaieirang der Verfehlungen einzelner Juden eingehend gewürdfigt wenden. Der jüdischnationalen Bewegung wird Seite 29 vorgeworfen, daß sie dem Joktenhaisse recht gibt, indem sie die Unversöhnlidpkeit von Deutschtum und Judentum anerkennt und daraus Folgerungen zieht In dem Kapitel „Antisemitismus als historische Erscheinung" wird der religiöse, der wirtschaftliche und der Rassenantäserniftdsmus "historisch treu dargestellt. Auch hier wird Seite 81 der jüdisch-nationalen Bewegung entgegengeöialten, daß sie zu einer neuen Quelle des Judenhasses ward, daß sie verfehlt und gefährlich ist, weil sie, selbst ■im günstigsten Falle, nicht allen Juden Schutz gegen den Judenhaß zu sichern vermag. Der stärkste Träger der national-jüdischen Idee ist der Nationalismus der Umwelt. „Der jüdische Nationalismus gleicht der Glaskugel, die im Strahle des Brunnens sich schwebend erhält Hört der Bronnen zu spielen auf, so fällt die Kugel zu Boden und zerschellt" Der Kampf gegen den Antisemitismus ist, richtig aufgefaßt ein Kampf ums Recht, um die praktische Durchführung des Begriffes des modernen Rechtsstaates. E. Moering, Gegen völkischen Wahn, Berlin 1924, Philo. Ganz nüchtern und darum um so wirksamer bekämpft der Breslauer Pastor die Annahme, daß der Jude im Sinne des politischen Begriffes der Nationalität kein Deutscher sein könne, daß ihm Heimatsgefühl und echt wahrer Patriotismus abgingen. Der Verfasser findet warme Worte für den Wert des Alten Testaments und gegen die Verleumdung des Talmuds sowie die Lügenphrase von der zersetzenden Macht des Judentums, (Fortsetzung folgt) in Widerspruch setzen zur Religion überhaupt, also insbesondere ziur Religion Christi, der nach seinem eigenen Ausspruch „nicht gekommen ist, um das Gesetz aufzuheben, sondern um es zu erfüllen." Was die genannten beiden Arten des Antisemitismus nicht vollbracht haben, soll nun nach Meinung der Hakenkreuzler der „rassisch e" und „außenpolitische" Antisemitismus durchsetzen. Das jüdische Schiff, das auf dem Weltmeere dahinsegelnd, schon viele und schwere Stürme bestanden hat, das schon an manchen steilen Klippen vorbeigesegelt ist, ohne zu zerschellen, wird auch dieses Ungewitter überdauern! Der rassische Antisemitismus ist schon deshalb zum Untergange verurteilt, weil er jeglicher wissenschaftlicher Grundlage entbehrend, nichts anderes ist, als die Ausgeburt der verdorbenen Phantasie unklarer Köpfe, während der „außenpolitische" Antisemitismus schon aus dem Grunde fruchtlos bleiben muß, weil der Ruf der deutschen Hakenkreuzler kaum weiter reichen wird als höchstens bis nach Troppau, Mistelbach und Wels. Die österreichischen und stidetendeutsch'en Judenfresser haben somit bereits ihren Anschluß an Deutschland vollzogen und die laut hinausposaunte Weltinternationale des Antisemitismus wird zusammenschrumpfen zu einer zwischenstaatlichen Vereinigung deutschen Judenhasses. Es wäre höchste Zeit, daß die österreichischen Jiulden dieser, zwar merklich eingeschränkten, aber immerhin nicht ganz ungefährlichen „Internationale" entschieden entgegentreten und nach dem bewährten Muster ihrer deutschen Brüder innerhalb der bestehenden Abwehrorganisationen tatkräftiger arbeiten. Das ist das Gebot der Stunde! Dr. W. . Goethe und die Juden. H. Teweles, der ehemalige Direktor des Deutschen Landestheaters in Prag und bekannte Schriftsteller, hat ein Buch „Goethe und die Juden" veröffentlicht, nebenbei ein rühmliches Zeugnis für den Fleiß des Autors, das die Frage, wie Goethe zu den Juden stand, indem es die Diskussion darüber eröffnet, zugleich auch entscheidend abschließt. Es ist nicht das erste Mal, daß diese Frage angeschnitten wird; auch Ludwig Geiger hat schon einen größeren Vortrag „Goethe und die Juden" gehalten und diesen in seinem Buche „Die deutsche Literatur und die Juden" abgedruckt. Auch er spricht wie Teweles nicht als Jude, sondern als Literarhistoriker: „als Jude bin ich Partei, als Literarhistoriker bin ich parteilos." ■; So sagt auch Teweles: „Diese Schrift ist keine Streitschrift, sie ist eine Huldigung für Goethe." Trotz dieses Bekenntnisses kann Teweles nicht umhin, dort streitbar zu werden, wo eine Abwehr notwendig ist, um „sein (Goethes) Charakterbild über der Parteien Gunst und Haß emporzuhalten, es vor dem M i ß b r a u c h zu bewahren." So sagt er gleich im ersten Abschnitt: „Wieder einmal tragen die Juden die Schuld an dem Verbrechen der Junker. Wieder einmal ist die deutsche Kultur auf einen Tiefpunkt herabgesunken, der durch kein Senkblei zu ermessen ist. »Haltet den Dieb!4 schreit der Dieb, Der feiste Völler sucht sich zu schützen,

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.