Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1925
- Issue
- Heft 20 (22.5.1925)
- Date
- 1925-05-22
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/3062972-3064022-3064041--13677-3081195- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
DIE WAHRHEIT . Nt 20 Seite 2 _^jgg tokotte erst n a c h 1898 in der vorliegenden Form gebracht worden seien.; sie seien trotzdem echt, da ja Nilus versichert, sie wären erst 1901 in seine Hände gelangt. Dabei vergißt der Artikelschreiber, daß Beck dagegen versichert, das Manuskript sei schon im Herbst 1897 in die Hände des Nilus gelangt. Und gleichzeitig rechnet er auf die Kopflosigkeit seiner Leser, daß sie nicht fragen werden: „Ja, wo und wann sind denn die Protokolle in der vorliegenden Form vorgetragen worden?" ... Nun erhebt sich aber die Frage, wie steht es mit den anderen von mir vorgebrachten Tatsachen, die in den Protokollen erwähnt werden, und sich erst lange nach 1901 zugetragen haben? Die Gewissensfreiheit wurde in Rußland erst durch die Edikte vom 25. DezembeF 1904 und 3. April 1905 eingeführt und die Selbstherrschermacht des Zaren wurde erst durch das berühmte Manifest vom 30. Oktober 1905 beschränkt. Und doch ist von diesen Vorkommnissen in den Protokollen die Rede. Konsequenterweise muß man die Abfassungszeit der Protokolle erst nach dem 30. Oktober 1905 ansetzen. Quod erat demonstrandum. Indessen woziu über Einzelheiten streiten? Wollte man uns nicht lieber endlich verraten, in welcher Sprache das dem Nilus vorgelegene Manuskripts der Protokolle abgefaßt war? Das ist doch wahrhaftig nicht viel gefordert! Am besten wäre es wohl, wenigstens ein einziges Blatt des Manuskripts in Faksimilie zu veröffentlichen. Damit wäre allen Zweifeln mit einmal ein jähes Ende bereitet. Man kann indessen sicher sein, daß die Antisemiten die Echtheit der Protokolle bis zum letzten Blutstropfen verteidigen werden. Der Edelmann Alfred Rosenberg hat den Grund dafür verraten, und zwar in einem wütenden Schmähartikel auf unser Buch („Der Weltkampf", vom 15. Februar 1925): „Ein juristisch zwingender Bewei s", sagt der wackere Mann, „läßt sich weder für die Echtheit, noch für die Fälschung der Protokolle erbringen." Für alle anderen gegen die Juden erhobenen Anklagen ist nämlich der juristisch zwingende Beweis ihrer Falschheit längst erbracht worden. Da aber ein juristisch zwingender Beweis für die Echtheit angeblich nicht geführt werden kann, so folgert die antisemitische Logik daraus, daß uns Juden der Beweis der Fälschung obliege. So heißt es in der Einleitung zu der neuesten Wiener Ausgabe der Protokolle, daß von nicht jüdischer Seite ein vollgültiger unanfechtbarer Beweis für die Echtr heit eines solchen Dokumentes seiner Natur nach überhaupt nicht zu erbringen sei. Darum müsse für die Nichtjuden die „innere Beweiskraft" maßgebend sein, „solange von der Gegenseite nicht der vollgültige Beweis erbracht ist, daß die Protokolle unecht sind." Man beachte die Idiotenlogik und Strauchdiebsethik dieser Lehre. Gesetzt den Fall, ein Zeitgenosse spricht zu mir: „Du, Segel, hast vor 25 Jahren in einem ukrainischen Dorfe den Popen ermordet, seine Tochter geschändet, die Kirche ausgeraubt und dann angezündet. Du bist also ein Mörder, Frauenschänder, Kirchenräuber und Brandstifter. Ich bin zwar überhaupt nicht imstande, einen juristisch zwingenden Beweis für meine Behauptung zu erbringen, aber dafür bist auch du nicht imstande, einen juristisch zwingenden Beweis für das Gegenteü zw erbringen." Das bin ich in der Tat nicht. Denn ein solcher Beweis kann nur auf einem Alibi beruhen und wird sich noch irgend jemand meiner Bekannten kaum erinnern, wo ich in einer bestimmten Sommernacht vor 25 Jahren geweilt habe. Aber wenn ich meinem werten Zeitgenossen sagen werde: „Du bist entweder ein unheilbarer Trottel oder ein gewöhnlicher Schurke", so wird mir kein vernunftbegabter Mensch widersprechen. Noch mehr, ich kann diesen meinen Zeitgenossen vor Gericht ver- I Feuilleton Literarische Streifzage. (Fortsetzung.) Briefs G„ Untergang des Abendlandes, Christentum und Sozialismus, 2. Auflage, Freiburg i. B., 1921, Herder & Co. Nach Spengler sind Preußentum und Sozialismus, letzterer wohl zu unterscheiden von Marxismus, identisch. Preußentum ist, was wir übrigens ebensogut Judentum nennen können: ein Lebensgefühl, ein Instinkt, ein Nichtanderskönnen, Dienst an einer überpersönlichen Gemeinschaft, kein Ich, sondern ein Wir, ein Gemeingefühl, ein alle für alle in innerer Freiheit, Zucht als Freiheit im Gehorsam, ein Maximum an Staatsgedanke, ein Gemeingefühl der Arbeit, nach deren Anteilschaft sich das Volk in Berufe und Stände gliedert, eine Ranggiiederung des Volkes statt Gliederung nach Besitz. Eine höhere Wertung des Arbeitsgeistes, eine tiefe Verachtung des bloßen Reichseins, des Luxus, der Bequemlichkeit des „Glücks", ein kategorischer Imperativ der Pflicht am Ganzen. Hingegen ist, nach Sp., „Marxismus der Kapitalismus der Arbeiterschaft", nach Marx ist Arbeit' eine Ware, keine Pflicht; der Arbeiter ist Händler mit seiner Ware Arbeitskraft, er spekuliert in ihr durch Lohnkämpfe und den Versuch der Marktbeherrschung. Das mochte für englische Verhältnisse sinnvoll sein, für deutsche ist es sinnlos. Eine Internationale gibt es nicht, der Engländer bleibt zuerst Engländer, der Franzose Franzose." Wenn Spengler unter anderem auf das Jüdische in Marx so großes Gewicht legt, so mag das allenfalls für den liberalen Kern seiner Lehre seine Geltung behaupten. Aber auch das, was die Kritik des Sozialismus, z. B. Troeltsch, als christlich in dieser Bewegung betont, darf das Judentum für sich in Anspruch nehmen, und das sind die Gedanken von Schuld und Erlösung, von Messiashoffnung, von Verheißung und gläubiger Erwartung, von Opfer und Versöhnung, von der alles Menschliche umfassenden göttlichen Liebe, vom Kampf zwischen Gut und Böse u. a. m. Unter diesem Gesichtspunkte darf B„ bei aller Anerkennung unbestreitbarer Verdienste Spenglers, von ihm sagen, daß ihm, im Gegensatze zu Marx, der doch immerhin auf abendländischer Basis steht, jede derartige Beziehung abzusprechen, ist. Während der Marxismus an manchen heilsamen Fehlschlägen sich zurückfinden kann, führt von Sp. jedes Vorwärts zum Selbstmord. Er ist durch und durch/ „heidnisch". Das Leben, herausgeboren aus mütterlicher Landschaft und Blutzüchtung, hat weder Ziel noch Vernunft. Besonders zutreffend stellt B. der Sp.'schen Apotheose des Preußentums dessen Schuld an der nationalen Katastrophe entgegen. Michel W., Der abendländische Zeus (Paul Steegemann, Hannover). Auch M. wendet sich geges „Spengler, den Ideologen". Hier wird Sp.: vom Standpunkte der Sehnsucht nach einer Neugeburt des Deutschtums int Sinne Hölderlins bekämpft M. sagt von Sp. (17): „Ich kann mir keinen Menschen denken, der völlig unangeregt, unbereichert von der Lektüre dieses geschichtsphilosophischen Novellenkranzes scheidet. Aber ich kann mir auf der anderen Seite keinen Menschen denken, dem nicht die Lebensunkunde und die Leichtfertigkeit ins Auge fallen, wie sie am gedanklichen Unterbau der Sp.'schen Dichtung zutage treten. Diese Dichtung ist selbst dem Gegner wichtig wegen ihres unerhörten Erfolges. Aber eben dieser Erfolg macht ihre Schiefheiten zu einer ernsten Gefahr." Sp. verwirft nur den Geist