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Die Wahrheit · 1925-05-15 · Heft 19 (15.5.1925) · page 8

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1925
Issue
Heft 19 (15.5.1925)
Date
1925-05-15
Page
– (sequence 8)
Language
German
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Seite & öit wAttHtiErr Kr. 19 Glossen. Wer den Bericht über den» Prozeß Stricker-Neu deck nicht mit genügender Aufmerksamkeit las, konnte mitunter in Zweifel darüber sein, wer eigentlich Kläger und wer Geklagter sei. Oberbaurat Stricker hat im Geriehtssaai gegen den Richter Dr. Neudeck den Vorwurf geschleudert, er habe durch ein Urteil und mehr noch durch die Begründung desselben sich einer Ehrenbeleidigung gegen das Judentum schuldig gemacht, dem man doch nicht in seiner Gesamtheit den Stempeli der Frechheit aufdrücken dürfe, weil ein jüdischer Zahnarzt eine christliche Dame auf der Straße belästige. Herrn Dr. Neudeck wurde im Gerichtssaale zugerufen, daß seine Urteilsbegründung den Geist jener Gruppe atmete, die den Anschein erregen möchte, daß wir in einer halkenkreuzlerischen Republik leben. Herr Dr. Neiuideck mußte anhören, siein Urteil, das die Bezeichnung „jüdischer" Frechheit zulässig machte, enthalte nicht bloß eine Verunglimpfung der gesamten Judenschaft, sondern auch eine Verletzung der sicherlich empfindlichen und schonungsbedürftigen Staatsgrundgesetze. Scharfe Angriffe erlitt auich die Staatsanwaltschaft. Ihre Ehrenpflicht wäre gewesen^ nicht Stricker zu belästigen, sondern Dr. Neudeck, wem auch höflich, auf seiden Uebergriff aufmerksam zu machen. Der Himmel, oder vielleicht in diesem Falle richtiger gesagt: der Staatsanwalt verzeihe meine Sünden, aber klingt so die Sprache eines Angeklagten? * * * Wie aber wirkte die Spräche Doktor Neudecks? Er erklärte zunächst, Idiaß er kein Antisemit sei. Mußte das nicht zu seinem Gunsten sprechen? Wie erst die Reminisizeniz, idiaß er als junger Freiwilliger, also zu, einier Zeit, wo er noch durch keinem heiligen Amtseid' zur Unparteilichkeit verpflichtet war — einen jüdischen Freund' hatte! Herr Dr. Neudeck versuchte auch die Wiedergabe der Herrn Stricker so unbegr4indet erschienenen Begründung, in der „Neuen Freien Presse" auf ein Mißverständnis dies Berichterstatters zurückzuführen. Dieser Versuch scheint nicht ganz gelungen zu sein, denn Dr. Reik, der Berichterstatter der „N. Fr. Presse" erklärte kategorisch, ihm sei derlei1 in seiner dreißigjährigen Praxis nicht widerfahren. Es liege allerdings ein Mißverständnis1 vor —= meinte er — das er aber darin finde, daß Herr Dr. hieoideck behauptet, er habe ihm eine Berichtigung angeboten und sich entschuldigt. Doch genug von diesen Mißverständnissen, deren Bedeutung jedenfalls gänzlich neben der jedes! Mißverständnis ausschließenden Erklärung des Richters Dr. Neudeck, er sei kein Antisemit, verschwindet. Man kann ruhig weiter die Ueberzeugung festhalten» daß die Zulassung des Wahrheitsbeweises ifür „jüdische" Frechheit schon darum eine Ungeheuerlichkeit ist, weil' sie den internationalen: und interkonfessionellen Charakter der „Frechheit" leugnet, aber man wird dbch zugeben müssen, Dr. Neudeck hat: dae Erklärung, er sei kern Antisemit, ganz gut zu seiner . Verteidigung gewählt. Theodor F r i t s c h, der -würdige- Schüler Rohlings, des großen Talmudfälschers, harti — wie an anderer Stelle berichtet — eine Unbesonnenheit schwer gebüßt. Er hatte sich nicht begnügt, das alte Geschäft seines Meisters fortzusefeen und die Judenhetze mit Hilfe entstellter und gefälschter Talmudstellen zu betreiben, sondern in einer übermütigen Laune auch einen Preis von 10.000 Mark ausgeschrieben, den derjenige erhalten sollte, der den Nachweis erbringt, daß eines seiher Zitate nicht sinngetreu übersetzt, also gefälscht sei'. Das Landesgericht Leipzig hat nun auf Grund der Gutachten der Sachverständigen Fritsch zur Zahlung dieses Betrages an Herrn Dr. Ludwig Holländer (Direktor des rührigen „Centrai-Vereines deutscher Staats^ bürger jüdischen Glaubens") verurteilt. Man! wird es begreiflich firudlen^ daß Herr Fritsch und die ihm gesinnungsverwandte Presse in Deutschland von diesem Urteile, das eine moralische Züchtigung enthält, nicht sehr erbaut sind. Es hätte auch nicht sonderlich überrascht, wenn die gesamte Fritsch- Presse diese Mitteilung ihren Lesern einfach vorenthalten hätte. Aber selbst der gründlichste Kenner der antisemitischen Kampfmethode steht fassungslos angesichts der Tatsache da, daß die antisemitische Presse den tollkühnen Versuch unternahm, in völliger Umkehrung des wahren Sachverhaltes ihren Lesern einen glänzendem Sieg Friltschs zu melden. Die Urteile des Landesgeriichtesl Leipzig sind glücklicherweise nicht im Idiom des Talmud abgefaßt und es wird daher kaum möglich sein, diese beispiellos freche Fälschung, auch nur für kurze Zeit mit einer Flüchtigkeit oder einem Irrtum in der Uebersetzung zu entschuldigen. Sollte vielleicht die antisemitische Presse in Berflini dais Opfer eine Mystifikation geworden sein, als sie diese Rekordlüge in die Welt setzte? ■ * , * * Die Wiener „D e u t s c h ö si t e r r e i c h is c h e Tageszeiten g" hat sich beeilt, den einen Augenblick sich aufdrängenden Gedanken an eine Mystifikation gründlich zur verscheuchen. Glückstrahlend1 teilte das Blatt am 8. dt M. seinen Lesern mit, es sei in der Lage zu erklären, daß die Berichte der „N. Fr. Presse" und des „Neuen1 Wiener Tagblatt", die von der Verurteilung Fritschs schrieben, offenkundige Fälschungen eines jüdischen Berichterstatters dieser Blätter seien. Stolz wiederholt die „Deutschösterr. Tageszeitung" ihre Nachricht von dem Siege Fritschs Ii'der Schlacht von Leipzig, deren Wahrheit unerschütterlich feststeht: „Unsere Nachricht ist authentisch" — ruft sie aus — „sie stammt von Theodor "Fritsch selbst!" Die „Deutschösterr. Tageszeitung" kennt sicherlich ihre Gewährsmänner und es wäre daher mehr als unhöflich, wenn wir den leisesten Zweifel aiii ihre Erklärung knüpften. Das ist eine Sache, die jetzt das Blatt mit Herrn Fritsch au&zumiachen hat. Die Aufdeckung dieser Fälschung wird den antisemitischen Führern übrigens kaum schaden. Eime Zeitung, die nach all dem.,.was über die Entstehung der „Protokolle der Weisen von Zion" bekannt wurde, noch die an Wähnwitz grenzende Frechheit hat, weiter für die Echtheit dieser blödsinnigen Fälschung zu kämpfen: (darüber mehr in der nächsten Nummer)

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