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Die Wahrheit · 1925-05-08 · Heft 18 (8.5.1925) · page 14

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1925
Issue
Heft 18 (8.5.1925)
Date
1925-05-08
Page
– (sequence 14)
Language
German
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Seite 12 DIE WAttRttfclT Kr 18 Der Generalsturm beginnt Unter diesem Titel brachte die „Deutsch-österreichische Tageszeitung" in ihrem Morgenblatt vom 30. April anläßlich der Studentenkrawalle an der Wiener Technischen Hochschule einen Artikel, in welchem von der „Eroberung der deutschen Hochschulen" gesprochen wird. Insofern mag genannte Zeitung wohl Recht haben, als die hakenkreuzlerischen Studenten und ihr nichtstudentischer Anhang die Technische Hochschule im Sturme „e ro b e r t" 'haben, wobei sozialdemokratische und Jüdische Hochschüler mit Stöcken und Gummiknütteln aus der Hochschule vertrieben wurden. Sonst aber kann von einem „Generalsturm" gegen die Hochschule nicht die Rede sein. Meint aber die „D.-ö. T.-Z." unter „G e n e r a 1 s t u r m" einen Angriff auf die Autonomie der Hochschule, so ist es klar, daß die Hochschulautonomie von jenen Elementen gefährdet und schließlich vollkommen untergraben wird, die sich der Freiheit, die das Gesetz den Hochschulen einräumt, unwürdig erweisen. Es kann natürlich in einem Rechtstaate nicht geduldet werden, daß unter dem Namen „Autonomie" die größten Ungesetzlichkeiten, wie öffentliche Gewalttätigkeit, Aufreizung, Einschränkung der persönlichen Freiheit und vieles andere mehr, begangen werden und vor den Toren der Universität die Gleichheit aller vor dem Gesetze ein Ende nimmt Versteht die „D.-ö. T.-Z." unter Autonomie bloß ein solches Zerrbild einer Autonomie, dann allerdings muß ehestens dafür gesorgt werden, daß diese durch eine wahre, gerechte Autonomie ersetzt wird, die allen lernbeflissenen Studenten die Möglichkeit gibt, ohne Gefährdung ihrer persönlichen Sicherheit und ohne dauernd unerträglichen Beschimpfungen ausgesetz zu sein, ihren Studien nachzugehen. Was man uns schreibt [jj§| Dummheit oder Frechheit Sehr geehrter Redaktion! In der „Deutschen Arbeiterpresse" finde ich eine Notiz, die sich mit meinem in Ihrem geschätzten Blatt erschienenen Artikel „Die Legende vom jüdischen Bolschewismus" befaßt. Zum Beweis, daß meine Behauptung, das Mitglied des Dreimännerkomitees, welches an Stelle Lenins an der Spitze der kommunistischen Partei steht, Kamenew, sei kein Jude, unwahr ist, führt das genannte Blatt einen Artikel der „Wiener Morgenzeitung" an, in welchem gesagt wurde, daß Kamenew wegen seiner jüdischen Abstammung nicht zum Nachfolger Lenins gewählt werden konnte! Nun wird jeder lesekundige Mensch finden, daß die Nachricht der „Wiener Morgenzeitung" meine Behauptung nur bestätigt. Es handelt sich eben um den durch die Antisemiten so berühmt gewordenen Rosenfeld-Kamenew, den man wegen seiner jüdischen Abstammung als Nachfolger Lenins abgelehnt hat und selbstverständlich aus demselben Grunde auch in das „Dreimännerkomitee'', welches ja nur der dreiköpfige Nachfolger Lenins ist, nicht gewählt hat. Der diesem Komitee angehörende Kamenew ist aber ein anderer, nämlich der ehemalige zaristische Oberstleutnant, der unter dem Oberbefehl Trotzkis Kommandant der Roten Armee war. Es gehört die ganze Dummheit oder Frechheit antisemitischer Schreiberseelen dazu, zwischen meiner Behauptung und der Nachricht der „Wiener Morgenzeitung" einen Widerspruch zu konstruieren. — Im übrigen ist es einerlei, ob es einen Juden mehr oder weniger in den höheren Sphären der Sowjetregierung gibt. In meinem Buch „J udentum undBolschewismu s", welches bereits in fünfter Auflage vorliegt, habe ich auf Grund eines reichhaltigen statistischen und historischen Materials nachgewiesen, daß der Einfluß der Juden am Kommunismus und Bolschewismus höchst minimal ist und nur von den verlogenen antisemitischen Legenden ins Ungeheuerliche übertrieben wird. Dieser meiner Schrift gegenüber verhalten sich die Herren Antisemiten mäuschenstill und lassen nicht ahnen, daß ihre Lügen überführt worden sind. Dimitri Bulaschow. Theater, Kunst u. Literatur Cfrttes I- ROTGASSE -1 W Der Morgen. Im Philoverlag-Berlin gibt Professor Dr. G o l d s t e i n (Darmstadt), eine Zweimonatszeitschrift „Der Morgen" heraus (Jahresbezugspreis einschließlich Porto Mk. 12.—). Dem Prospekt nach will die Z e i tschriftdem geistigen Schicksal des deutschen Juden dienen: das universal-religiöse Problem erörtern und dabei auch jene Probleme behandeln, die mit der Tatsache gegeben sind, daß die deutschen Juden nach Abstammung und Religion Juden, nach Kultur und VaterlandDeutsche sind. — Die jetzt vorliegende erste Nummer bringt in vornehmer Aufmachung auf 132 Seiten tiefschürfende Aufsätze aus besten Federn. Vom Standpunkt der Abwehrbewegung interessant ist die Veröffentlichung eines Vortrages von Viscount Brycfe „Ist das Rassebewußtsein ein Faktor der Geschichte?", worin nachgewiesen wird, daß Rassebewußtsein als Machtfaktor erst ein Phänomen der neueren Zeit ist. R. H. France: Grundriß der vergleichenden Biologie, Theod. Thomas, Leipzig. Das Werk, das bereits 1917 als Manuskript einem kleinen Kreise zugänglich gemacht wurde, übergibt heute der Jubilar France einer breiten Oeffentlichkeit. Diese Biologie, als Prolog einer Reihe von Untersuchungen, die in den Jahren 1919—1923 erschienen sind, gedacht, gibt uns einen Einblick in eine Richtung der Philosophie, die in France ihren Führer gefunden hat, in die Gedankenwelt der psychovitalistischen Schule. Das „Erlebnis" steht im Zentruni der Betrachtungsweise und von diesem Standpunkt aus werden die biologischen Erscheinungen einheitlich durchforscht. Da verschwinden bald die Grenzen zwischen den Naturreichen und so entsteht die vergleichende Biologie, deren Lektüre mannigfache Anregungen bietet. „Der Halbjude." Da der bekannte deutsche Dichter Fritz von Unruh für Fortschritt,Republik undPazifismus schwärmt, was natürlich den Völkischen sehr mißfällt, mußte er — selbstverständlich — als Jude oder doch wenigstens als „Halbjude" gebrandmarkt werden, denn wie wäre denn sonst sein Eintreten für Freiheit, Republik und Weltfriede zu erklären, wenn nicht aus seiner jüdischen Abstammung? Dies hat auch der bekannte Rassenschützler und Literaturapostel Adolf Bartels in seiner Monatsschrift getan. Leider sieht er sich nunmehr gezwungen, die Behauptung, daß Fritz von Unruh ein „Halbjude" sei, damit zu widerrufen, daß genannter DichteT rein arischer Abstammung ist. Immerhin sind doch zumindest seine Ideen jüdischen Ursprungs und können daher nicht gebilligt werden. Wir aber und mit uns alle edel empfindenden Deutschen schätzen Unruh — ob Jude oder nicht — als einen der Ersten unter den jüngeren deutschen Dichtern. Freilich, ein Kriegs- und Wotansanbeter nach dem Geschmacke Bartels ist er nicht, „Der ewige Jude." Dichtung von Paul Mühsam. Verlag Ernst Oldenburg, Leipzig und Wien. Die Dichtung „Der ewige Jude" von Paul Mühsam füllt eine Lücke in der modernen Literatur des Judentums aus. Nicht in philosophischer Untersuchung, in gelehrter Abhandlung oder politischer Streitschrift, sondern von der Warte künstlerischens Schauens ist das ewige Problem des Judentums gesehen und der Versuch einer Lösung gemacht. In zwölf Gesängen wird der Leidensweg Ahasvers vom Beginn seiner unseligen Wanderung durch alle Verfolgungen des Ghettos bis in unsere Tage mit dem immer erneuten Kampf um Recht und Gerechtigkeit geschildert. Die Zeit der Assimilation, dieses seelischen Fiaskos, der Krieg mit seiner scheinbaren endlichen Befreiung der Geächteten und der grausamen Enttäuschung durch den in ungeahnter Weise neu aufflammenden Haß stehen vor uns auf. Alle Fragen, die die Gesamtheit wie den einzelnen berühren, werden gestellt, alle Möglicheren der Lösung geben. Aber weder die Verneinung des Judentums, des religiösen Mutterbodens, noch anderseits die Abkehr von der mit ganzem Herzen geliebten Heimat und die Flucht in ein neues imaginäres Vaterland können den Sterbenden erlösen. Er hat nicht zu wählen zwischen zwei Lebenskreisen. Seine Aufgabe, der er sich nimmer entziehen kann, ist die Vereinigung der beiden Elemente in ihm zu einem Ziel, der reinen Menschlichkeit, das sich nur dem entschließt, den Sehnsucht führt und der durch' alles Leid der Welt geschritten ist. Aus dem ernsten Bemühen um die tiefsten Fragen des Seins! entstand das Buch; der Kampf jedes einzelnen von uns ist in ihm.

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