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Die Wahrheit · 1925-05-08 · Heft 18 (8.5.1925) · page 12

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1925
Issue
Heft 18 (8.5.1925)
Date
1925-05-08
Page
– (sequence 12)
Language
German
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Seite 10 DIC WAHRHEIT Nr. 18 bietet, scheint offenbar bei Herren vom Schlage des Kanzlelbeamten Franz Goldbrunner nicht vorhanden zu sein. Der auf den Namen Goldbrunner hörende Hakenkreuzler weiß anscheinend nicht einmal, daß die nationalsozialistische Partei in wiederholten Eingaben an die Behörden das Hakenkreuz als ihr Parteiabzeichen in Anspruch genommen hat; er besitzt aber die Frechheit, Staatsbürger, die amtlich mit ihm verkehren mußten, m einer Zeitung anzuflegeln. Es muß wohl als ganz unzulässig betrachtet werden, daß öffentliche Angestellte mit einem Abzeichen, wie es das Hakenkreuz ist auf der Brust oder der Krawatte den das Amt aufsuchenden Staatsbürgern entgegentreten." Wie soll ein Beamter der Republik, der durch das Tragen eines äußeren Abzeichen während der Ausübung seines Dienstes seine Parteizugehörigkeit offen zu erkennen gibt, jene Unparteilichkeit und Objektivität bewahren, zu welcher er sich durch einen feierlichen Eid verpflichtet hat? Wie soll anderseits die im Amte vorsprechende Partei Vertrauen zur ^gerechten Beurteilung ihrer Angelegenheit gewinnen, wenn der Beamte, der seine Entscheidungen nach bestem Wissen und Gewissen zu treffen hätte, seine parteimäßige Einstellung so offen zur Schau trägt? Es ist sicher nicht im Interesse des Staates gelegen, wenn durch derartige Vorfälle das Rechtempfinden weiter Kreise untergraben wird. Menschenliebe und Menschenhaß lautet der Titel eines Aufsatzes von Dr. Walter Kulka, welchen „Die Bereitschaft", Zeitschrift für Menschenökonomie, Wohlfahrtspflege und soziale Technik, das Organ des gleichnamigen Vereines, in ihrer Mainummer veröffentlicht und welcher sich mit den verderblichen Folgen des Nationalitäten-, Rassen- und Klassenkampfes für die gesamte Menschheit beschäftigt. Besonders das, was der Verfasser über den Rassenkampf sagt und in jüngster Zeit leider wieder aktuell geworden ist, dürfte bei unseren Lesern uneingeschränkte Zustimmung finden. „Die Unsinnigkeit des Rassenkampfes", heißt es in diesem Artikel, „wird klar, wenn wir Rassengegensätze beobachten, die uns ferner liegen. Uns Europäern ist der furchtbare Haß, mit dem die Amerikaner die Neger verfolgen, unerklärlich und die Roheit unbegreiflich, mit der die Amerikaner die Schwarzen behandeln. Und doch stehen sich hier wenigstens wirklich zwei in Aussehen, Entwicklung und Lebensgewohnheiten vollkommen verschiedene Menschenrassen gegenüber, während der Haß, mit dem in Europa die Juden vielfach verfolgt werden, auch dieses Entschuldigungsgrundes entbehrt zumal heute von einer „jüdischen Rasse" zu reden ebenso lächerlich ist wie von einer „arischen Rasse." Alle Völker Europas sind Mischvölker, Mischlinge der nordischen, alpinen und meriterranen Rasse, Mischlinge aus arischen Einwanderern und mongoloiden Ureinwohnern, ans blonden und dunklen, langschädligen und kuTZschädligen Rassen. („Pan Europa" Coudenhove-Kalergi, S. 135) Wie dem Rassenhaß beizukommen ist? Er wird von selbst verschwinden, wenn in einer anderen Wirtschaftsordnung die Ursache nicht mehr besteht: die Angst.vor der Konkurrenz! Bis dorthin aber könnte viel geschehen, den Haß zu mildern. Natürlich nicht bei unserer verderbten, von Vorurteilen zerfressenen Generation, sondern bei der heranwachsenden müßte angefangen werden: in jedem Lesebuch, an der Stelle, wo früher das Bild des „allerhöchsten Kriegsherrn" prangte, müßten in deutlichen, großen Lettern die Worte stehen: Das bist Du! Bei der Gelegenheit müßten die Lehrer den Kindern Achtung von der Existenz des Menschen predigen, sie lehren, in jedem Menschen das eigene Ich zu sehen! Der hetzende Teut In Nummer 10 unseres Blattes haben wir wiederholt die Worte zitiert die K. H e 11 e r i n g im Salzborger „Grobian" vor einem halben Jahre in einer Abhandlung über neuzeitliche Literatur zum besten gegeben hat. Sie lauten: „Möchte sich auch gegen den notorischen Massenmörder von Seelen Bettauer ein Jawurek finden, der besser trifft Solch ein Pestilenzkerl, der alle Gesetze und Sitten verhöhnt gehört ausgetilgt." Der Wüle des Herrn K. Hellering ist zur Tat geworden. Ueber diesen Herrn erfahren wir nun: Er ist niemand anderer als der Turnlehrer der Bundesrealschule auf der Schottenbastei Kaspar Hellering. Bekanntlich sind die meisten Turnlehrer unserer Mittelschulen stramme Hakenkreuzler. Daß aber einer hingeht und zur Gewalttat auffordert, geht doch über die Hutschnur. Kaspar Hellering ist Staatsbeamter und es ist notwendig, daß sich die vorgesetzten Behörden mit dieser, hetzerischen Tätigkeit Hellerings eingehend und raschestens beschäftigen und gegen ihn sofort eine Disziplinaruntersuchung einleiten, denn solche Lehrer werden ihre Schüler kaum „im Sinne der Völkerversöhnung" orientieren. Christentum und Antisemitismus. Wir entnehmen dem Buche „Der neudeutsche Heide im Kampf gegen Christen und Juden" von Dr. Alfons Steiger folgenden Brief des Herrn Vikars Dr. theol. Friedrich Morawski in Boele bei Haagen: „Es ist eine eigenartige Erscheinung, daß jedesmal beim Anbruch unruhiger Zeiten sich der Antisemitismus regt: wenn im Mittelalter die Pest auftrat, dann hatten gewiß die Juden die Brunnen vergiftet, und wenn heute die deutschen Verhältnisse sich verschlechtern, dann müssen die Juden die Schuld daran tragen. Es kann aber kein Zweifel daran sein, daß die Wurzeln des Antisemitismus in sehr dunklen Regionen des Menschenherzens liegen: es ist einesteils der Neid auf den (vielfach nur sagenhaften) Reichtum mancher Juden; es ist anderseits! der gleichsam instiktive Haß gegen die geoffenbarte Religion. Die moderne Welt ist sehr eifersüchtig und kann es nicht vertragen, daß man außer ihr noch andere Götter anerkennt, daß man sie nur als Mittel, als Dienerin eines Gottes bezeichnet: deshalb veranstaltet sie Kulturkämpfe und Pogrome. So ist denn auch das Hauptargument des Antisemitismus die immer wieder behauptete Feindschaft des Judentums gegenüber dem Christentum (obwohl dieses Argument bei der offenbaren Unchristlichkeit der Antisemiten nur Maske zur Verblendung harmloser Seelen ist): man konstatiert mit Entrüstung die Minderwertigkeit der jüdischen Moral, setzt sie in absoluten Gegensatz zur christlichen, stellt den jüdischen Gottesglauben auf die Stufe eines besseren Heidentums. Im Zusammenhang damit erhebt sich die Forderung nach einem juden- und romfreien Christentum. Die neueste Zeit endlich hat mit dankenswerter Klarheit gezeigt daß es nur der blinde Haß gegen jede Religion ist, der das Motiv solcher Hetze bildet: als Ideal gilt das altgermanische Heidentum." Eine wohlverdiente Abfuhr. In unserer letzten Nummer haben wir berichtet, daß die1 zu agitatorischen Zwecken eingebrachten Forderungen deutschvölkischer Landtagsabgeordneter nach Einführung von Sondermaßnahmen auf fremdrechtlichem und wohnungspolitischem Gebiet gegen, „die seit dem 1. August 1914 zugewanderten Angehörigen der semitischen Rasse" vom preußischen Innenminister abgelehnt wurden. Wie der amtliche „Preußische Pressedienst" dazu mitteilt, weist der preussische Minister des Innern in seiner Antwort darauf hin, daß es allgemeinen Grundsätzen des Völkerrechts widersprechen und unabsehbare außenpolitische Folgen nach sich ziehen würde, wenn alle einer bestimmten Rasse oder Volksgemeinschaft angehörenden Ausländer lediglich wegen dieser Zugehörigkeit ausgesperrt würden, ohne daß in ihrer Person Gründe für die Ausweisung vorlägen. Aus denselben Gründen könnten auch von Angehörigen der semitischen Rasse ordnungsmäßig in Besitz genommene Wohnungen nicht ohne weiteres beschlagnahmt werden. Das Berliner „Deutsche Tageblatt" leistet sich das billige Vergnügen!, den preußischen Minister des Innern Severing wegen dieser Antwort die doch ganz selbstverständlich ist als „Jude n s c h ü t z e r" zu bezeichnen. Dabei vergißt es ganz, daß die meisten Ostjuden, die nach dem 1. August 1914 nach Deutschland gekommen sind, gemäß der damaligen Politik Ludendorffs zwangsweise nach Deutschland gebracht wurden. Unmögliche Zustände an der Wiener Technik. In der Vorwoche kam es an der Wiener Technischen Hochschule zu Prügeleien zwischen deutschnationalen und sozialdemokratischen Studenten!, in deren Verlauf die Hakenkreuzler schließlich die Aula besetzten1 und den Studenten, die sich nicht als Arier ausweisen konnten, den Eintritt verwehrten. Wie lange sollen diese unmöglichen Verhältnisse an einer Wiener Hchschule noch andauern? Wie lange wird es die Regierung noch dulden, daß unschuldige jüdische Studenten, welche die Hochschule besuchen, nicht um Radau zu schlagen, sondern um ihren Studien nachzugehen, von hakenkreuzlerischen Studenten in ihrem Studium gehindert und in einem der wichtigsten Rechte, dem der persönlichen Freiheit, geschmälert werden. Es ist eine Schande für einen Kulturstaat, wenn er nicht die Macht hat, harmlose Studenten vor rohen Gewalttätigkeiten zu schützen und einen ungestörten Studienbetrieb an seinen höchsten Bildiuigsanstalten zu gewährleisten. Zwar wurde in einem Erlasse des Rektors der Technik „das hetzerische Verhalten einer Gruppe, die nur zum Teil aus Studenten der Technik besteht", gerügt und den „von außen kommenden Hetzern die schärfste Mißbilligung ausgesprochen," dennoch aber wurde nichts unternommen, um jenen jüdischen Studenten, welche zum Teil von Nichtstudenten unter Drohungen, Beschimpfungen, und Tätlichkeiten an ihren Studien and an der Ablesung von Prüfungen behindert wurden. Genugtuung zu leisten.

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