Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1925
- Issue
- Heft 18 (8.5.1925)
- Date
- 1925-05-08
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
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Nr. 18 DIE WAHRHEIT Seite 9 Wahrheiten vom Tage Erkenntnisse und Bekenntnisse. Theodor F r i t s c h war immer einer der eifrigsten Verfechter der Echtheit der „Protokolle der Weisen von Zion", mit welcher gemeinen Fälschung die Antisemiten aller Länder das Märchen von den jüdischen Weltherrschaftsplänen bei leichtgläubigen Menschen zu verbreiten trachten. Trotzdem der Nachweis nicht schwer zu erbringen war, daß diese Protokolle von gewissenlosen Fälschern eigens erfunden worden waren, um die Pläne der Juden zur Erreichung der Weltherrschaft zu „beweisen", haben dennoch die in fast alle Kultursprachen übersetzten Protokolle großen Schaden angestiftet, vor allem in den Gehirnen wenig kritischer Menschen, die allzu leicht geneigt sind, auch den größten Unsinn für wahr zu halten, wenn er schwarz auf weiß gedruckt steht. — Nunmehr sieht sich auch Theodor Fritsch gezwungen, unter der Wucht der Tatsachen einzugestehen, daß „zuverlässige Beweise über die HerkunftderProtokolle bisher nicht erbracht s i n d". Doch erteilen wir ihm lieber selbst das Wort und hören wir, was er in seiner Zeitschrift „Hammer" (Nr. 547 vom 1. April 1925) hierüber sagt: „Die russische Dame, die das Manuskript einem hohen russischen Adeligen ausgehändigt haben soll, wird wohl ihre guten Gründe besitzen, über den Erwerb der Handschriften zu schweigen. (Offenbar auch von den Juden bestochen! D. Red.) Einstweilen mag Jeder aus der Natur dieses seltsamen Schriftstückes sich selbst ein Urteil bilden, wieviel er daran für echt halten will." Des weiteren gibt Fritsch auch zu, daß bei den vielen Uebersetzungen und Rückübersetzungen sich verschiedene Unrichtigkeiten und Uebersetzungsfehler eingeschlichen haben dürften: „Die Protokolle sind seit 1904 in verschiedene Sprachen hin und zurückübersetzt worden. Dabei war es unvermeidlich, daß Abweichungen im Wortlaut entstanden. Es ist sogar wahrscheinlich, daß mancher Uebersetzer, in leidenschaftlicher Empörung über den hinterhältigen Sinn dieser Darstellungen, hie und da zu einem übertreibenden Ausdruck gegriffen bzw. den Gedankengang mit einer gewissen Willkür ausgeschmückt hat. Aber abgesehen von diesen möglichen Willkührlichkeiten halte ich heute noch Kern und Wesen dieser „Protokolle" für echt jüdisches Geistesgu t." Auch die Bezeichnung „zionistische Protokolle" hält Fritsch für unrichtig und sagt hierüber folgendes: „Ein Mißverständnis ist noch zu klären. Die Bezeichnung „Zionistische Protokolle" haben wir von Anfang an für verfehlt gehalten. Zunächst handelt es sich nicht um Protokolle, d. h. Verhandlungsniederschriften, sondern um Leit- und Lehrsätze eines politischen Programms. Ferner aber muß gesagt werden, daß jene Protokolle anscheinend nichts zu tun haben mit der von Dr. Herzl begründeten „Zionistischen Vereinigung", deren Hauptziel der Aufbau des Judenstaates in Palästina ist. Als die „Weisen von Zion", deren Programm die „Protokolle" darstellen, sind offenbar die geistigen Oberleiter des Judentums gedacht, gleichsam der geheime Oberrat der Judenschaft, etwa gleichbedeutend mit dem Sanhedrin. Richtiger würde also der Titel der Schrift lauten müssen: „Das Programm der Weisen von Zion." Aus diesen Geständnissen kann man ersehen, wie Stein auf Stein* aus dem in seinen Grundfesten erschütterten Lügengebäude der Judenfeinde herausfällt, bis es schließlich selbst, Lügner und Verleumder unter sich begrabend, zusammenbrechen wird. Dann erst wird auf seinen Trümmern das große Gebäude der Wahrheit, der Menschenliebe und des allgemeinen Friedens errichtet werden können. Zum Fall Bettauer. Der Grazer „Michel" hatte vor kurzem zum Beweis dafür, „wie weit die Hetzarbeit der jüdischen Presse gediehen ist", einen Schmähbrief abgedruckt, den die Eltern Otto Rothstocks angeblich erhalten haben und der mit „Adolf Enge in Weiz" unterzeichnet war. Dazu hat nun das Blättchen von Rechtsanwalt und Abgeordneten Dr. Adolf Enge in Weiz die Mitteilung erhalten, daß er den Brief nicht geschrieben habe. Dr. Enge schreibt: „Nach meinem Stande, meiner Erziehung, Weltanschauung und politischen Einstellung konnte ich diesen Brief gar nicht schreiben oder veranlassen." Trotz dieser offensichtlichen Blamage läßt der „Michel" nicht locker, denn nach ihm ist es ziemlich gleichgültig, wer den Brief geschrieben hat. Tatsächlich ist er geschrieben worden. (Das wäre noch zu beweisen!) Daß es mit falscher Unterschrift geschehen ist — umso schmählicher und bezeichnender für den Geist der von der Sudelpresse beratenen Deutschen. Harnack erhebt Protest. Der berühmte Theologe Prof. Adolf von Harnack läßt jetzt sein letztes großes Werk über Marcion, das Evangelium vom fremden Gott, „eine Monographie zur Geschichte der Grundlegung der katholischen Kirche", in einer zweiten, etwas vermehrten Auflage, erscheinen. Er verwahrt sich darin gegen den antisemitischen Mißbrauch, den man im heutigen Kampf gegen das Alte Testament mit seinem Buche getrieben hat: „Ich protestiere hiermit dagegen, daß meine Ausführugen mit denen von Friedr. Delitzsch („Die große Täuschung") zusammengestellt werden, wie das mehrfach geschehen ist; diese sind vom wissenschaftlichen Standpunkt aus ebenso rückständig, wie vom* religiösen verwerflich". Wir freuen uns, daß der weltbekannte Gelehrte die „wissenschaftlichen" Entgleisungen Delitzschs damit in das gebührende Licht gesetzt hat. Die politischen Folgen der deutschen Glaubensspaltungen. In Nummer 14/15 haben wir ein Zitat aus einer Rede des badischen Staatspräsidenten Dr. Hei 1-. pach, die er in Karlsruhe kurz vor der Reichspräsidentenwahl hielt, veröffentlicht. Nunmehr liegt uns der genaue Wortlaut vor. und wir halten es für richtig, den betreffeden Abschnitt zu wiederholen, der sich eingehend mit der Frage der religiösen Zerrissenheit Deutschlands und der Stellung, die Wilhelm Marx dazu einnehme, beschäftigt. Marx, so meinte Hellpach, schwebe vor, die politische Auswirkung der christlichen Glaubensspaltung in Deutschland überwinden zu helfen. Dann sagt er weiter: „Marx hat, wenn ich nicht irre, in Dresden gesagt, Deutschland hat keinen katholischen, keinen evangelischen, keinen jüdischen und keinen freigeistigen Staat, sondern alle Formen des ehrlichen Bekennens und Wirkens müßten in der nationalen gemeinsamen Gewissensfreiheit und Duldung sich zusammenfinden. Lassen Sie mich hinzufügen, wir wollen auch eingedenk sein dessen, was das nationale Leben der Deutschen allen diesen Formen verdankt. Wir wollen nicht verkleinern lassen, was die evangelische Welt von Luther und Bach, von Leibniz und Lessing, von Herder und Kant, Fichte und Hebbel bis zu Bismarck, Richard Wagner und Gerhart Hauptmann von deutschem Wesen und an Schöpfung zugeführt haben. Aber wir können aus diesem Deutschland ebensowenig fortdenken die großen Geschenke des katholischen Mittelalters. Wir können die katholischen Genies der deutschen Tonkunst nicht wegdenken und nicht zu protestantisch denken, dann ebensowenig die Gestalten von Görres und Eichendorff, die leidenschaftlichsten und innigsten katholischen Deutschen. Aber ebensowenig können wir die großen Schöpfungen des dezifierten Nichtchristengottes und des dezifierten Antichristendichters aus dem deutschen Besitz wegdenken, ohne ihn erheblich zu verkleinern. Und wollen wir uns wegdenken, was Moses Mendelssohn und Felix Mendelssohn, was Heinrich Heine und Ferdinand Lassalle, was Max Liebermann und Walther Rathenau für unser deutsches Volk bedeutet haben und noch bedeuten?" Wir brachten das Zitat nochmals ausführlich, denn solche Worte erklingen nicht alle Tage in der deutschen Oeffentlichkeit. Die religiösen Glaubensunterschiede sind nicht zu verwischen, sollen nicht verwischt werden. Aber ihre politische Auswirkung ist ein Unheil. Das Hakenkreuz im Finanzministerium. Der sozialdemokratische Abgeordnete Franz S e v e r und Genossen haben am 28. April d. J. an den Finanzminister eine Anfrage bezüglich eines Vorfalles gerichtet, der sich jüngst im Finanzministerium abgespielt hat. In diesem Staatsamte wurde der Kanzleibeamte Franz Goldbrunner von einer Dame gelegentlich ihrer VorsDrache in diesem Amte zur Rede gestellt, weil er während des Dienstes ein Hakenkreuz trug. Statt das Ungehörige seines Verhaltens einzusehen, hat sich nun dieser Beamte noch in der „D.-Oe. T.-Z." über das Benehmen dieser „Hebräerin" beschwert In der schriftlichen Anfrage wird unter anderem ausgeführt: „Das Gehaben des Kanzleibeamten Franz Goldbrun n e r läßt ganz besondere Rückschlüsse auf die Zustände im Finanzministerium zu. Im Finanzministerium hat man offenbar, oder wenigstens die dort tätigen Hakenkreuzler und ihre Vorgesetzten, keine Ahnung davon, daß das Tragen politischer Abzeichen im Dienst unzulässig ist: der natürliche Takt der das Tragen politischer Abzeichen durch Beamte im Dienst ver-