Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1925
- Issue
- Heft 18 (8.5.1925)
- Date
- 1925-05-08
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Seite 2 DIE WAHRHEIT Nr. 18 flußreidie Verwandtschaft habe, geantwortet, daß „L o r ä N o r t h c 1 i f f e (<der bekanntlich aus Frankfurt am Main stammt) sein rdditagier Enkel ser"; ob däese Angabe objektiv richtig ist, konnte der Herr Feld- und Garnisoinispfarrer nicht genau iiachpriifen (ein großes Unglück für die Wissenschaft); „der Rabbiner Jacobowsky ki Grödlnö war von der Richtigkeit seiner Angaben {subjektiv (überzeugt." Am Ende ist däeser auch „subjektiv" fest davon überzeugt, daß die Juden die Weltherrschaft erstreben? In einem weiteren VerhändlungsprotokoM, das döeser deutsche Pfarrer angeblich' entdeckte, und zwar aus dlejn Jahre 1867, .wo der Sanhedrin in London tagte, heißt es nun: „Auf dieser Sitzung in London wind ziemlich breit die finanzielle Wirkung der sozialdemokratiischen Arbeiterpartei behandelt; es wird gesagt, daß diese Idiee, däie mittlerweile d e r Sohn des obengenannten Oberrabbiners Krakauer (L a s a 11 e) mit dem ehernen Lohngesetz bereichert hatte, däe großartigste und am besten geglückte Spekulation auf dais Geldisystem der Deutschen sei die jemals von jüdischen Köpfen erdacht wurde. Es wurden reiche, unverheiratete Juden aufgefordert, an den deutschen Universitäten sich die venia d o c e n d i zu erwerben, eine neue Wissenschaft, „Nationalökonomie", öffentlich zu lehren und mit ihrer Hilfe die sozialdemokratischen Gedanken auch möglichst in dfie Gebildeten hmeinzutreiben. Wie sehr das letztere geglückt ist, lehrt der Name Adolf Wagner, Professor der Nationalökonomie in Berlin, der sogar auf dem1 evangelischen sozialen Kongreß 1893 eine bedeutende, aber für uns Deutsche verderbliche Rolle gespielt hat" So ein deutscher Pfarrer, der seinen Gläubigen diese Tollhausphantasiien nicht nur in Worten, sondern auch in Schriften niederlegt. Wir brauchen eigentlich nicht auf die einzelnen Behauptungen dieser Zuschrift einzugehen, da ein jeder unserer Leser schon auf den ersten Blick erkennen muß, daß hier vieles der Wahrheit direkt wiiderspriicht. Wenn wir uns trotzdem damit näher beschäftigen, so geschieht es aus dem Grunde, weil hier durch einen geradezu klassischen FaM düei iganze Verlogenheit der antisemitischen Hetzpropaganda gekennzeichnet wird. Der im Jahre 1784 geborene und im Jahre 1885 im Alter von 100% Jahren in London verstorbene große jüdische Philanthrop Sir Moses Montefiore war in seinem Privatberuf Bankier und niemals der Großrabbiner Großbritanniens: Es steht fest, daß er niemals in Warschau oder in Krakau gewesen ist, wohl aber hat er im Jahre 1840 (!) eine Reise nach Aegypten und nach der Türkei unternommen. Der Arbeiterführer Ferdinand Lassalle*) wurde vor 100 Jahren am IL April 1825 in Breslau als Sohn des dortigen jüdischen Kaufmanns und Seidenh ä n d 1 e r s H e i m a n m L a s s a 1 geboren, der aus Loslau in Oberschlesien stammte und ursprünglich den Familiennamen Loslauer geführt hatte. Ferdinand L. hat den väterlichen Familiennamen Lassal während seines ersten Aufenthalts in Paris im Jahre 1845 in Erinnerung an den französischen Revolutionsmann Lasalle in die Form Lassalle umgewandelt. E/inein O b e rr ab b'i »er Galiziens namens Lasalle hat es niemals ge ge b e n; die Familie Ferdinand Lassalles hat mit Galizien nicht die geringsten Beziehungen gehabt; es ist also offenbarer Schwindel, daß Ferdinand Lassalle der Sohn eines galizischen Oberrabbiners gewesen sei. Aus jeder Nummer des „B e r 1. T g b 1." ist zu ersehen, daß dieses gegenwärtig im 54. Jahrgang erscheint; es ist also 1871 gegründet worden undnicht im Jahre 18 4 6; sein Begründer, der im Jahre 1843 geborene und vor einigen Jahren verstorbene Verlagsbuchhändler Rudolf Mosse, war im Jahre 1846 erst 3 Jahre alt. Daß *) Man beachte den Unterschied zwischen der Schreibweise „Lassalle" und Lasalle". iHpi Feuilleton Literarische Streifzage. (Fortsetzung.) Zur neueren jüdischen Geschichte si»d die folgenden Schriften zu verzeichnen: E. A11 k i r c h, Maledictus und Benedictus, Leipzig 1924, F. Meiner, stellt literarische Urteile über Spinoza zusammen, die nahezu restlos bereits in Grunwalds Preisschrift „Spinoza und Deutschland" aus dem Jahre 1897 zu lesen sind. Daß der Verfasser sie nicht anführt, muß umso mehr auffallen, als sie in der von ihm zitierten Literatur mit Anerkennung benützt wird. Uebrigens bietet Grunwald manches, was bei Altkirch fehlt. Auch hätten wir gern die nichtdeutsche Literatur bei Altkirch ausgiebiger vertreten gesehen. Die Ausstattung ist des rührigen Verlages durchaus würdig. C. Cohen. The Jews in the making of America, Boston Mass. 1924, The Stratford Co. Jüdischer Geist und jüdisches Geld haben die Entdeckungsfahrten des Columbus ermöglicht. Der Geist des alten Testaments beseelte die ersten Pioniere der Kultur in Amerika. Noch vor der Einnahme New Yorks durch de Engländer betätigten sich Juden in dieser Kolonie. Newport wurde durch Juden zunr angesehensten Handelsplatz, in Georgia und Charleston gründeten sie blühende Siedlungen. Ein polnischer Jude Haym Salomon spielt eine große politische Rolle und bringt bedeutende patriotische Opfer. An allen Kriegen der Republik beteiligen sich Juden in hervorragendem Maße. Das Wirtschaftsleben befruchten sie, manche Zweige, wie die Konfektion, werden von ihnen geschaffen. Im Landbau sind Hunderttausende tätig. Kunst, Wissenschaft, Literatur zählen Juden zu ihren hervorragendsten Vertretern. Oskar Strauß, Salomon Hirsch, Henry Morgenthau und Abram J. Elkus vertreten die Union am Goldenen Horn, J. N. Morris in Schweden, Rabbi Kornfeld in Persien, L. Einstein in Prag, M. D. Kirjasoff, der beim Erdbeben in Japan seinen Tod gefunden hat, war dort amerikanischer Generalkonsul, Edw. de Leon und Sim. Wolf waren es in Aegypten, B. F. Peixotto in Rumänien. Die Namen Kuhn, Loeb und Co., Sulzberger, Guggenheim erinnern an die ökonomische Bedeutung der amerikanischen Juden, Judah Touro, Strauß, Rosenwald, Warburg und Schiff an ihre Philanthropie. Die Juden haben Amerika gemacht. Ein gutes Porträt ist gelungen: K. Sternberg, Walther Rathenau der Kopf, Berlin, Grunewald, Dr. W. Rothschild, 1924. Hier kommt es einem erst so recht zu Bewußtsein, daß der auf so vielen Gebieten schöpferische Geist S&ihwnaus auch als Philosoph originelle Wahrheiten hinterlassen hat, die in glänzender Prägung sich in der Geschichte menschlichen Denkens einen geachteten Platz erhalten werden. Auch dem Judentum sucht Rathenau gerecht zu werden. Er würdigt den Wert der Juden, ohne gegen die Fehler einzelner unter ihnen blind zu sein. „Schaffende Liebe", das war der Grundzug seiner Lehre wie seines einsamen arbeitsreichen Lebens. Rathenau wird auch gewürdigt« von E. Ludwig, Genie und Charakter, Berlin 1924. Ernst Rowohlt. Unter den 20 männlichen Bildnissen, die hier in Wort und Porträt vor uns treten, begegnen uns Rathenau und Lassalle als Vertreter jüdischer Typen. Bezeichnend ist jeder dieser Charakterköpfe, sei es für ein Volk oder für eine bestimmte Weltanschauung und Willensrichtung. Einen besonders tragischen Typus eines Opfers des Judenhasses zeichnet Th. Malade in „Semmelweis", München, J. F. Lehmann. K 38.400. Wenn man liest, wie hier ein Edler und Geistesstarker an dem Kleinkrieg gegen Wiener Intriguen sich zermürbte, kann man sich einer tiefen Rührung nicht erwehren. Das Buch, mit einem Bildnis des Helden geziert, ist als menschliches Dokument warm zu empfehlen.