Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1925
- Issue
- Heft 17 (1.5.1925)
- Date
- 1925-05-01
- Page
- – (sequence 12)
- Language
- German
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Seite 10 EHE WAHRHEIT Nr. 17 genannten „Broder Synagoge" in Odessa, aber die die offizielle Odessaer Zeitung „Izwestia" vom 7. März voller Jubel berichtet Diese Synagoge, eine der schönsten in ganz Rußland, ist jetzt in einen kommunistischen Arbeiterklub verwandelt worden. Die Liquidierung des „konterrevolutionären Nestes", so bezeichnet die „Izwestia" die Synagoge, wurde von einer großen Kundgebung begleitet, die selbstverständlich von den Behörden organisiert wurde. Die Kommunisten zogen durch die Hauptstraße zum Gebäude des Odessaer Sowjets. Dort wurden Reden gehalten. „In dieser Synagoge" — so erklärte ein Redner — „verfluchte die jüdische Bourgeoisie alle, die für die Sache der Arbeiterklasse kämpften." „Unter der Maske eines! Tempels" — so rief ein anderer Kommunist — „hat sich ein Zufluchtsort für Schieber und Feinde der Regierung gebildet." Die Feier schloß eine Rede des Vizepräsidenten des Odessaer Sowjets, des Kommunisten Kudrins, der sich bemühte, zu beweisen, daß „bei1 uns die größte Gewissensfreiheit besteht". Ob mit Erfolg, darüber finden wir in dem offiziellen Blatt keine Angaben. Dasselbe Blatt widmet der „Schließung des Asyls der klerikalen Reaktion" einen großen Artikel, in dem erklärt wird, daß „die Sowjetregierung die Umwandlung einer Kirche in ein Werkzeug der Propaganda gegen die Macht der Arbeiter und der Bauern nicht dulden werde". „Indessen versucht man die Kirche für sowjetfeindliche' Ziele auszubeuten. Wir wissen, daß solche Versuche auch jenseits unserer Grenzen unternommen wurden." Selbstverständlich kann der Verfasser keine Beweise für seine Behauptung bringen. Aber in Sowjetrußland ist es auch gar nicht nötig. Er begnügt sich also mit derl Feststellung, daß „noch ein Herd des Finsternisses und ein Netz des Volksbetruges vernichtet ist". Der Schluß des Artikels enthält Andeutungen, die die Stimmung in Rußland etwas anders darstellen, als die Moskauer Regierung sie dem Auslande gegenüber darzustellen versucht: „Die Schließung der Synagoge" — schreibt das offizielle Blatt — „soll eine Mahnung für alle diejenigen sein, die unter der Verdeckung einer christlichen Kirche oder einer Synagoge gegen die Sowjetregierung Komplotte schüren." Selbstverständlich ist dieser Willkürakt der Sowjetregierung ein Glied der berüchtigten wahnsinnigen Politik des „Kampfes eegen die Religion". Ob wohl die Kreise, die immer wieder Bolschewismus und Judenregierung identifizieren, von diesem Vorfall ihren Lesern Kenntnis geben werden? Sehr wahrscheinlich ist es nicht; denn diese Odessaer Feier ist ja geeignet, hnen ihr ganzes Konzept zu verderben. Das Marzipan. In den heute ziemlich vergessenen Erinnerungen des Grafen Adolf Friedrich v. Schack „Ein halbes Jahrhundert", die aber immer noch zu den besten Büchern zählen, die man lesen kann, findet man folgende interessante Angabe: „Eine unschuldige Erinnerung an ihre frühere Glanzzeit haben die Juden in Toledo zurückgelassen. In ganz Castilien ist der Marzipan dieser Stadt berühmt, und wirklich wird dieses Gebäck, das in Italien und Frankreich nahezu unbekannt ist, hier trefflich bereitet Der spanische Name desselben, Mazzapan, erinnert an seinen jüdischen Ursprung, und ich zweifle nicht, daß er eine Erfindung" der Juden von Toledo ist" Das Mazzapan ist also nichts anderes als mazze panis. Dies mazze panis lebt übrigens in seiner jedenfalls ursprünglichen Gestalt heute noch. In Nord- und Ostdeutschland bereitet man zum Pessachfest ein Mazze-Gebäck: faustgroße, in Fett gebackene Kuchen (Charimsel), die man mit Früchten oder Marmeladen füllt aber auch in anderer Zubereitung mit Mandel und Zucker. Diese letztere Art ist jedenfalls der Ursprung des Mazzapan, des heutigen Marzipan. Neue völkische Anträge im preußischen Landtag. Als vor einigen Wochen deT Völkische Block im Bayerischen Landtag einige kleine Anfragen über Judenausweisungen stellte, wurden diese Anträge von der Bayerischen Volkspartei, Deutschen Volkspartei in der Pfalz, Nationalliberalen Landespartei, Sozialdemokratie und auch Kommunisten einstimmig von der Tagesordnung gestrichen. (Was man in parlamentarischen Kreisen unter den Tisch gefallen nennt.) Es ist nun in der Fraktion selbst zu Streitigkeiten gekommen, der eine Teil wollte unbedingt daß die Anträge in der nächsten Sitzung wieder dem Bayerischen Staatsministerium zur Beantwortung vorgelegt werden sollen. Die andere Gruppe wollte das nicht zulassen und so ist es zum großen Krach innerhalb der Fraktion selbst gekommen. Was kann aber nun den Wählern draußen weiter geboten werden? Es mußte ein Ausweg geschaffen werden, man versuchte in Preußen mit diesen Anträgen vorzustoßen, nachher kommt Bayern selbst nach. Also mußte Wulle herhalten. Es wurde eine Delegation nach dem Saustall Preußen gesandt, und zwar direkt in den preußischen Landtag zu der neugebackenen Völkischen Fraktion. Es wurde dem Preußen Wulle nicht gesagt, du mußt dieses machen, sondern ein Ultimatum an ihn gestellt Wulle als getreuer Diener des Herrn Hitler, (er muß ja doch wieder in dessen Gunst kommen) stellte sofort an das Ministerium folgende Anfragen: „Ist das Preußische Staatsministerium bereit, endlich den völkischen Forderungen dahingehend stattzugeben, daß 1. die seit dem 1. August 1914 nach Preußen zugewanderten Angehörigen der semitischen Rasse unverzüglich als lästige Ausländer des Landes verwiesen werden? 2. den ausgewiesenen Angehörigen der semitischen Rasse nur die Werte zur Mitnahme in die Heimat belassen werden, welche sie nachweislich bei ihrer Einwanderung nach Preußen mitgebracht haben und die „überschießenden" Vermögen und Sachwerte zu beschlagnahmen? 3. die beschlagnahmten, Werte bzw. deren Erlös als dem Volksvermögen unrechtmäßig entwendet zu betrachten und diese daher dem Volke in der Weise wieder zuzuführen, daß sie zwecks Linderung des Hungers und der Not der Aermsten der Bevölkerung unmittelbar zur Verfügung gestellt werden. (Das gute Herz des Herrn Wulle!) 4. der Herr Minister des Innern unmittelbar veranlaßt wird, umgehend die Erlasse herauszugeben, welche eine weitere Einwanderung Angehöriger der semitischen Rasse im preußischen Gebiet für die Zukunft unmöglich zu machen. 5. die auf preußischem Gebiete angetroffenen Angehörigen der semitischen Rasse, welche nicht rechtmäßig eingereist, der Meldepflicht vom Jahre 1920 nicht nachgekommen sind, sowie diejenigen, welche ohne Papiere oder mit Papieren ohne Sichtvermerk angetroffen werden, unverzüglich aus Preußen ausgewiesen werden? 6. alle seit dem 9. November 1918 getroffenen Polizeientscheidungen über Ausweisungsanträge bzw. lästige Ausländer einen endgültigen Ausweis zu geben? 7. der Erlaß des preußischen Innenministers vom Jahre 1923, der besagt, daß Ostjuden keine Ausländerbehandlung in Deutschland haben sollen,' sofort aufgehoben wird. 8. die preußischen Zentralwohnungsämter veranlaßt werden, die örtlichen Wohnungsämter dahingehend anzuweisen, unverzüglich die von zugewanderten Angehörigen der senntischen Rasse bewohnten Wohnungen sofort zu beschlagnahmen. Also das sind die Anträge der Völkischen im preußischen Landtag. Es muß bei dieser Gelegenheit wieder festgestellt werden, was schon einmal, es war im Jahre 1918, im preußischen Landtag von Oscar Cohn, einem Abgeordneten der damaligen U. S. P. D. zu der Rechten gesagt worden ist: Sie meine Herren wollen keine Juden in Preußen haben, die Zeit wird kommen, wo der Deutsche mit einem Wanderstab so umhergehen wird wie der Jude. Kein Land der Welt wird aber dann den Deutschen aufnehmen wollen, bedenken Sie, was wir noch alles erleben können? Herr Wulle weiß sicher, daß gerade in Amerika der Deutsche immer sehr gerne aufgenommen worden ist, er weiß auch, daß gerade in Amerika, aber auch in den Kolonien sehr zahlreiche Juden wohnen, die zwar nie das Schlechte mit Schlechtem vergelten werden. Aber wird Herr Wulle weiter diese unsinnigen Anträge im Landtag stellen (sie wurden ja ohnehin abgelehnt), so könnte doch mal eine solche Stimmung im Auslande platzgreifen, und es könnte dann auchin seinen Parlamenten, ähnlich wie Deutschland mit den Ostjuden, mit deutschen Staatsangehörigen verfahren. Siegfried Jacobi, Berlin. Ludendorffs jüdische Wahlhilfe. Zu dem in Nummer 13 auf Seite 7 veröffentlichten Flugzettel können wir feststellen, daß die organisierte Verteilung dieses Flugzettels durch den Führer des Ludendorff-Bundes, PüIschen, und das Hamburger Bürgerschaftsmitglied, s Josef Klant; veranlaßt worden ist. Daß Pülschen mit dem Hamburger1 Oberantisemiten, Rechtsanwalt Alfred Jacobsen, befreundet ist. und daß Jacobsen wiederum der Rechtsanwalt des Hammer- Fritsch1 ist, macht Ludendorffs jüdische Wahlhilfe besonders intcrcssänt. Die zehn Gebote. Dies ist der Name eines Films amerikanischer Herkunft der jetzt in einem großen Wiener Lichtspieltheater aufgeführt wird. Trotz der glänzenden Ausstattung und der hervorragenden Aufführungstechnik werden wohl die meisten Juden nur mit sehr gemischten Gefühlen) der Aufführung dieses Films beiwohnen, denn es entspricht sicherlich nicht den jüdischen Empfindungen, wenn die erhabensten Momente in der Geschichte unseres Volkes durch Wiedergabe auf der Leinwand entweiht werden und das, was die meisten von uns nur in ehrfürchtigstem Erschauern in ihrem Innersten erfassen können, in; profaner Weise dargestellt wird.