Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1925
- Issue
- Heft 16 (24.4.1925)
- Date
- 1925-04-24
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
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Nr. 16 DIE WAHRHEIT Seite 11 Von Woche zu Woche Frau Julie Bösel s. A. Unter den heutigen Verhältnissen, speziell in der Großstadt, verschwindet immer mehr jener berühmte Frauentypus, für «den die heilige Schrift die so ehrenvolle Bezeichnung „Esches Chajü", das wahrhaft fromme Weib, -geprägt hat. Eine solche Frau war die am 12. <t M. zu Grabe getragene Frau Julie Bösel, geborene N o s s & g, die sich ob ihrer vorzüglichen Herzenseigenschaften allgemeiner Sympathie ini den weitesten Kreisen erfreute. Still und bescheiden, wie sie gelebt, ist sie von uns gegangen. Im Kreise ihrer Familie hauchte sie am 7. d. M. nach langem schweren Leiden ihre treue Seele aus. Nur durch die Zeitungen erfuhr die große Zahl ihrer Verehrer, daß sie aus dem Leben geschieden; jeder, der sie gekannt, hatte das Gefühl, daß der Tod eine <ier Besten, eine Vertreterin der guten alten Zeit aus dem Kreise der Ihren geholt; eine Frau, die, anspruchslos für ihre eigene Person, stets hilfsbereit d'astamd, wo man ihres Rates und ihrer Tatkraft bedürfte. Das Leichenbegängnis fand unter außerordentlich starker Beteiligung aller Kreise der Bevölkerung statt. Schon um 10 Uhr hatte sich vor der Zeremonienhaille des Zentralfriedhofes eine nach vielen Tausenden zählende Menschenmenge versammelt, so daß die Polizei und die Hietzinger Feuerwehr einen Kordon schließen mußte, um die Zeremonienhalle für die Trauergäste zu reservieren. t Die mit Trauerschmuck ausgestattete ZeremonienhaJle selbst konnte nur einen Bruchteil der Erschienenen fassen. Unter den Trauergästen •befanden sich Unterrichtsminister Dr. Schneider, Präsident E1 d e r s c h, Minister a. D. Dr. Spitzm ü 11 e r, Bundeskanzler a. D. Polizeipräsident Schober, Vizepräsident a. D. Dr. P a m e r, Polizeipräsident a. D. W a h 1 d o r f, flofrat P o 11 a k, Regierungsrat Dr. Gans, Sektionschef Prämier und zahlreiche Konzeptsbeamte der Polizei, eine Vertretung der israelitischen Kultusgemeinide mit ihrem Präsidenten Prof. Dr. A. Pick an der Spitze, Vertretungen der Chewra Kadischa, des Brigittenaiuer Tempelvereines, der Beamtenschaft der Unionbank mit Vizepräsident Dr. Wolfgang D ävid und den Direktoren Weiner und' Schickler an der Spitze, der Beamtenschaft des Bankhauses S. Bösel unter der Führung dies Ministers a. Di O ppenheim und Sektionsrat H o r n u n g, eine Vertretung der Veitscher Magnesitwerke mit Generaldirektor P o w 1 e n z, der Beamtenschaft un!d des Personals des Teppichhauses S. Schein unter der Führung des Kommerzialrates Dir. A. WasservogeL Ferner sah man zahlreiche Beamte der Ministerien und Vertreter der Bankwelt, Delegierte der Industrie und des Handels, Vertreter der Presse, zahlreiche Persönlichkeiten aus der Gesellschaft umd Abordnungen humanitärer Vereine, deren Förderin und Ehrenmitglied die Verstorbene gewesen-. An der Bahre trauerten der tiefgebeugte Gatte Herr Leopold Bösel, die Söhne Präsident Siegmund' Bösel und Robert und Alfred Bösel, die Töchter Olga M o 1 n a r und Else. Neumann mit ihren Gatten, Enkelkinder, Brüder und! weitere Verwandtschaft. AM die Trauergäste lauschten unter Tränen den trefflichen Worten des Rabbiners Dr. D. Feuchtwang, der bewegten Herzens die schönen Eigenschaften und1 Tugenden der braven, leider zu früh aus dem Leben gegangenen Frau schilderte, ihr offenes liebenswürdiges Wesen, ihre Selbstlosigkeit und Opferwilhgkeit als Gattin, Mutter und Schwester, ihre überaus großen Leistungen auf humanitärem Gebiete hervorhob. Die Oberkantoren Matyas und Margu 1 ies stimmten unter Chorassistenz in der Zeremonienhalle und vor der Familiengruft in ergreifender Weise die Trauergesänge an. Eine unübersehbare Menge Teilnehmender gab der Hingeschiedenen das letzte Geleite, wobei die Familienmitglieder und Vorsteher der verschiedensten humanitären Vereine die Bahre zur letzten Ruhestätte trugen. Ehre ihrem Andenken. Amtsantritt Herr Dr. Manfred Papo, Sohn des berühmten Chacham Papo s. A., wurde nach einem mit großem Beifall aufgenommenen Probevortrag am 8. Tage Pessach zum Rabbiner der Kultusgemeinde Salzburg bestellt Barmizwahfeier. Samstag, den 18. d. M. fand im Tempel Wien X., Humboldtplatz, die Barmizwahfeier des Studenten Edgar Freuder, des Sohnes des Herrn Bezirksrates Dr. Kolomant Freud er und seiner Gattin Anna, geb. Pollatschek, statt, welche sich angesichts der besonderen Wertschätzung, deren sich die Familien des Barmizwanten erfreuen, zu einem wahren Festgottesdienst gestaltete. Nachdem Herr Oberkantor Simon Weiß den Mischeberach vorgetragen hatte, hielt Herr Rabbiner Dr. Mandl an den Konfirmanden eine schöne inhaltsreiche Ansprache, in welcher er ihm als Pflicht für sein ferneres Leben auftrug, den jüdischen Geist, den er in seinem Elternhause kennengelernt, stets hochzuhalten. Einen Beweis für diesen frommen Sinn der Familie Freuder bot die Feier am Nachmittag, zu der sich auch eine Deputation der Schule unter Führung des Herrn Direktor Radnitzky eingefunden hatte, welche Ehrung dem Elternrat Dr. K. Freuder galt. So wurden auch, gewiß ein seltener Fall, Nichtjuden Zeugen davon, wie in einem jüdischen Hause Judentum und Religion geehrt und gepflegt wird. Trauung. Sonntag, den 19. d. M. fand im Tempel des zehnten Bezirkes die Trauung des geschätzten Mitarbeiters dieses Blattes Herrn Ing. ehem. Rudolf Seiden mit Fräulein Julie Nirswitzki, Tochter des bekannten Chordirigenten Herrn E. Nirswitzki, unter außergewöhnlichem Andrang des Publikums, vor allem aus Mödling, statt Vereine und Abordnungen von dort, auch von seiten der Kultusgemeinde, waren erschienen, um bei den von Rabbiner Dr. Mandel und Oberkantor S. Weiß herrlich vollzogenen Trauungsakt Zeuge zu sein. Eine große Manifestation war es für die Beliebtheit, deren sich das Brautpaar erfreut Eine elegant arrangierte Jause im Cafe Prückl vereinigte alle Freunde, von denen Ing. ehem. Dr. Schieber und Prof. Braslavsky Festreden dem Brautpaare zu Ehren hielten und die Oberkantoren M a r g u 1 i e s und Postolow Proben ihrer Gesangskunst zum besten gaben. O. P. Eine seltene Feier. Samstag, den 4 d. M., Schabos hagodaul, feierte, wie bereits berichtet, Herr Philipp Bassel, Kantor des israelitischen Tempelvereines Wieden-Margareten, mit seiner Gattin Julie, geb. Werner, das Fest seiner Goldenen Hochzeit und gleichzeitig sein 50jähriges Amtsjubiläum. Aus diesem Anlaß fand im Tempel Siebenbrunnengasse 1 a ein feierlicher Gottesdienst statt, zu dem sich die vier in geachteter Stellung befindlichen Söhne sowie viele Freunde des Jubelpaares eingefunden hatten, so daß das Gotteshaus die große Zahl der Erschienenen kaum fassen konnte. Es waren unter anderen erschienen: Herr Rat B. B u c h w a 1 d als Delegierter der Kultusgemeinde, Herr Felix Pollak-Parnegg, der Bezirksvorsteher des fünften Bezirkes Rister, die Herren Bezirksräte Hirschfeld und Winternitz, die Sekretäre der Kultusgemeinde Guido F u c h s g e 1 b. Dr. Leopold Stern, Alfred Meißner, die Herren Amtsleiter Julius Kraus, Rudolf Kraus. Tempelverwalter Max Schwager, als Delegierte des zehnten Bezir-