Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1925
- Issue
- Heft 16 (24.4.1925)
- Date
- 1925-04-24
- Page
- – (sequence 12)
- Language
- German
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DIE WAHRHEIT Nr. 16 wölken ausbilden; wir hoffen aber, daß sie sich zerstreuen werden. Zur deutschen Reichspräsidentenwahl. Am 25. Juni 1922, also 24 Stunden nach der Ermordung Walter Rathenaus, erklärte der damalige Reichstagsabgeordnete und jetzige Präsidentschaftskandidat des deutschen Volksblocks Wilhelm Marx im deutschen Reichstage in seiner Rede gegen die politischen Mörder Rathenaus und ihre chauvinistischen Hintermänner: „Nicht das patriotische Wortgeplänkel, die Häufung nationalistischer Phrasen -ist nationale Gesinnung. National sind wir, die wir mit den Demokraten und Sozialdemokraten im Dienste des Vaterlandes positiv arbeiten." Dieser republikanischen Gesinnung ist Wilhelm Marx stets treugeblieben; Marx hat als wahrhaft nationaler Mann die deutschnational-antisemitischen Feinde des deutschen Volkes seit vielen Jahren mit Erfolg bekämpft. Es ist für die deutschen Republikaner ein Glück, einen Volksblock-Kandidaten wie Wilhelm Marx gefunden zu haben, obgleich wir sehr wohl wissen, daß es nicht ganz so einfach ist, Parteien mit verschiedenen kulturpolitischen Interessen, wenn auch nur vorübergehend, unter einen Hut zu bringen. Für Marx stimmen am 26. d. M. in geschlossener Front die Demokraten, die Zentrumspartei die Sozialdemokraten und die Republikanische Partei. Außerdem diejenigen Teile der Deutschen Volkspartei, der Bayrischen Volkspartei und des Bayerischen Bauernbundes, welche sich die Judenhetze des Hindenburg- Wirrwarrs nicht gefallen lassen wollen. Denn hinter Paul ffindenburg, dem Kandidaten des Rechtsblocks, stehen die Vertreter des überhitzten Chauvinismus: Die Zertreter der Volks- und Menschenrechte, die Verkünder der blutigsten Reaktion mit Erich Ludendorff, dem kleinen General der großen Niederlagen, und Oswald Spengler, dem deutschnationalen Oberlehrer des Abendlandes, an der Spitze. Was sich in Deutschland ereignen würde, wenn Paul Hindenburg als der Schrittmacher der großpreußischen Monarchisten siegte, das hat uns bereits der Antisemitenpastor Dr. Max Maurenbrecher am 18. März in Königsberg, also schon vor dem Jarres-Ende, mit folgenden Worten zu Gemüte geführt: „Heute wollen wir unsere spezifisch völkische Einstellung zur Jarres-Kandidatur erklären. Wir sind nicht für Jarres, weil er uns alles, sondern weil er uns etwas ist. Er ist die Tür zu einem völkischen Deutschland." Diese Sprache läßt an Deutlichkeit nichts zu wünschen übrig; und da Herr Paul Hindenburg noch viel mehr der Gefangene der Antisemiten und Monarchisten ist, als Herr Jarres es sein konnte, so wird alles getan werden müssen, daß der 26. April zur politischen Marne-Schlacht des Paul Hindenburg und seiner antisemitischen Restaurarionsputschisten wird. Denn das deutsche Volk weiß jetzt, um mit dem Reichsrepublikaner und Hanseaten Carl Petersen zu reden, daß „die Aufpeitschung der Leidenschaften und die innere Zerklüftung, wie gesellschaftliche, politische und antisemitische Vorurteile geradezu zur Vernichtung des Volkes, des Staates, der Nation führen". Und gerade deshalb rufen wir dem Siegeskandidaten des deutschen Volksblocks, Wilhelm Marx, die Worte des unvergeßlichen Menschen und großen Staatsmannes Rathenau zu: „Lassen Sie den demokratischen und republikanischen Gedanken in Deutschland voranleuchten!" Walter Funder. Ungarische Justiz. Vor zwei Jahren versuchten zwei Soldaten der ungarischen Nationalarmee sich den damals üblichen Spaß zu leisten, einige Juden zu verprügeln. Sie drangen in ein Kaffeehaus ein und hieben mit den Bajonetten auf die Gäste los. Plötzlich wankte der Infanteriesoldat Matthias Tremmel, aus einer Stichwunde blutend, auf die Straße und brach tot zusammen. Später fand man im Kaffeehaus ein blutbeflecktes Messer, das dem Geflügelhändler Josef Löbel, einem Juden, gehörte. Der Vorfall wurde von der antisemitischen Hetzpresse Ungarns wochenlang zu den wüstesten Beschimpfungen gegen die Juden ausgeschrotet. Löbel wurde verhaftet, und obgleich er von Anbeginn an in Abrede stellte, Tremmel erstochen zu haben, wurde er dem Budapester Gerichtshof, dessen Vorsitzender die Verhandlung mit beispiellosem Terror leitete, zu sieben Jahren Zuchthaus und zehn Jahren Ehrverlust verurteilt. Von der Untersuchungshaft, die über ein Jahr dauerte, wurden sechs Monate in die Strafe eingerechnet. Der Mann muß also sechseinhalb Jahre dafür sitzen, daß er sich als Jude nicht totschlagen ließ. Da schimpfe noch einer auf Oesterreichs Justiz. > Theater, Kunst u. Literatur Vortrag Dr. Chajes. Im Großen Kozerthaussaal hielt Montag abends der Präsident des Zionistischen Aktionskomitees Oberrabbiner Dr. Chajes einen Vortrag über seine Anteilnahme an den Universitätsfeierlichkeiten in Jerusalem. Die Versammlung war überfüllt. Schon gegen 7 Uhr abends hatte der Zustrom des Publikums begonnen. Als der Präsident des Zionistischen Landeskomitees für Oesterreich, Herr Dr. Jakob Ehrlich, den Abend für eröffnet erklärte, waren Parkett und Logen dicht besetzt. Dr. Jakob Ehrlich begrüßte zunächst Dr. Chajes und dankte ihm unter stürmischem Beifall für seine aufopfernde zionistische Arbeit. In zweistündiger überaus fesselnder Rede schilderte dann Oberrabbiner Dr. Chajes die Eindrücke seiner jüngsten Palästinareise. Er hat der feierlichen Eröffnung der Jerusalemer Universität beigewohnt, benützte aber seinen Aufenthalt auch zu einer eingehenden Besichtigung der vielen kleinen jüdischen Siedlungen, die im Lande verstreut sind und den Fortschritt in die Wüste tragen. Vor allem die Stadt Tel Awiw, die allein durch die Kraft der jüdischen Pioniere aufgebaut wurde. Professor Chajes sah auch die auf dem Gemeinschaftsprinzip beruhenden jüdischen Siedlungen in Palästina. Er schilderte die wirtschaftlichen und kulturellen Zustände des Landes, rühmte die heroische Pionierarbeit der Einwanderer, die bereits hervorragende Resultate gezeitigt hat. Die Zuhörer folgten in lautloser Spannung den Ausführungen Dr. Chajes, der seine Eindrücke bei der großen Feier in schmuckloser Rede darlegte. Erst nach Schluß seiner Ausführungen machte sich die Spannung in minutenlangem Beifall Luft. Großer Leopoldstädter Tempel. Auf dringenden Wunsch zahlreicher Besucher dieses Tempels, insbesondere aus dem Kreise des Bethausvorstandes, sind wir dank dem gütigen Entgegenkommen Sr. Ehrw. Herrn Rabbiner Dr. Max Grunwal d in der angenehmen Lage, den Wortlaut seiner am 8. Tag Pessach gehaltenen ausgezeichneten Festrede in der nächsten Nummer zu veröffentlichen. Jakob Löwenberg. Der gelbe Fleck. P h i 1 o - V e r 1 a g, Berlin. Das Buch enthält sieben Erzählungen und ein Drama. In der zweiten Erzählung grübelt „die schwarze Riwke" über die vom Wahnglauben und vom Judenhaß erzeugte Blutbeschuldigung; sie grübelt und grübelt, bis sich ihr der Sinn verwirrt . . . Den Geist jedes selbstbewußten Juden muß der Gedanke an die Zurücksetzung, die wir erfahren, an den Haß, der uns verfolgt, beschäftigen. Jakob Löwenberg wurde durch ihn zum Gestalten angeregt und so gab er uns seine Gedichte „Aus jüdischer Seele", seinen Roman „Aus zwei Quellen" und bietet uns nun dieses Büchlein. Durch einige der in ihm enthaltenen Dichtungen schleicht das Grauen, aber das Düstere ist dichterisch bewältigt. Löwenberg ist ein Bejaher. Wenn beispielsweise das Drama „Der gelbe Fleck" mit einem Klagelaut endet — nicht nur im wörtlichen Sinne — so haben wir doch das Empfinden, es kann besser werden, wenn die Menschen nur wollen, und sie können wollen. Einigen Erzählungen gibt der Hauch der Heimatliebe, der sie durchweht, und der Zauber der Jugenderinnerungen, der auf ihnen ruht, einen besonderen Reiz. Das ganze Büchlein vermag als literarische Gabe an sich erfreulich zu wirken. Aber es kann darüber hinaus noch Segen stiften. Es regt den jüdischen Leser in hohem Maße zum Nachdenken über Fragen, die seine Glaubensgemeinschaft betreffen, an, namentlich über die Frage der Vereinigung von Deutschtum und Judentum. Den Andersgläubigen aber bringt es jüdische Menschen näher und läßt ihn das uralte Judenleid nachempfinden. So kann manches Vorurteil schwinden. Wo man die Juden am wenigsten kennt, da ist bekanntlich der Judenhaß am stärksten. Es wäre besonders erfreulich, wenn das Werkchen in den Kreisen der christlichen Lehrer bekannt würde, denn* durch die Lehrer können wir auf die Jugend und das Volk wirken. Es kann nicht schwer halten, dem Buche den Weg in diese Kreise zu bahnen. Löwenberg .ist der deutschen Schule kein Fremder. Manche seiner poetischen Erzeugnisse sind in die Lesebücher übergegangen, so die Gedichte „Auf der Straßenbahn", „Auf dem Felde der Ehre". " L. Meyer-Lünen. Die deutschen Juden in Zahl und Bild, mit vielen Karten und Tabellen, zusammengestellt von Dr. Julius Rotholz. Berlin 1925, Philo-Verlag. — Eine wertvolle wissenschaftliche Schrift im Abwehrkampfe der deutschen Juden, welche schlagend die Unsinnigkeit so mancher gegen die Juden erhobenen Beschuldigungen beweist und auch sonst wertvollstes Material liefert.