Mannheim
Compact Memory

Die Wahrheit · 1925-04-24 · Heft 16 (24.4.1925) · page 11

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Wahrheit
Volume
1925
Issue
Heft 16 (24.4.1925)
Date
1925-04-24
Page
– (sequence 11)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/3062972-3064022-3064037--13616-3081130
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Nr. 16 DIE WAHRHEIT Seite 9 Ständern hochzuhalten. Und zu dieser Einsicht müssen unsere Juden gelangen, wenn sie nicht schwere Folgen zu tragen gewillt sind. Unaufgefordert hätten, sie ihre minimalen Beiträge für die „Union" zu leisten und dabei zu gedenken, daß sie Bausteine herbeitogen, damit das Gebäude des Rechtschutzes für alle deutschösterreichischen Juden fest und dauerhaft bleibe. Solange dies nicht in vollem Umfange geschieht und die Jutden sich nicht vollauf bemühen, die „Union" nach jeder Richtung zu kräftigen, kann die Lage unserer Juden zumindest keitiie rosige werden. Damit wäre die zweite Richtung unseres Gedankenganges dargetan." Für die richtige Abschrift des Schreibens Philipp Leon. Der harmlose Aufruf. Unsere Ausführungen über die Notwendigkeit eines wirklich zweckentsprechenden Preßgesetzes anläßlich des in dem notorischen Hetzbiättchen „Deutsche Arbeiterpresse" erschienenen Aufrufes an die „Volksgenossen", auf die Kinder aufzupassen, da die jüdischen Ostern kommen, hat dieses „geistvolle" Blättchen zu einem liebenswürdigen Angriff auf unseren Artikel veranlaßt. Wir würden es unter unserer Würde finden, uns mit einem solchen Organ in eine Polemik einzulassen, doch unseren Freunden und Lesern gegenüber sehen wir uns verpflichtet, wider unseren Witten den gewissenlosen Hakenkreuzlern einige Worte zuzuflüstern. Nun, alles hören diese Marktschreier der Volksverhetzung und der professionellen Verleumdung lieber als die Wahrheit. Ganz natürlich. Die Sumpfmeute, die gewöhnt ist, mit maßlosen Lügen und blöden Erfindungen zu arbeiten, kann sich bei ehrlichen, wahrhaften Tatsachen nicht zurechtfinden. Tendenziöse Verdrehungen und verleumderische Ausfälle, das ist der Boden, auf dem sie zu Hause sind. Und das hat sich wieder einmal in aller antisemitischer Nacktheit gezeigt. Den Aufruf an die Genossen, auf die Kinder achtzuhaben, weil die jüdischen Ostern1 nahen, wollen sie als1 ganz harmlos hinstellen. Gott, wie naiv. Es sei, so argumentieren diese Nachtwächter der Aufreizung doch nur eine einfache Warnung! Sind diese Leute wirklich so einfältig, daß sie glauben könnten, es könne jemand auf diese mehr als lächerliche Erklärung hereinfallen? Wir überlassen die Antwort jedem logisch denkenden Menschen. Wenn man einen solchen weittragenden Aufruf, dessen Ziel doch jedermann von der Ferne schon zu erkennen vermag, als harmlos hinstellen will, dann muß man entweder seine Leser für die größten Dummköpfe halten oder man . . . na, das übrige versteht sich von selbst. Und wenn wir ein Preßgesetz verlangen, das jenen Auswüchsen steuern soll, wie sie im Sinne des gegenwärtigen Gesetzes so ungestraft gedeihen, so ist das eine Forderung, die angesichts der exzessiven Erscheinung, wie sie diese Zeilen veranlaßt haben, unter allen Umständen aufrecht erhalten bleiben muß. Das wollen Leute, die nur in ekelerregendem Schmutze ungeahndeter Gesetzeswidrigkeiten! zu waten »gewöhnt sind, freilich nicht verstehen. Wir könnten diese Auseinandersetzungen noch weiter fortführen, aber es lohnt nicht der Mühe. Für die Rechtlichdenkenden ist genug gesagt. Ph. L. Wahrheiten vom Tage Aus der steirischen Landtagsstube. Aus Graz wird uns geschrieben: „Der steielrjmärkische Landtag hatte sich am 7. April mit der Schulfrage zu beschäftigen, und zwar stand das Schulaufsichtsgesetz auf der Tagesordnung. Es kam zu einer interessanten Abstimmung bei den Verhandlungen über die Zusammensetzung des künftigen Landesschulrates. Der nationale Abgeordnete Prof. Dr. Oberegger hatte nämlich den Antrag gestellt, „den israelitischen Geistlichen auszuschließen". Die Sozialdemokraten entdeckten plötzlich Gesinnungsgemeinschaft mit den Kornblumenvertretem und stimmten in brüderlicher Eintracht für den Antrag auf Eliminierung des Vertreters der jüdischen Gemeinde. Die Christlichsozialen allein stimmten gegen den Antrag auf Ausschluß des Rabbiners und blieben in der Minderheit. Zu bemerken ist allerdings, daß sich einige Bänke der radikalen ChristHchsozialen geleert hatten, da sich diese Herren der Abstimmung enthielten und vorher ins Büffet begeben hatten. Nebenbei sei angeführt, daß es bei den Bauernbündlern und stellenweise rechts und links von ihnen manche Ironie gab. Facit: Der Vertreter der israelitischen Gemeinde, Ihr gesch. Mitarbeiter Landesrabb. Dr. D. H e r z o g, wird nicht mehr im Landesschulrat sitzen, während die anderen Vertreter des Klerus (katholische und: evangelische Geistliche) Sitz und Stimme behalten. Ja, in der grünen Steiermark kann man viel erleben. Hier kommt der sieirische Landtag mit einem solchen Gesetz, das der jüdischen Kultusgemeinde in Graz und den Juden in Steiermark überhaupt ihre Vertretung im steiermärkischen Landesschulrat für die künftige Funktionsperiode dieser Körperschaft nimmt. Was unser Rabbiner als Anwalt der religiösen Interessen geleistet hat in einer Zeit, da man den Religionsunterricht aus den Schulen verdrängen wollte, in einer Zeit des sittlichen Niederganges, wissen wir Juden der Steiermark zu schätzen." Der gesch. Einsender möge sich trösten. Nicht nur in der grünen Steiermark, auch im roten Wien konnte man gleich Schändliches erleben. Um die religiöse Freiheit in Italien. Der Oberrabbiner von Rom, Prof. Sacerdoti. äußerte in einem Interview seine schwere Sorge über die gegenwärtige Lage der Judenheit in Italien. Er sagte: Das jüdische Hauptproblem in diesem Lande ist das der jüdischen Erziehung unserer Kinder. Das vom früheren Unterrichtsminister in der Mussolini-Regierung, Prof. Gentile, ausgearbeitete, ietzt noch geltende Schulgesetz in Italien bildet eine Gefahr für den jüdischen Nachwuchs. In den Elementarschulen werden die jüdischen Kinder gezwungen, dem katholischen Religionsunterrichte beizuwohnen. Es wird dadurch den jüdischen Eltern unmöglich gemacht, ihre Kinder in die staatlichen Schulen zu schicken. Ich habe über diese Frage mit Prof. Gentile, sowie mit dem gegenwärtigen Unterrichtsmun'ster Prof. Cozati. einmal auch mit Mussolini selbst gesprochen und ihnen im Namen des Komitees der Vereinigten iüdischen Gemeinden in Italien ein ausführliches Memorandum vorgelegt. In diesem wird die Regierung ersucht, in der Frage des Religionsunterrichtes auf die religiösen Gefühle der italienischen Judenheit Rücksicht zu nehmen. Minister Cozati gab?.u, daß unsere Forderungen gerecht sind, und versprach, dieser Angelegenheit seine Aufmerksamkeit zuzuwenden. Innerhalb der Regierung werden gegenwärtig darüber Beratungen gepflogen. Wir hoffen, daß die Sache zu unserem Gunsten entschieden werden wird. Es handelt sich um die Frage der religiösen Freiheit in Italien überhaupt, für uns aber ist es eine fundamentale Lebensfrage. Die heftige Kampagne Mussolinis und der Faszisten-P'-rtei gegen das Freimaurertum. sagte Herr Oberrabbiner Sacerdoti weiter, führt zu einer Bewegung geeen die Juden, die in einer gewissen Presse nls die Verbündeten der Freimaurer hingestellt werden. Das Pamphlet ..Protokolle der Weisen von Zion" wird in Hiesem Zusammenhange als Ouelle zitiert. Diese Presse behauptet auch, daß das in den Händen der Juden sich befindende internationale Kapital zum Schaden der italienischen Interessen angewendet wird. In Mailand und. Rom erscheint ein Monatsjournal, welches ganz der antisemitischen Propaganda gewidmet ist. Das italienische Volk aber zeigt sich nach wie vor d'em Antisemitismus abgeneigt. Herr Rabbiner Sacerdoti schloß: Seit einiger Zeit besteht in San Remo eine Propaganda gegen die Schechita. Wir italienische Juden haben das'Gefühl, daß leichte Wolken an unserem bisher klaren Himmel vorüberziehen. Sie können sich zu Gewitter-

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.