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Die Wahrheit · 1925-04-24 · Heft 16 (24.4.1925) · page 10

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1925
Issue
Heft 16 (24.4.1925)
Date
1925-04-24
Page
– (sequence 10)
Language
German
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VeröffentlichüngeiTl ä*4 w t der ■ Postsparkassen - Konto „Union deutschösterreichischer Juden" I mJZTn+n Nachösterliche Betrachtungen. Ein Schreiben an die „Union". „Die Tage des ungesäuerten Brotes sind vorübergezogen, das Festjahr, das für die Juden mit dem 1. Nissan beginnt, ist in sein Recht getreten. Ruhig und ohne Störung für die Judenschaft ist das Osterfest verlaufen. Und derjenige, der sich etwas intensiver mit den Zuständen der deutschösterreichischen Judenschaft befaßt, wird in den ungetrübten Tagen des Passahfestes einen gewissen Trost für die Zukunft finden. Wir hoffen zuversichtlich desgleichen, wiewohl wir sehen, wie unsere Feinde unablässig an der Arbeit sind', uns Juden den Lebensweg zu versauern. Hat ja doch unmittelbar vor dem Festbeginiu wie wir gesehen, ein obskures Hetzblättchen wieder so eine kleine Aufreizung versucht, indem es in übergroßen Lettern seinen Lesern einen Aufruf präsentierte, sie mögen auf ihre Kinder achtgeben, da die Juden ihre Ostern feiern. Doch selbst bei den eingefleischtesten Judengegnern hat der dumme Streich keinerlei Folgen gezeitigt. Das weitere wird der Staatsanwalt veranlassen. Trotzdem bietet dieser Vorfall in Verbindung mit der Stimmung und der unentwegten Tätigkeit der. Antisemiten, vielerlei Anlaß zum Nachdenken. Nach zwei Richtungen ergehen sich die auf den Gegenstand bezüglichen Gedanken. Der erstere ist in dem immer weitere Kreise ziehenden Judenhass zu suchen. Kräftig unterstützt vom Auslande, dringt er in alle Zweige des öffentlichen Lebens, trachtet dien Juden, wo es irgend möglich, das Verkehrsterrain abzugewinnen und ihnen auf allen erdenklichen Wegen Schaden zuzufügen. Die unterschiedlichen Vereine und Gruppen, die sich die rücksichtsloseste Bekämpfung des Judentums zur Aufgabe gemacht haben, scheuen natürlich vor keinem Mittel zurück, uns eines am Zeug zu flicken. Tagtäglich begegnen wir solchen abscheulichen Experimenten dieser wilden Meute. Sie lügt und erfindet, nimmt das kleinste Vorkommnis, sofern ein Jude dabei nur im entferntesten beteiligt war, zum Anlasse einer dimensional nicht mehr festzustellenden Vergrößerung, schiebt iwie gewöhnlich die ganze Angelegenheit den Juden in dib Schuhe, begeht aber dabei selbst Gesetzwidrigkeiten, deren Kunde leider nur zu wenig in die Oeffentlichkeit dringt. Unter der Devise, die Juden gewalttsam in den Hintergrund zu drängen, sie von jedem Einfluß auf das allgemeine Leben auszuschließen, suchen die Hakenkreuzler und ihre „strammen" Führer jederzeit im Trüben zu fischen. Antisemitismus ist eben ein Geschäft, das nicht selten Wucherzinsen trägt. Das ist offenkundig, zu dieser Erkenntnis gelangen selbst solche stammfesten Arier, die bisher in die uns gegnerische Posaune stießen. So sieht es rings um uns herum aus . . . Und das wäre die eine Seite unserer Betrachtung, auf die wir bei Gelegenheit zurückkommen werden. Wie verhalten sich nun unsere Juden angesichts' dieser Zustände? ' Die meisten kümmern sich gar nicht um diese Verhältnisse. Sie sehen und hören, wie es da zugeht, glauben aber, keinen Anlaß zu finden, in irgendeiner Weise auf die Lage zu reagieren. Nur ruhig bleiben, ist ihre Auffassung, Gott wird schon helfen. Sehr schön, dieser Glaube an die Gotteshilfe. Es ist nur merkwürdig, daß steh diese Leute an die Gottheit erinnern, wenn sie fühlen, wenn auch nicht eingestehen, daß ihnen das Wasser schon bisi zum Mund reicht. Das soll aber keinen Vorwurf darstellen, mit diesem Bemerken wollen wir unsere Glaubensgenossen keineswegs zur Frömmelei auffordern. Schon darum nicht, weil, wie ein geistreicher Rabbi einist bemerkte, jeder Jude seinen eigenen Schulchan aruch besitzt. Der Jude deutet sein Erdenwallen nach persönlichem Gutdünken und hält in der Religion nur das für erlaubt, was gerade in seinen Kram paßt. Allein einen anderen Vorwurf können wir unseren Juden nicht ersparen, daß sie nämlich — wie schon an dieser Stelle einmal ausgeführt wurde — viel zu wenig Gemeinsinn an dien Tag legen. Sie widmen den Vorgängen, die sie und ihre Glauibensgenossen nur allzu stark berühren, fast gar keime Aufmerksamkeit. Wenn hingegen in irgend einem antisemitischen Blatte ein Ausfall auf die Juden zu lesen ist, dann wandert das Blatt von Hand zu Hand, einer zeigt es dem andern unld) jeder extra ist der festem Ueberzeugung, die Sache gehe seinen Nachbarn an und nicht1 ihn. Tritt aber ein unwillkommenes Ereignis an ihn selbst heran;, dann will er die ganze Judenschaft als Hilfstruppen1 engagieren, wieder in der festen Meinung, seine Sache gehe jeden Juden! an. Dann läuft er zu groß und Klein, jammert um Hilfe, und nimmt zuletzt selbstredend seine Zuflucht zur „Union deutschösterreichisicher Juden". Da wären wir also mit unseren Betrachtungen an einem Punkt angelangt, der unseren deutschösterreichißchen Juden sofort in die Augen fallen muß. Ein wunder Punkt! Welche Unterstützung genießt denn die „Union", dieser Verein, dessen hohe Aufgäben darin bestehen, den staatsbürgerlichen Schutz unserer Glaubensgenossen zu vertreten und1 welcher dieser Pflicht in aufopferungsvoller Weise ununterbrochen nachkommt? Die Unterstützung befindet sich leider auf dürftigem Boden. Man schreibt sich beim Vereine ein, ein Teil der Mitglieder kommt pünktlich sieinen Verpflichtungen nach, der andere und größere will aber von Zahlung nichts hören, trotz vielfachen Ansuchens, das mit großen Kosten verbunden ist. Ein solches Gebaren steht einmal zu den Interessen unserer Judenschaft in diametralem Gegensatz. Will man eine Beruflingsvertretung haben, und man muß sie haben, dann heißt es auch Leistungen vollbringen für dieselbe, Leistungen, die gewiß kein •Opfer bedeuten. Dieser Moment ist unter allen Um-

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