Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1925
- Issue
- Heft 16 (24.4.1925)
- Date
- 1925-04-24
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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Nr. 16 DIE WAHRHEIT Seite 5 der sich in nichts von einem anderen modernen Staate unterscheiden wird. Durch das Fiasko des Zionismus erwächst nun idem auf ethischer und religiöser Basis zu sammengeschlossenen Teil des Judentums die wichtige und bedeutungsvolle Aufgabe, seine Grundlage einer tiefgehenden Revision und gründlichen Reform zu unterziehen. Ist doch das Entstehen und Wachsen der zionistischen Bewegung zum großen Teil dem Umstand zuzuschreiben, daß in weiten Kreisen der Intelligenz des Jmident u m s, die von der humanistischen Bildung beeinflußt sind, d e r A b f a 11 von der religiösen Grundlage sich in immer steigendem Maße vollzogen hat. Es hieße Eulen nach Athen tragen, wollte ich die Ursachen ausführlicher begründen. Die Zionisten haben nun, um den Zusammenhang mit der alten Gemeinschaft theoretisch aufrecht erhalten zu können, den nationalen Gedanken der Staatsrechtslehre des 19. J a h r h u n d e r t s aufgenommen. Sie haben, besonders unter der Intelligenz und den Handarbeitern in Osteuropa, die durch ihre materialistische Geschichtsauffassung von der religiösen Basis losgelöst worden waren, die meisten Anhänger gefunden, umso leichter, da dieser Teil des Judentums unter den andauernden Verfolgungen besonders zu leiden hatte. Sehr viele Juden, die diese Theorie für das Judentum als nicht zutreffend erkannten, haben tiefe, innere seelische Konflikte durchkämpfen müssen, bis sie entweder durch ein Kompromiß mit ihrem Gewissen, wenn auch nur oberflächliche Anhänger des alten Kultus blieben oder aber auch durch einen Austritt aus dem Judentum sich zwar innerlich vom alten System befreiten, sich aber dem Vorwurf der Feigheit und Fahnenflucht aussetzten, dem Judentum nicht mehr angehören zu wollen, um vor antisemitischen Angriffen und Beleidigungen geschützt zu sein oder eine bessere Karriere zu machen und andere materielle Vorteile zu erreichen. Die Wahrscheinlichkeit dieser immer häufiger werdenden Konflikte wächst in umso größerem Maße, je mehr die Erkenntnis des Zu¬ Zusammenbruches der nationalen Theorie, diefür das Judentum nur eine Fiktion bedeutet, sich verbreiten wird. Der Jude Lassalle. Eine Studie über jüdischen Kapitalismus. Von Dr. Max G r u n w a 1 d. (Fortsetzung.) Später waren allerdings die Juden Jahrhunderte hindurch — durch die Zünfte aus dem Handwerk ausgewiesen — die Träger des Handels in allen Ländern und als solche haben sie dem Fortschritte wesentliche Dienste geleistet. Das Handelsgewerbe erlernten die abendländischen Völker in der Schule der Juden, denen, sowie die Lehrzeit vollendet war, der Warenhandel gewaltsam entrissen wurde. So' ist es ihnen auch auf anderen Gebieten ergangen. Den Tabakbau haben in Preußen Juden eingeführt, die eigens von der Regierung dazu ins Land gerufen worden waren. In anderen Ländern haben sie die Glaserzeugung eingerichtet. Nachher hat man sie aus beiden Berufen verbannt, und welchen Anteil die Juden an dem Aufschwung und der Ausbildung der modernen Industrien, speziell in Oesterreich genommen haben, das auf Grund eines noch zu sammelnden statistischen Materials festzustellen, dürfte eine lohnende Aufgabe für den jüdischen Historiker sein. Das bereits vor Jahren von der Wiener .»Union" zusammengestellte Rohmaterial läßt schon überraschende Resultate ahnen. Es wird auch zu untersuchen sein, ob Bank- und Geldgeschäft das ist, was man ökonomisch unter Kapitalismus zu verstehen hat. Der Acker, die Industrie, der Bergbau schaffen durch ihre Produktion neue Werte, neues wirkliches Kapital. Die Konzentrierung dieser neu geschaffenen Werte zu weiterer Produktion und die Gestaltung der Erträgnisse zu immer neuen Produktionsquellen ist sicherlich Kapitalismus und schafft unbegrenzten Reichtum. Der Handel hingegen ist ein mehr flüchtiges, wirtschaftliches Element.; Handel und Kapitalismus sind Begriffe, die auseinandergehalten werden müssen. Die Wiener Juden haben, wie Siegmund Mayer in einer Reihe wertvoller Studien erwiesen hat, den Wiener Handel geschaffen. Sie sind aber in ökonomischem Sinne nicht reich geworden, während die christlichen Industriellen kolossale Besitze schufen. Der Kapitalismus ist eine Durchgangsform der wirtschaftlichen Entwicklung, die mit Naturnotwendigkeit sich einstellen mußte und auch nicht ausgeblieben wäre, wenn etwa das jüdische Volk Palästina nie verlassen hätte, in Deutschland eingeleitet durch die Epoche der Fugger, in Italien durch die Lombarden, in Frankreich und England entstanden zu einer Zeit, als die Juden aus diesen Ländern verbannt waren. Eine stärkere Entwicklung der auf Erwerb von Besitz und Vermögen, von Wohlstand und Kapital gerichteten Energien, die Sombart bei jüdischen Individuen und Familien wahrgenommen haben will, findet ihre zureichende Erklärung vor allem in der harten Zucht, in der unbarmherzigen und gewalttätigen Dressur, der die Juden innerhalb des christlichen Milieus seit nahezu zwei Jahrtausenden unterworfen wurden. Ich erinnere nur an die Tatsache, daß dem Judea jede Erwerbsmöglichkeit außer dem Handel und Wucher durch grausame Gesetze und durch das gehässige Verhalten der christlichen Gesellschaft und der Zünfte abgeschnitten war. Gegen Haß und Feindseligkeit und hartherzige Verfolgungen konnte der Jude in der christlichen Gesellschaft sich einzig und allein nur durch Geld schützen, und zwar durch recht viel Geld, je mehr desto besser. Der Schutz seines Lebens, seiner Familie, die Anerkennung und Achtung seiner Menschenwürde, alles dies hing von dem Ausmaß und dem Umf_ange seines Besitzes, seines Vermögens ab. Jüdische Genialität galt nichts, und jüdische Großherzigkeit fand keine Anerkennung, nicht das, was er war, was er leistete, nicht sein Charakter, seine Veranlagung entschied für den Wert des Juden, sondern das, was er besaß, oder richtiger, was er gab. Nicht die geringste Anstellung war dem Juden zu erreichen möglich, wenn er Jude bleiben wollte. Selbst der Posten eines Nachtwächters war von der Beibringung des Taufscheines, von dem Nachweise des christlichen Bekenntnisses abhängig. Als Jude war er unwert und unwürdig, ein Amt im christlichen Staate zu bekleiden und auszuüben. Und mochte in neuerer Zeit noch so oft und noch so nachdrücklich die staatsbürgerliche Gleichberechtigung dem Juden garantiert werden, er mußte mit dem trefflichen Weigert sagen: Die Botschaft hör' ich wohl, allein mir fehlt der „Glaube". War es aber dem einen oder anderen einzelnen Juden geglückt, ein großes Vermögen zu erwerben, mochte er dieses Vermögen auch zusammengestohlen haben, dann empfing er ad personam täglich Beweise der Freundschaft und der Auszeichnung der christlich-arischen Gesellschaft. Die geistlichen und weltlichen Spitzen verkehrten freundschaftlich in seinem Hause. Ihm verzieh man das Judentum; er wurde als ebenbürtig anerkannt, ja er wurde zum Ritter und Baron erhoben. „Non olet" ist ein Schlagwort arischen Ursprunges, „Geld ist geruchlos!" In dieser Judenpolitik, die sämtliche christlichen Staaten Jahrhunderte hindurch mit eiserner Konsequenz befolgten, in dieser Volkserziehungsmethode hat man die Erklärung für alle Erscheinungsformen des sogenannten „Judenkapitalismus". Er hat seine Wurzel nicht in der jüdischen Rasse, noch weniger in der jüdischen Religion, sondern ausschließlich und allein in den arischen Grundsätzen der christlichen Staaten, in der sonderbaren Weisheit arischer Staatsmänner. Die gleichen Symptome treten in ungleich verstärkten Graden und krasseren Formen in der nichtjüdischen Gesellschaft zutage, nur dort, ohne die leiseste Kritik zu erfahren. Die ganze Erörterung auf eine kurze Formel gebracht, dürfen wir sagen: „Man zwang den Juden, exzeptionellen Lebens- und Existenzbedingungen sieh anzupassen, die exzeptionelle Energien