Mannheim
Compact Memory

Die Wahrheit · 1925-04-24 · Heft 16 (24.4.1925) · page 4

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Wahrheit
Volume
1925
Issue
Heft 16 (24.4.1925)
Date
1925-04-24
Page
– (sequence 4)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/3062972-3064022-3064037--13609-3081123
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Seite 2 Nr. 16 Traeger, Johannes Trojan, Anton v. Werner und viele, viele andere, die genannt zu werden verdienten. Hermann Lingg liefert gewissermaßen als Motto zu dem ganzen Buche den folgenden Vierzeiler: Trost zu spenden, Schmerz zu lindern, Licht zu. wecken weit und breit — Freiheit allen Erdenkindern! Freiheit, Liebe, Menschlichkeit. Richard Freiherr v. Krafft-Ebing schreibt: Eine recht befremdliche und bedauerliche Erscheinung im Kulturleben gesitteter Nationen Europas stellt der die Gemüter verrohende Klassen- und Rassenhaß dar. Für den Kennner der Kulturgeschichte ist diese geistige Epidemie kein Novutn. Vom psychiatrischen Standpunkt fragt es sich nur, ob diese Erscheinung die Bedeutung einer Kinder¬ oder Greisenkrankheit im Leben der von ihr heimgesuchten Völker hat. Ich glaube das Erstere annehmen zu müssen; denn die Entwicklungsfähigkeit des menschlichen Geistes ist noch lange nicht an ihren Grenzen angelangt, (unsere jetzige Kulturstufe vielmehr eine relativ noch niedere. Sind doch große Mehrheiten der heutigen sich für gesittet haltenden Menschen noch weit entfernt von jenem Evangelium der allgemeinen Menschenliebe, das der erhabene Stifter der christlichen Religion vor bald 1900 Jahren ihnen verkündet hat von jener Höhe der sittlichen Entwicklung, die sich als internationaler moralischer Sinn bezeichnen läßt. Hermine v. Preuschen-Telmann faßt ihr Urteil über den Antisemitismus in nachstehenden lapidaren Satz zusammen: Der Antisemitismus ist der stärkste Beweis gegen die Schraubentheorie der emporsteigenden Zivilisation. Otto Julius Bierbaum äußert sich sehr scharf gegen den Antisemitisnuus und meint: Wen Gott liebt den züchtigt er . . . Demnach scheint es wirklich, daß die Juden noch heute das Volk Gottes sind; denn die Zuchtrute des Antisemitismus, so struppig und ruppig sie ist, wird am letzten Ende doch nur ihnen von Nutzen sein. Wer da sieht, von welchen Händen sie zumeist geschwungen wird, muß Sympathie für die empfinden, denen sie droht. Peter Rosegger schreibt kurz und bündig: Drei Richter verbieten es mir, fremde Völker als solche zu hassen: Die Menschlichkeit, die Geschichte und das Christentum. Julius Stettenheim gibt nachstehendes, „Im Konzert" betiteltes Gedicht zum besten: Du bist wie eine Blume. — Ein wundervoller Text, Das ist das Lied der Lieder, Das hat mich schier behext! Ich finde auf dem Programme Des Dichters Namen nicht. Es ist gewiß von Goethe, So deutsch, so tief, so schlicht. „Das Liedchen ist von Heine." Ein Jude machte das Lied? Jetzt find' ich's ganz abscheulich. Ich bin Antisemit. Wir wollen es bei diesen wenigen Beispielen bewenden lassen. Sie charakterisieren das Buch und seinen Inhalt zur Genüge. Mehr als hundert geistige Männer und Frauen kommen darin zu Literarische Streifzüge. Daß trotz aller düsteren Aspekte sich das geistige Niveau unserer Zeit wieder zu heben beginnt, dafür darf als erfreuliches Zeichen angesehen werden ein Anwachsen literarischer Erscheinungen auch auf den Gebieten, die uns Juden naheliegen. Das lehrt: die Federn werden, befreit von dem Drucke der Zeit, wieder flott, die Verleger schöpfen neuen Mut, das Publikum rafft sich von frischem zum Lesen auf. Um mit dem Anfang zu beginnen, weisen wir zunächst auf Neuerscheinungen in der sogenannten „alttestamentlichen" Wissenschaft hin und unter ihnen an erster Stelle auf W. Fabian, Das Schöpfungswerk (Verlag „M e n o r a h" Wien). Eine Katholikin liefert in diesem Heftchen eine Erklärung zu den ersten Kapiteln der Genesis mit einer Sachkenntnis und Vertiefung in den Inhalt, die, wenn auch u. E. nicht in allen Punkten zutreffend, doch zur Ueberprüfung der herkömmlichen Auffassung anregt Unter den Propheten stellt dem Verständnis besondere Schwierigkeiten Ezechiel entgegen. Ihm gewidmet ist: Ezechiel, übersetzt und erklärt von D. Joh. Hermann (1924 Deichert, Leipzig). Dieses Buch, ein Teil des von Sellin herausgegebenen Kommentars zum A. T., ist ein Meisterwerk besonnener Kritik. Unbegründete Kombinationen, wie (S. 193), werden abgelehnt. Beachtenswert ist (S. 81) der Vergleich mit dem Merseburger Zauberspruch. Zu den „feurigen Steinen" (S. 183) bietet jetzt das „Jahrb. für Jüd. Volkskunde 1923" (S. 192) eine einleuchtende Erklärung. Daselbst auch über den Edelstein, den Melkart, als „Kerub" bewacht (vgl. Argus), den Weltenbaum, den Livjathan und andere mythologische Reminiszenzen bei Ez. (S. 183. 205, 384 fg., 409, 459). Die Benützung auch jüdischer Autoren ist anzuerkennen. Die Beschäftigung mit Ezechiel führte den Verfasser zu Studien über die Septuaginta, die niedergelegt sind in Hermann u. BaumgärteL, Beiträge zur Entstehungsgeschichte der Septuaginta (Leipzig 1923, Kohlhammer), wonach dieses Werk eine offizielle Unternehmung der alexandrinischen Gemeinde, von einer vielgliederigen Kommission von Gelehrten angefertigt und von der Gemeinde als autoritativ anerkannt ist A. Bruno, Micha und der Herrscher aus der Vorzeit. (Leipzig 1925, A. Deichert, M. 5). Wie Ezechiel hat auch Micha einen neuen Erklärer gefunden. Micha erwartet eine neue Herrschaft in Bet-Ophra, in dem früher einmal über Israel ein „Richter" geherrscht hatte. Er würde tückisch gestürzt und ermordet Dieser Richter ist Jerubbaal, der aus Ophra war und dem sich in dem gleichfalls von Micha genannten Gat der Engel Gottes offenbarten. Er wurde von den Leuten von Bet-millo gestürzt, als dessen Erbin Jerusalem zu gelten hat. Das Hohelied und Koheleth kommentiert M. Thilo. (Das Hohelied 1921, Der Prediger Salomo 1923 M. 1.— (Marcus & Weber, Bonn). Die Zusammenstellung von hebr. eres „Bett" mit arab. arisch „Laube" erinnert an die Identität von „Chuppa" und „Sukka" (Jahrbuch f. jüd. Volkskunde 1923, S. 442). Zu K. IV. ist zu bemerken, daß die Ziegen um Jerusalem schwarz, die Schafe weiß sind, Kap. VII, 1 JMachanaim" haben schon alte jüdische Erklärer mit Gen. 32,2 in Verbindung gebracht. Die Bemerkung S. 41 über den Charakter der Eheschließung im alten Israel wird sich angesichts der Patriarchengeschichte nicht aufrecht erhalten lassen. In bibliophiler Ausgabe liegt vor: Schir haschirim. Der Berliner Verlag „Pardes" (Argonauten-Verlag) hat in dieser Probe seiner Ausgabe der „fünf Rollen" ein graphisches Meisterstück herausgebracht, an dem jeder Bücherfreund seine Freude haben wird. (Reinleinen S 8.—, mit Goldprägung S 10.—). Ein Kapitel der biblischen A r c h a e o 1 o g i e behandelt: J. de Groot, Die Altäre des Salomonischen

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.