Mannheim
Compact Memory

Die Wahrheit · 1925-04-24 · Heft 16 (24.4.1925) · page 3

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Wahrheit
Volume
1925
Issue
Heft 16 (24.4.1925)
Date
1925-04-24
Page
– (sequence 3)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/3062972-3064022-3064037--13608-3081122
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

3 entity mentions

DIE WAHRHEIT DcefömösterreidUscise Woctoeasdiriti tor minsdie Interesses im aean Beiblatt; Verüüenflitiiiiiigeii Her „Union aentsdiftsferreldtisdier Jödar Bcdaktlon und Administration: Wien HU Hdneairatte 19. - Fertmrf 42-2-IS XLI. Jahrgang Wien, 24. April 1925 Nummer 16 Adolf Bartels als Anti-Antisemit. * Von S. M e i s e 1 s. Man erlebt doch noch zuweilen seine Ueberraschungen! Kürzlich stöberte ich in meiner Bibliothek und förderte einige Werke und Schriften zutage, von deren Vorhandensein in meiner Bücherei ich keine blasse Ahnung mehr hatte. Darunter fand ich ein Werk in Folioformat, herrlich ausgestattet und auf Kunstdruckpapier gedruckt, das im Jahre 1893 in Berlin erschienen ist und den wie ein Aufruf klingenden Titel „Freiheit, Liebe, Menschlichkeit!" führt. Zur näheren Kennzeichnung des Werkes ist ferner auf dem Titelblatte zu lesen: „Manifest des Geistes von hervorragenden Zeitgenossen". Für Liebe, Freiheit und Menschlichkeit hat der Mensch immer etwas übrig und ein Manifest des Geistes legt man doch nicht so ohne weiteres beiseite, nachdem man es einmal in Händen hat. So begann ich denn das Buch zu lesen und ward gerührt und entzückt von den Worten reinen Menschentums und den geistbefreienden Qedanken, die darin zum Ausdruck kommen. Dieses schöne Buch ist nichts anderes als eine Kampfschrift gegen den Antisemitismus. Ueber den Geist, der in diesem Buche herrscht, und über den Zweck, dem es dienen soll, gibt das Geleitwort einen klaren Begriff. „Der Kampf ist -da", heißt es darin, „als dessen Siegespreis die Antisemiten den herrlichsten Edelstem aus dem unantastbaren Schmuck der Germania zm gewinnen hoffen, der Kampf um die wertvollste Errungenschaft des modernen Staatslebens,, der heiße Kampf um die dem deutschen Volke verfassungsmäßig gewährleistete Gleichberechtigung! In jedem Krieg entscheidet aber vor allem die geistige Bedeutung der Führer, denn das Vertrauen zw diesen weckt und) nährt kampfesfreudige Begeisterung und trägt im selben Maß zur Erhöhung der Siegeszuversicht bei, wie es lähmend wirken muß auf die gegnerischen Scharen, die wahrhaft Edelsten einer großen Nation in geschlossenen Reihen sich feindlich gegenüber zu sehen! Solche Führer unter einer Fahne zu vereinigen wider den Antisemitismus, das war der leitende Gedanke des vorliegenden Werkes. Der Geist der Humanität, der Geist der Wahrheit und des Rechtes rief die Getreuen auf, und ,yAMe, alle kamen"! Unter diesen allen, allen, die kamen, befindet. sich auch — Herr Adolf Bartels. In einem Werke, worin die freien, für Freiheit kämpfenden Geister sich ein Stelldichein geben, in einem Buche, worin klipp und klar und in Fettdruck der Antisemitismus als „Partei der Unsittlichkeit" bezeichnet wird, Herrn Adolf Bartels mit einem entsprechenden Beitrag vertreten zu finden, bedeutet mehr als eine Ueberraschung; es ist eine Entdeckung von eminenx psychologischem Interesse. Ich kann hierfür keine andere Erklärung finden, als daß Adolf Bartels einmal eine anti-antisemitische Periode hatte, in der er nicht nur ein neutraler Philosemit, sondern ein aktiver Kämpfer gewesen war. Es soll indes jegliches Mißverständnis aus dem Wege geräumt und daher ausdrücklich betont werden: Der Beitrag, den Herr Adolf Bartels zu dieser Sammlung geliefert hat, ist nicht gerade ein Kampfartikel gegen den Antisemitismus. Es ist vielmehr ein recht annehnv bares, recht stimmungsvolles Gedicht mit der Aufschrift „Spinoza", ein Gedicht, worin der Amsterdamer jüdische Philosoph mit Worten höchster Begeisterung verherrlicht wird. Zu diesem Poem, dessen Tendenz an sich schon eine ganz klare Sprache spricht, gibt der Ort, an dem es gedruckt w urde, den besten Kommentar. Wenn ein den Amsterdamer jüdischen Philosophen verherrlichendes Gedicht in einem Geistes-Manifest gegen den Antisemitismus erscheint, so kann der Verfasser doch nur damit andeuten wollen, daß ein Volk, das einen Spinoza hervorgebracht hat, nicht zu verachten sei und daß man es als eine Kulturpflicht ansehen müsse, mit den Volksgenossen des Verfassers der „Ethik" in gegenseitige Achtung, in Wohlwollen und in gutem Einvernehmen zu leben. Hätte das Gedicht nicht diesen Sinn, so wäre es doch sinnlos gewesen, es in einem Manifest gegen den Antisemitismus abzudrucken. Das Buch „Liebe, Freiheit. Menschlichkeit!" ist wirklich ein Manifest des Geistes von hervorragenden Zeitgenossen. Es bringt Beiträge von prominenten Persönlichkeiten, von Gelehrten, Dichtern, Schriftstellern und Politikern, deren Namen damals hochgeachtet waren und heute noch vielen wohlbekannt sind. Von den vielen, die in diesem Buche mit mehr oder minder scharfem Wort ihr Urteil über den Antisemitismus sprechen, wollen wir hier, um Wert und Bedeutung dieser Kampfschrift zu veranschaulichen, einige wenige Namen nennen und etwelche Aeußerungen in Vers und in Prosa wiedergeben. Mit Beiträgen vertreten sind: Gerhart v. Amyntor, Ludwig Barnay. Victor Blüthgen, M. C. Conrad, Felix Dahn, Georg Ebers, Ernst Eckstein, Moritz v. Egidy, Johannes Fastenrath, Martin Greif, Paul Jeyse, Wilhelmine v. Hillern. Hans Hopfen. Wilhelm Jensen, Max Kalbeck, Hieronymus Lorm, Hermine von Preuschen, Julius Rodenberg, Otto Roquette, Leopold v. Sacher-Masoch, Bertha Suttner, Gundaccar Freiherr v. Suttner. Albert

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.