Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1925
- Issue
- Heft 14-15 (8.4.1925)
- Date
- 1925-04-08
- Page
- – (sequence 20)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Seite 18 DIE WAHRHEIT Nr. 14/15 Richtung angehört. Durch einen Zufall kam Dr. Schwarz zuerst zum Worte. Schon die ersten zwei Fragen, welche der Vortragende stellte: 1. Welchen Sinn hat es überhaupt, heute noch eine neue nationale Gemeinschaft zu schaffen? 2. Welchen Vorteil bietet die Einordnung in eine bestimmte Nation? ließen erwarten, daß das Problem des Nationalismus von einem höheren Standpunkt, der jede leidenschaftliche Parteinahme ausschließt, behandelt werde. Juden und Griechen, führte der Redner aus, wurden zumeist von der religiösen Idee beherrscht; das war bei den Römern nicht der Fall. .Uder Glaube konnte sich im großen Imperium: ausleben. Erst als das Christentum Staatsreligion wurde, schuf man einen neuen Begriff in der Rasse. Es hatte sich herausgestellt, daß keine Nation von ewiger Dauer sei. Mit der Rasse begann! auch die Frage der Stellung von Minoritäten der herrschenden Mehrheit gegenüber eine brennende zu werden. Ganz eigenartig in der Geschichte ist die Stellung, welche Japan hier einnimmt. Durch Annahme der europäischen Kultur hat es politischen Selbstmord begangen. In China wird der Versuch gemacht, durch Erhaltung seiner geistigen Eigenart diesem Schicksal zu entgehen. Grandios erscheint der Kampf, welchen Indien um seine Befreiung führt. T a g o r e warnt seine Landsleute davor, das nationale Prinzip, wie es die Europäer tun, auf die Spitze zu treiben. Er will indischen Geist mit europäischem versöhnen und verurteilt jede Isolierung. Ghandi, der indische Jesus, ist sein heftigster Gegner; er muß jedoch den stärkeren Verhältnissen weichen. Die Beispiele dieser Hunderte von Millionen Menschen umfassenden Nationalitäten ältester Kultur berechtigen zum Zweifel der zukünftigen Tragfähigkeit des politischen Nationalismus, welcher, was zumeist vergessen wird, kaum hundert Jahre alt, eine künstliche Schöpfung Napoleon III. gewesen. Die auf allen Gebieten in der Wissenschaft, Industrie, im Verkehr, ja selbst in der Sprache (Esperanto) sich äußernde Tendenz, von der Zersplitterung zur Ganzheit zu streben, berechtigt den Zweifel an der Opportunität und an dem Sinn einer neu geschaffenen Nation, welche nach dieser Tendenz einen Anachronismus bedeuten müsse. Der Nationalismus war eine europäische Erfindung, um der auf ein Ziel gerichteten Aktivität Genüge zu leisten. jDef*": indische Geist Asiens betont Idas einheitliche Lebensgefühl von Mensch und Welt. Diesem scheint die Zukunft zu gehören. Solange das Judentum geistig auf die anderen Völker zu wirken vermochte, ohne in engen Grenzen faßbar zu sein, was es unbesiegbar: es bleibt fraglich, ob seine Nationalisierung diese Unbesiegbarkeit nicht gefährden mußte. Sehr charakteristisch und bedeutsam bleibt die Tatsache, daß in einem Zeitpunkt, wo es noch an Land- und Erdarbeitern und allen materiellen Vorbedingungen in Palästina mangelt, die Juden eine Universität daselbst fertigstellen, welche do:h wieder nur geistige Auswirkungen für die Menschheit tätigen kann. — (Wer des Referenten auch in dieser Zeitschrift entwickelte Anschauungen über Judentum und Nationalismus, sowie über die Lehren Rabindranath Tagores über Nationalismus kennt, wird es begreiflich finden, wenn er seine Kritik in die Worte kleidet, der Redner habe ihm aus der Seele gesprochen. Med.-Rat Dr. Heinrich Haase. Mose ben Maimon, Führer der Unschlüssigen, ins Deutsche übertragen und mit erklärenden Anmerkungen versehen von Dr. Adolf Weiß, II. und III. Buch. Leipzig 1924, Verlag von Felix Meiner. Nunmehr sind abschließend der 2. und 3. Band der großen Lebensarbeit des Schulrates Dr. Adolf Weiß s. A. erschienen. Ihm war es noch vergönnt, die letzte Feile an sein Werk anlegen zu können. Vom persischen Dichter H a f i s erzählt die Sage, daß, während sein Leichnam durch das eine Tor der Stadt Schiras hinausgetragen wurde, gleichzeitig durch das andere Kränze zu seinem Ruhme in die Stadt gebracht wurden. Während Schulrat Weiß mit dem Tode rang, dem er bald erlag, langten die letzten fertigen Korrekturen seiner Uebersetzungsarbeit an, die ihm sicherlich in der jüdischen Literatur ein Ehrendenkmal verschaffen wird. Auch in diesen zwei Büchern, wie im ersten Buche, kommt die gleiche Sorgfalt zum Ausdrucke, den Gedankengang des M o r e in faßlicher Form dem Verständnis auch des Laien näher zu bringen. Die in den Fußnoten enthaltenen Vergleiche mit den griechischen Originaltexten aus dem Werke des Aristoteles erweitern den Gesichtskreis des Lesers, wobei die zahlreichen Hinweise auf analoge talmudische Quellen uns daran erinnern,, daß Schulrat Weiß nicht bloß die vielen hebräischen Kommentare zum More zu benützen verstand, sondern auch auf die ersten Quellen des Maimonides selber: Talmud, Tosefta und Boraita, zurückgegriffen hat. Wie der Uebcrsetzer den spröden Stoff mit seinen philosophischen technischen Ausdrücken gemeistert hat, ist am klarsten aus der Behandlung des Abschnittes zu ersehen, der sich mit fMasse' Bereschit und Masse Merkabach befaßt. In durchaus schlichter Sprache, die sich dem gewaltig großen Inhalte willig anschmiegt, werden die nicht selten wie ein Mysterium anmutenden Ideen zum Ausdrucke gebracht. Dr. Adolf Weiß' Arbeit schließt sich würdig den Neuausgaben ausländischer Philosophen an, wie sie vom Verlage im Rahmen der „Philosophischen Bibliothek" veröffentlicht werden. Die Firma Meiner verdient dieserthalben Anerkennung, das Werk Verbreitung. Dr. M. R o s e n m a n n. Der Spiegel. Im Talis-Verlag, Leipzig-Gohlis, erschien unter diesem Titel ein schmächtiges Liebhaberbändchen aus der Feder von Renate Porge. Ueberau, wo die Kausalität der Erscheinungswelt sich mit ihren mystischen Zusammenhängen berührt entstehen Probleme, welche die Gipfelleistungen der wissenschaftlichen Forschung und ihre Methoden, die Entwicklung des menschlichen Geistes und die Grundpfeiler der gesellschaftlichen Moral betreffen. Ueberall klaffen Gegensätze der Wertung; man späht unentwegt in den aufgesperrten Rachen der Widersprüche und beobachtet mit dem Argus-Auge der erwachenden Skepsis die Wandelbarkeit der logischen Darlegung des Geschehens. Wir blickten mit getäuschten Sinnen in einem falschen Spiegel, dessen Brechungskomponente der Beschaffenheit unserer seelischen Voraussetzungen so wenig entspricht, als würde wer aus einem gläsernen Spiegel her die stoffentrückten Reflexionen des Innenlebens der Betrachtung unterziehen. Das aber ist weit gefehlt, sagt uns Renate Porge. Denn, wenn das Weltbild der autosuggestiven Betrachtungsweise die Daseinswerte aller Lebensfunktionen überschattet, so müssen eben auch die letzten Folgerungen unserer Gesinnung und Gesittung von irrigen Vorstellungen getrübt sein. Um uns kabbalistisch auszudrücken; wir würden den Widerschein aus dem ispaklarja delo kehira" (unreinen Spiegel) empfangen haben. Die dialogisierte Form des Werkchens erhöht die Intensität der schillernden Lichteffekte, die in den einzelnen Gesprächen vorübergleißen. Der antropomorphe Spiegel hat den Vorteil, daß er aus den Potentialität seiner übersinnlichen Fassung in die Aktualität der menschlichen Sinneswelt überleiten kann. Dies ist die vorwiegende Problemstellung in dem Buche der Renate Porge, die als jugendlicher Sproß einer patriarchalisch-jüdischen Familie, als überliefertes Erbe auf Grundlage einer altehrwürdigen Mystik bauen durfte. Emil F a r k a s. Edo Fimmen, Vereinigte Staaten Europas oder Europa A.-G. Verlag: Thüringer Verlagsanstalt und Druckerei G. m. b. H., Jena. Preis: 1.80 Goldmark. Der eigenartige Titel dieses Buches ist der Spiegel unserer Wirklichkeit, da die Vereinigten Staaten von Europa sich nicht bilden ließen als eine Föderation demokratischer Gemeinschaften mit Volksherrschaft, sondern als eine geheime aber außerordentlich wirksame Herrschaft einer internationalen Vereinigung von Konzernen. Hat auch das Weltkapital keine offiziell goldene Internationale, so bestehen unter den sich ständig ausbreitenden Kapitalfaktoren Riesenorganisationen, so viel privatwirtschaftliche Interessenverbindungen und so viel große Gemeinschaftlichkeiten, daß man ohne Uebertreibung heute von einer Europa-A.-G. sprechen kann. Den Beweis hierfür erbringt Fimmen in seiner außerordentlich materialreichen, aber durchaus nicht langweiligen Schrift. Sie bringt nicht nur Belege über die internationale Verbindung der Industrie, der Banken, der Kolonialvereinigungen, sondern sie sieht diese Dinge unter dem Gesichtspunkt der gesellschaftlichen Entwicklung und mit den Augen des Gewerkschafts-Sozialisten und weltproletarisch orientierten Politikers. Darin besteht der besondere Wert dieser Schrift, daß sie geschrieben ist von einem Gewerkschaftler, der als Sekretär der Transportarbeiter- Internationale sowohl einen Ueberblick hat über die internationale Gewerkschaftsbewegung als auch als Vertreter des Verkehrsgewerbes schon! von Berufs wegen sich um die wirtschaftlichen Weltvorgänge kümmern muß. Dieses Buch ist dabei durchaus gemeinverständlich geschrieben. Es ist nicht nur eine Materialhäufung, sondern Edo Fimmen untersucht in den Schlußabschnitten die veränderte Frontstellung des Weltkapitals sowohl im allgemeinen Wirtschaftskampf, als auch im Klassenkampf gegen das Weltproletariat. Die neue Methode dieses Kampfes, die kolossalen Umschichtungen der Wirtschaft nach der Revolution werden von Fimmen entwicklungsgeschichtlich beleuchtet und erklärt. Daraus ergibt sich für ihn