Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1925
- Issue
- Heft 14-15 (8.4.1925)
- Date
- 1925-04-08
- Page
- – (sequence 19)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 14/15 _____DIE WAHRHEIT_____________Seite \1 daher an eine heilige Stätte für Pilger, die vom Toten Meer heraufstiegen und hier ihre Festtage verlebten. Professor Greßmann berichtet auch über die Ausgrabungen Macalisters und des Archäologen Weil in der Davidstadt von Jerusalem, wo Spuren eine israelitischen Totenstadt aufgedeckt wurden. Zum 50. Todestag von Moses Heß. Am 6. April jährte sich zum 50. Male der Todestag von Moses Heß, des großen Vorkämpfers von Sozialismus und Zionismus. Welche Wertschätzung er sich in der heutigen Wissenschaft erfreut, beweisen die Ausführungen des bekannten Historikers des Rheinlandes, Archivdirektor Paul Wentzke, in der Düsseldorfer Zeitung, die wir hier fast vollständig wiedergeben. Als Vorkämpfer des Sozialismus, der durch das Auftreten Ferdinand Lassalles am Mittelrhein immer neue Antriebe aus dem Bergischen Lande empfing, griff Moses Heß in das politische und publizistische Leben ein, dem er in der preußischen Reaktionszeit mannigfach wirksame Anregungen gab. Wie Karl Marx ist auch Heß im Rheinland noch unter der französischen Herrschaft der napoleonischen Zeit in Bonn geboren und verdiente sich wie dieser im „Schutz des rheinischen Rechtes" die publizistischen Sporen. Stärker als Marx jedoch und vor allem als L a s s a 11 e blieb er durchaus und bewußt Jude und darf in seinen Arbeiten zugleich als sozialistischer Vorkämpfer des Zionismus gelten. Als die Freundschaft zwischen Marx und Lassalle zerbrach, schlug sich Heß zur Partei des letzteren, der ihn, wie Marx in der eigentlichen Geburtsstunde der deutschen Sozialdemokratie, im Jahre 1863, höhnisch schrieb, zu seinem „Statthalter in der Rheinprovinz" erhob. Im Herzen des rheinisch-westfälischen Industriegebietes entstanden die wichtigsten Reden und Aufsätze dieses Führers, der zu allererst die „Diktatur der besitzlosen Klasse" vor aller Oeffentlichkeit verkündete. Wenn jetzt die wichtigsten „Sozialistischen Aufsätze" einer solch eigenartigen Persönlichkeit in einem Sonderbande vorliegen und zugleich durch eine mustergültige Biographie von Theodor Z1 o c i s t i eingehend erläutert werden, so dürfen beide Werke, Moses Heß: Sozialistische Aufsätze (1841—47). Herausgegeben von Dr. Theodor Zlocisti. Halbleinen, Goldmark 4.—, und Moses Heß, der Vorkämpfer des Sozialismus und Zionismus (1812—1875). Eine Biographie von Dr. Th. Zlocisti. „Zweite, vollkommen neu bearbeitete Auflage. Halbleinen, Goldmark 6.—. Beide Welt-Verlag, Berlin.), auf Aufmerksamkeit rechnen. Gerade heute, da die damals gelegten Keime zur Weltmacht geworden sind, ist es nützlich und wertvoll ihren Werdegang an kundiger Hand zu verfolgen. Vom Jüdischen Verlag. Der Jüdische Verlag G. m. b. H. Berlin NW 7, Dorotheenstr. 35, hat soeben den Gesamtkatalog seiner Werke bis zu Anfang des Jahres 1925 herausgegeben. Die zirka 50 Seiten starke Schrift gibt eine Darstellung der Geschichte des im Jahre 1902 begründeten Verlages. Ferner enthält sie ausführliche Würdigungen der bedeutenderen Autoren des Verlages, außerdem eine genaue Anführung aller lieferbaren Werke, dann die Aufzählung der vergriffenen Werke und schließlich in der dritten Abteilung ein Verzeichnis der hebräischen und jiddischen Bücher. Der Katalog ist mit ganzseitigen Bildnissen von Achad Haam, Bialik, Buber, Dubnow, Herzl, Mendale und N o r d a u geschmückt Ferner sind schöne Bucheinbände von Werken des Verlages und die Verlägssignets wiedergegeben. Der Katalog zeigt, daß im Jüdischen Verlag bisher 163 Werke in 205 Bänden oder Ausgaben erschienen sind. Von den Büchern, die der Verlag für das Jahr 1925 ankündigt, sind hervorzuheben: Jüdische Enzyklopädie. Herausgegeben unter Mitarbeit von etwa 140 namhafter jüdischer Gelehrter und Fachmänner von Doktor Georg Herlitz und Dr. Bruno Kirschner. Zwei starke Bände im Format von zirka 24 mal 32 cm mit vielen Illustrationen und Tafeln. S. M. Dubnow, Weltgeschichte des jüdischen Volkes. In zehn Bänden. Aus dem Russischen von Dr. A. Seinberg; Umfang jedes Bandes zirka 30—35 Bogen. 1925 erscheinen die ersten drei Bände. C h. N. Bialik, Essays. Aus dem Hebräischen von Viktor Kellner. C h. N. Bialik, Novellen. Aus dem Hebräischen. Ch. N. B i a 1 i k und I. Ch. Rawnitzky, Das Buch der Agada. (Sefer haagadah.) Zwei Bände. Uebersetzung von Dr. Nathan Birnbaum. Joseph Trumpeldors Tagebücher und Briefe. Aus dem Russischen. Achad Haam, Am Scheidewege. (Band III und IV der deutschen Gesamtausgabe seiner Schriften.) Mendale Moicher Sfurim, Gesammelte Werke. Band II: Der Wunschring. Band III: Die Reisen des dritten Benjamin. Band IV: Fischke, der Lahme. Martin Buber, Sieben Reden über das Judentum. Ins Hebräische übersetzt von Sch. Streit. Prof. Ludwig Rieß, Geschichte Englands im 19. und 20. Jahrhundert. (Hebräisch.) Der in der Didot-Antiqua gedruckte Katalog gibt ein repräsentatives Bild der jungjüdischen Literatur in den letzten Jahren. Er wird vom Verlag Interessenten auf Wunsch zugesandt und ist auch durch alle Buchhandlungen zu beziehen. Die jüdischen Tempelgesänge. In dem von Guido A d 1 er unter Mitarbeit von Fachgenossen herausgegebenen Handbuch der Musikgeschichte (Frankfurter-Verlags-Anstalt 1924), welche bestimmt ist, weiteren Kreisen gebildeter Musikfreunde Belehrung zu bieten, findet sich ein hochinteressanter .Beitrag von A. Z. I d e I s o h n über die jüdischen Tempelgesänge. Der Verfasser, derzeit Professor am Hebrew College in Chicago, bietet in leider zu sehr gedrängter Kürze die Resultate seiner grundlegenden vier Werke über die Gesänge der jemenitischen, babylonischen, persischen, bocharischen Juden und orientalischen Sefardim, welche der Autor an Ort und Stelle im Orient (Jerusalem, Bagdad) eingehend studiert und in Notenschrift aufgenommen hat. Die Tempelgesänge werden in vier Abschnitten behandelt: 1. Intonationen der Bibel, deren Zeichen (Teamin, Neimoth, ähnlich den Neumen) nach langer Entwicklung im IX. Jahrhundert in Tiberias festgelegt wurden. Dieselben sind für die verschiedenen Bücher der Bibel nach verschiedenen Riten bekanntlich verschieden. Nach Meinung des Verfassers sind mannigfache biblische Weisen im Gregorianischen Kirchengesang zu finden. 2. Kantilationen der alten Gebete (entstanden bis zum V. Jahrhundert) haben sich in den meisten Gemeinden des Orients erhalten. Der Gesang %var ursprünglich volkstümlich-schlicht, später wurden durch Neuerungs- und Gefallsucht der Chazzanim fremde Melodien in den Gottesdienst eingeführt, was zu Protesten seitens der Rabbiner führte. Es folgten Komposition von Chazzanim, welche Mischung alter Bibelweisen mit iremden Singweisen darstellten; eine solche ist das Kolnidre, welches aus Einleitung im Stile spanischer Gesänge des XVI. Jahrhunderts, vier verschiedenen Bibelweisen und Schluß mit Läufen im Stile des XVIII. Jahrhunderts zusammengesetzt ist, was durch Notenbeispiel erläutert wird. 3. Melodien der religiösen Poesie, wobei hauptsächlich Elemente altjüdischen Gesanges (Bibalweisen verarbeitet wurden. Dazu kamen Motive spanischmaurischen und slawischen Ursprungs, die vielfach semitischorientalische Elemente enthalten. In Deutschland sind derartige Melodien vor dem XIV. Jahrhundert nicht nachweisbar. Hier waren von Einfluß die Reformations-Hymnen und Chorale (z. B. Anfang von Moaus-rur). 4. Die Kompositionen der jüdischen Musiker und Kantoren konnten sich nur selten erhalten, weil dieselben den althergebrachten Weisen nicht entsprachen. Eine rühmliche Ausnahme bildeten die Gesänge im „Schir Zion" von Salomon Sulzer, von welchem sich jene eingebürgert haben, welche auf traditionell-jüdischen Motiven aufgebaut sind. Ueber die Kunstfertigkeit der seit dem XVI. Jahrhundert in Deutschland und Polen auftauchenden wandernden Chazzanim äußert sich der Verfasser sehr abfällig; er tritt für die einfache traditionelle Melodik der biblischen Weisen und deren Weiterentwicklung ein. Goethe und die Juden. Dem Buch von Teweles „Goethe und die Juden" entnehmen wir den Ausspruch Goethes gegenüber dem Prager Bankier von Lämel: „Der Eindruckt den ich in früher Jugend in meiner Vaterstadt empfing, war mir ein mehr erschreckender. Die Gestalten der engen und finsteren Judenstadt waren mir gar sehr befremdliche und unverständliche Erscheinungen, die meine Phantasie beschäftigten, und ich konnte gar nicht begreifen, wie dieses Volk das merkwürdigste Buch der Welt aus sich heraus geschrieben hat Was sich allerdings in meiner früheren Jugend als Abscheu gegen die Juden in mir regte, war mehr Scheu vor dem Rätselhaften, dem Unschönen. Meine Verachtung, die sich wohl zu regen pflegte, war mehr der Reflex der mich umgebenden christlichen Männer und Frauen. Erst später, als ich viele geistbegabte feinfühlige Männer dieses Stammes kennenlernte, gesellte sich Achtung zu der Bewunderung, die ich für das bibelschöpferische Volk hege, und für den Dichter, der das hohe Liebeslied gesungen hat." Vortrag. Der Verein für jüdische Geschichte und Literatur hat anläßlich der Eröffnung der hebräischen Universität in Jerusalem einen Vortrag des Herrn Dr. Oswald Schwarz über Wesen und Formen des Nationalismus angekündigt. Demselben sollte eine Ansprache gehalten von Rabbiner Doktor Feuchtwang vorangehen. Der Anlaß hatte ein für die Vorträge dieses Vereines überraschend große Zuhörerschaft zusammengeführt, deren Mehrzahl wohl der nationalistischen