Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1925
- Issue
- Heft 14-15 (8.4.1925)
- Date
- 1925-04-08
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 14/1 5 DIE WAHRHEIT Seite 11 sich vor einigen Jahren eigens nach Amerika, um die Verhältnisse auf der Träneninsel m sehen und gab dann in seinem Blatte folgende ergreifende Schilderung: „Wenn man in New York ankommt, muß der Passagier der dritten Klasse — und er kommt für die Insel hauptsächlich in Betracht — etwas Geduld haben; einmal kommt auch er an die Reihe. Nach der Zolluntersuchung nimmt ein Dampfer des Einwanderungsdienstes die Einwanderer an Bord und bringt sie in rascher Fahrt nach Ellis-Island. Bei der Ankunft auf der Insel nehmen Beamte die Gruppen in Empfang und führen sie, Männer und Frauen gesondert, zuerst zum Arzt. Vor allem wird auf körperliche Sauberkeit sehr gesehen. Körperteile, die sich sonst dem menschlichen Auge gern zu entziehen trachten, genießen besonders eingehende Aufmerksamkeit. Dann sind es die Augen und Hände, aber auch Herz und Lunge, die genau begutachtet werden. Wer schon bei der ärztlichen Untersuchung das Pech hat, der Aussonderung zu verfallen, kommt gar nicht erst in die große Halle, in der die Inspektoren der Einwanderung die Prüfung der Papiere vornehmen; er wird auf Kosten der Gesellschaft, die ihn üher das Metr fuhr, in Kost und in freies Logis genommen, und der nächste Dampfer, der von dieser Linie in seine Heimat geht, nimmt ihn wieder mit. Wer den Aerzten keinen Anlaß zur Beanstandung gab. kommt vor den ImmigratiGn-Inspector. In einer luftigen geräumigen Halle, die auch mit einem Kino, Flügel und einer Orgel zu Gottesdiensten und zur Unterhaltung ausgestattet ist, stehen zehn Tische, auf die mit der Breitseite ebensoviel Bankreihen zulaufen, auf die sich immer die mit einem Schiff zusammen angekommenen, ziemlich aufgeregten Passagiere niederlassen. Einer nach dem andern tritt vorn an den Tisch des Beamten und wird in ein Kreuzverhör von Fragen genommen. Einfach sind noch die Fragen nach Name und Herkunft, nach den mitgebrachten Geldmitteln, nach dem Beruf und den Kenntnissen. Wer schon 'einmal in Amerika war, hat Fragen nach seiner amerikanischen Vergangenheit zu gewärtigen, die oft dazu führen, daß der Einwanderungsaspirant in ein Zimmer, „special inquiry department" genannt, geführt wird. Nach dem Passieren der großen Halle, in der die normale Befragung der Passagiere stattfindet, trennen sich ihre Wege nach vier verschiedenen Richtungen. Wer eingelassen wird und nach New York bestimmt ist, steigt eine Treppe durch einen verdeckten Gang hinab und landet an dem Pier des Fährbootes, das alle Stunde nach der Stadt abgefertigt wird. Wer nach dem Innern des Landes weiterfahren will, wird in den Wartesaal des inseleigenen Bahnhofs geführt und erhält dort einen Zettel, auf dem genau die Linie verzeichnet ist, die er benutzen muß. Die dritte Gruppe geht den dornigen Weg in das „special inquiry department". Hier werden sie mit ganz anderen Strahlen durchleuchtet, sie stellen die Anwärter auf die Zurücksendung und auch die für längere Festsetzung auf der Insel. Meist sind es Leute, deren Persönlichkeit von den Ausreisestaaten schon an die Behörden in Washington gemeldet ist, dann auch Verdächtige, deren Angaben und Papiere sehr genau und langsam untersucht werden, oft aber auch solche, die sich durch ihre große Dummheit und Ungeschicklichkeit selbst in dieses Zimmer hineingebracht haben. Mitgefühl fordern auf Ellis-Island eigentlich nur jene Unglücklichen, die manchmal wochenlang auf dieser, an Anregungen armen Insel zubringen müssen, bis es sich endweder entschied, daß sie doch noch einwandern dürfen, oder daß sie in die Heimat zurückgehen müssen. Sie sind in Wahrheit von der Außenwelt abgeschnitten und müssen ein Los ertragen, das wenig verschieden ist von dem eines Gefangenen, wenngleich sie keineswegs so behandelt werden. Ellis-Island ist für die Vereinigten Staaten eine bittere Notwendigkeit. Wenn man diesen Filter nicht vor die Einwanderung geschoben hätte, würde sich, wie die Statistiken einzelner Gebiete schon zeigten, die Struktur der Bevölkerung in ganz kurzer Zeit völlig verschieben. Amerika ist nun einmal ein angelsächsisches Land und hat das Recht, selbst zu bestimmen, wer in diesem Lande wohnen soll. Andere Völker machen das auch so, nur erhebt die Welt bei ihnen nicht stets ein so großes Geschrei. Bei der Einwandererhalle in Ellis-Island stehen Angestellte der Hias, die Mützen mit der jidischen Inschrift „Jüdisches Komitee" tragen, welche den Ankömmling in jiddischer Sprache begrüßen und sich ihm als Vertreter der jüdischen Komitees vorstellen. Die ersten Tage kann jeder Einwanderer im Einwandererheim der Hias Wohnung nehmen, wo er rituelle Kost und Nachtlager bekommt. Der Apparat mit seinen vielfachen Abteilungen, selbständigen Bureaus für die Statistik der Einwanderer, für die Stellenvermittlung, welche jedem jüdischen Einwanderer Arbeit verschafft, für Auskünfte, für Eruierung amerikanischer Verwandten der Einwanderer, einem Heim für Obdachlose, in welchem an Arme, auch nichtjüdische, unentgeltlich Mahlzeiten verabreicht werden, ist ein Riesenwerk der Menschenliebe, auf das das amerikanische Judentum wirklich stolz sein kann. * * * Das jüdische New York besitzt 13 Krankenanstalten, von welchen das Sinai-Hospital als das bedeutendste zu bezeichnen ist. Es wird in diesem mit allen von der neuzeitlichen medizinischen Wissenschaft errungenen Methoden gearbeitet. In jüngster Zeit wurde mit dem Umbau des Beth- Israel-Hospitales begonnen, welches eine der größten Krankenanstalten in Amerika werden wird. Das Hauptgebäude wird nicht weniger als 17 Stockwerke umfassen. Jeder Patient wird sein eigenes Zimmer mit Fenster auf den schönen Hospitalgarten haben; dabei ist vorgesehen, daß die Hospitalkasse während der Dauer der Erkrankung auch für die Familie des Patienten sorgt. Auch für das Kaschrut wird gesorgt werden. Auch wurde an eine Synagoge und sogar an eine Sukkah nicht vergessen. Außerdem sind beinahe zwanzig Altersversorgungshäuser und ebensoviele Waisenhäuser. Das Schönste und Edelste an diesem gigantischen Liebeswerke ist und bleibt, daß auch Nichtjuden Aufnahme finden und es wird in bezug auf Rasse und Religion kein Unterschied gemacht. (Fortsetzung tolgt.) IT ■1 Bei der israelitischen Kultusgemeinde PItMlimg ist die Stelle eines RODMlICrS, weiters die Stelle eines IfQDfOrS. der gleichzeitig auch Religionslehrer sein muß, zu besetzen. Bewerber wollen ihre ordnungsmäßig instruierten Gesuche bis 1. Mai 1925 vorlegen. Der Kultuspräsident: Dr. Moser Cfdtcs IROTGA5SE-1