Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1925
- Issue
- Heft 14-15 (8.4.1925)
- Date
- 1925-04-08
- Page
- – (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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keine Rede. Der Kapitalist und Kaufmann jener Zeit war der Phönizier und nicht der Jude, so daß in der Bibel der Name „Kenaani" (Phönizier) die Bezeichnung für Kaufmann überhaupt geworden ist. Schätze, Silber und Gold aufzuhäufen, hat die Thora selbst dem Könige in Israel untersagt, und das Gebet des Hebräers lautete (Sprüche Sal. 30, 8): „Armut und Reichtum .gibt mir nicht, o Herr! Gewähre mir mein täglich Brot" Der jüdische Historiker Josephus schreibt: „Was uns betrifft, so bewohnen wir weder ein Küstenland, noch haben wir Freude an Handelsgeschäften und stehen darum auch nicht viel im Verkehr mit anderen. Unsere Städte liegen vom Meere weitab und unsere Beschäftigung ist, das gute Land, das wir bewohnen, zu bebauen," Allein jene jüdischen Massen, welche im Laufe vieler Jahrhunderte die palästinensische Heimat verließen und in die Fremde auswanderten, die zahlreiche jüdische Bevölkerung in der Diaspora, wurden zum Teile Händler, zum größten Teil aber auch Handwerker, und zwar während der ganzen talmudischen Zeit. Den Talmud betreffend, sagt Sombart, es sei eine höchst bemerkenswerte Tatsache, daß die Gewerbefreiheit „talmudoffiziös" ist. Es gebe verschiedene Stellen im Talmud, die von der Gemara und dem Schulchan Aruch erläutert werden, in denen Stellung genommen wird gegen die damals im Erwerbsleben herrschende Idee der Nichtkonkurrenz. Im Talmud seien auch bereits die Keime von der Lehre des produktiven Zinses zu finden, ebenso die Grundzüge der modernen Währungslehre. Nun aber hat bereits Franz Delitzsch in Leipzig — nicht zu verwechseln mit seinem Sohne Friedrich, dem Verfasser der „Großen Täuschung" — gelegentlich die folgende merkwürdige Tatsache hervorgehoben: „In den 63 Schriften, aus denen der Talmud besteht, findet man kaum ein Wort zu Ehren des Handels, wohl aber manches, was auf die Gefahren der Geldmacherei, des vagierenden Lebens hinweist. Aber vom Preise der Arbeit ist das Buch voll." Eine besondere Vorliebe für ein Handelsgewerbe, das nicht vom Umsatz eigener, sondern fremder Arbeit lebt, zeigt sich im jüdischen Volke nirgends, wenn wir auch von dem, ersten christlichen Jahrhundert so weit als möglich rückwärts und etwa ein halbes Jahrhundert vorwärts blicken. «Hasset nicht mühselige Arbeit", sagte der Jude, „und den vom Höchsten geschaffenen Ackerbau!" Wie wenig man dem Talmud kapitalistischen Geist zumuten darf, ergibt sich schon aus dem beachtenswerten Umstand, daß der Talmud dem Arbeiter sogar das Streikrecht zuerkennt Der Arbeitnehmer ist nach dem Talmud niemals gebunden, den Arbeitsvertrag einzuhalten, denn er schließt diesen Vertrag niemals freiwillig, sondern stets unter dem harten Zwange des Hungers und der Not ab. Indessen braucht man kein besonderer Kenner des Talmuds sein, um sich hierüber ein Urteil bilden zu können. Es genügt zu wissen, wer die Autoren des Talmuds waren. Die Männer, die im Talmud zu Worte kommen, seinen Geist geschaffen haben, waren vorzüglich Arbeiter, Kohlenbrenner, Holzhauer, Eisen- und Kupferschmiede, Schneider, Schuster, Gerber, Bäcker, Müller und Lastträger. Arbeiter, Handwerker sollen ein Gesetz zugunsten der kapitalistischen Form der Produktion verfaßt haben,! sollen die eigentlichen Urheber des Geistes sein, der den modernen Kapitalismus zur Welt gebracht hat] (Fortsetzung folgt.) Bei unseren Brüdern in New York. Von Chajim Bloch. (Fortsetzung.) Unzählig und unseren unvergleichlich sind die jüdischen Wohlfahrtsgesellschaften, Bildungs- und Unterrichtsinstituie, Krankenanstalten, politischen Vereinigungen, von weichen ich freilich nur einige der wichtigsten anführen kann. Der heranwachsenden Jugend wird auch in geistiger Beziehung ein besonderes Augenmerk zugewendet. Und in der Tat hat die dortige jüdische Jugend eine vielfach starke Aufwärtsbewegung zu verzeichnen. Bewundernd stand ich vor dem geradezu palastartigen Heim der Jüdischen Jungmännervereinigung (Young Men's Hebrew Association). Es ist eines der triumphalsten Werke des New Yorker Judentums. Der Bau. die Schöpfung eines Juden, zeigt die Genialität jüdischer Baukunst. (Irre ich nicht, dann hat der Erbauer dieses Hauses auch den herrlichen Cunard- Building, dessen innere Dekoration ebenso von einem Juden, Ezra Winter, besorgt wurde, geschaffen. Gleich beim Eintritt in die Vorhalle schlägt efnem der Hauch freudiger, lebenslustiger Jugend entgegen. Da ist überall Leben, warmes, glückseliges Leben.- In diesem Prachthause finden sich einige Tausende der Blüte unseres Volkes, der stolzen und tapferen jüdischen Jugend einige Mal wöchentlich zusammen. Man hält die jüdische Jugendorganisation in Amerika für eine der bedeutendsten in der ganzen Welt. Hier wird tüchtige, mustergültige Erziehungsarbeit im Sinne des Judentums geleistet und selbstverständlich auch alles, was das Leben erfordert, durch Unterricht in allen einschlägigen Fächern gepflegt. Daß die religiöse Ausbildung der jungen Leute zu den wichtigsten Arbeiten gehört, ist besonders erfreulich. Und hier kommt das Verantwortungsgefühl der Gründer und ihr Ziel, eine jüdische Generation zu "erziehen, kräftig zum Ausdruck. Selbstverständlich wird auf die körperliche Erholung und Ertüchtigung der Mitglieder der größte Wert gelegt und allerlei Sport betrieben; für das Schwimmen und Turnen sind prachtvolle Räumlichkeiten geschaffen. Die jüdischen Jugendvereine nehmen erfolgreich und mit den besten Ergebnissen an öffentlichen Wettbewerben teil. Die Bedeutung dieser Jugendorganisation für die weitere gedeihliche Entwicklung des Judentums ist unermeßlich. Interessant ist die Einführung, daß jeden Freitag abends ein feierlicher Gottesdienst und nachher eine Aussprache der reiferen Mitglieder über religiöse Fragen unter Leitung eines Rabbiners stattfindet. * * * Was kann es Schöneres an vornehmer Menschlichkeit, an echtem Judentum geben als die Gastfreundschaft besonders wenn sie unglücklichen, fremden Menschen zuteil wird. Unsere amerikanischen Brüder erfüllen diese M i z w a h im wahrsten Sinne des Wortes und verdienen dafür eine besondere Anerkennung des ganzen Golusjudentums. Die Jüdische Emigrations- Vereinigung „HIAS" („Hebrew Sheltering and Immigrant Society of America") mit dem schönen hebräischen Namen „Hachnas Orehim" ist im Jahre 1901 gegründet worden. Die Leistungen dieser \ereinigung sind geradezu verblüffend, und wir hier können uns kaum eine Vorstellung machen, welches Stück Arbeit da geleistet wird. Die Aufgabe der Vereinigung ist es, den jüdischen Einwanderern bei der Ankunft in Amerika beratend und helfend zur Seite zu stehen und diese Aermsten vor Unrecht zu schützen. Im Gebäude des staatlichen Einwanderungsamtes auf Ellis-Island, der sogenannten „Insel der Tränen" oder „Kesselgarten", wie sie die Ostjuden nennen, hat die Hias ein eigenes Bureau mit einem Stabe von einigen hundert Beamten. Nur wer die Verhältnisse auf dieser Insel kennt, kann die Notwendigkeit der Hias verstehen. Ein Mitarbeiter der „Vossischen Zeitung", Hartmuth Merleke, begab