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Die Wahrheit · 1925-04-08 · Heft 14-15 (8.4.1925) · page 9

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1925
Issue
Heft 14-15 (8.4.1925)
Date
1925-04-08
Page
– (sequence 9)
Language
German
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Nr. 14/15 Die wAffltfprr §eite_l Ballast betrachtet, von selbst. Man meidet alle Ortschaften, wo man Juden höchstens als Sommergäste zweiter Klasse duldet, ohne Nachsicht der eigenst für sie erhöhten Preise. Die Juden brauchen sich nicht mit dem Glauben zu schmeicheln, -daß sie leichthin durch ihre Anwesenheit allein erziehlich auf die Antisemiten wirken, aber man kennt räiie, daß sie durch ihre Abwesenheit manchen Antisemiten zu vernünftigen Erwägungen animiert haben. Einen hübschen Beweis hat auch der Bürgermeister einer nicht weit von Wien gelegenen Sommerfrische im Vorjahre erbracht. Die dort ansässigen jüdischen Bewohner leiden seit jeher unter der antisemitischen Strömung, die der Bürgermeister favorisiert. In den letzten Jahren ergab es sich, daß die jüdischen Sommergäste anfingen auszubleiben. Da suichte eines Tages der Herr Bürgermeister den Vorsteher der jüdischen Gemeinde auf und legte ihm nahe, doch dafür zu wirken, daß die jüdischen Gäste wieder in größerer Menge den Ort durch ihren Besuch erfreuen. „Man muß ihnen ja nur andeuten, daß sie bei uns nichts von Antisemitismus fühlen werden." Der Vorsteher der jüdischen Gemeinde meinte hierauf: „Ich verstehe schon... ich soll bestätigen, daß hier vom 1. Juni bis 15. September kein Antisemitismus herrscht." * Das Beispiel, dasHejjas gegeben, wirkt noch immer ungebrochen fort und es sind nicht immer bloß die Juden, die davon erzählen könnten. Wenn die Toten überhaupt erzählen könnten. Nun wird zum Schauder aller gesitteten Menschen bekannt, daß in Nyiregyhäza ein Wachtmeister zwei ., Soldaten den „Befehl" erteilt hat, einen ihrer Kameraden, der wiederholt das Verbrechen begangen, in der Nacht zu spät in die Kaserne zurückzukehren, aufzuhängen. Der „Befehl" wurde prompt befolgt. Aehnliche Befehle hat mit Mißachtung aller gesetzlichen Formalitäten seinerzeit auch der Herr Oberleutnant Hejjas erteilt und auf Grund derselben wurden Juden ermordet, die überhaupt nichts verschuldet hatten. Ob auch der Wachtmeister in Nyiregyhäza den Milderungsgrund des „patriotischen Ueberschwangs", der zum Beispiel den Mördern von Kecskemet in 64 Fällen die Amnestie sicherte, für sich geltend machen kann, ist allerdings fraglich. Wäre es nicht ganz plausibel, wenn der Herr Wachtmeister erklären würde, er habe aus „patriotischem Ueberschwang" die Wahrung strenger Disziplin für nötig gehalten? * Das schamloseste antisemitische Hetzblatt in Ungarn „A Nep" wird sich wohl nach Verlauf ekliger Zeit vor seinen Lesern eines moralischen Sieges rühmen, den es vor Gericht über einen freisinnigen Politiker errungen hat. Es wird ihnen in knapper Kürze mitteilen, daß der Abgeordnete Rassay, dieser in den Augen der Rassemschützler wegen seines Eintretens für die Juden schwer bemakelte Abgeordnete, die gegen einen Mitarbeiter des „A Nep" erhobene Klage wegen Verleumdung zurückgezogen hat! Und diese Mitteilung wird, was ich schon heute bereitwillig zugebe, keine Lüge sein. Weshalb ich dann, wird mancher überrascht fragen, vermute, daß das vor dien fettesten Lügen nie zurückschreckende „A Nep" eine ausnahmsweise wahrheitsgetreue Mitteilung nicht stolz mit den fettesten Lettern, über die es verfügt, und so breitspurig als möglich verkünden wird? Nun, ich habe meine Gründe für diese Vermutung, die ich aber keineswegs für mich allein behalten möchte. Der Mitarbeiter des „A Nep", der den verleumderischen Artikel gegen Rassay veröffentlichte, war schon wegen Betrug und Erpressung bereits verurteilt und sitzt auch gegenwärtig wegen des Verbrechens des Unterschleifes, des Betruges und Diebstahls in Strafhaft. Soll Rassay sich mit diesen Herrn, nur weil er die Ehre hat, Mitarbeiter des „A Nep" zu sein, vor Gericht stellen? Er läßt ihn ruhig, ungestört sitzen, wo er sitzt. Rassay dachte überdies, es könnte ihm genügen, daß ein anderer Mitarbeiter des „A Nep" wegen derselben schmähenden Behauptung bereits rechtkräftig zu vierzehn Tagen Gefängnis verurteilt wurde. Es ist also gesorgt dafür, daß „A Nep" seinen Triumph über die Zurückziehung der Verleumdungsklage Rassays nicht unbescheiden breittreten wird und man wird begreifen, daß ich dem Hetzblatte vom ganzen Herzen noch viele ähnliche Erfolge wünsche. Ego. Märchen uud Erzählungen über Moses. Aus Talmud und Midrasch.*) Zu Vers 1 des dritten Kapitel von II. M. bemerkt R. Isaak: Gott erwählt seiime Boten aus den Niedrigsten; „Moses hütete die Herden J e t h r o s" — aus Schafhirten, um seine Menschenherden zu führen. Wie Moses so David — so der Römer Cincinnatus — der Farmer Washington — der Holzfäller Lincoln in Amerika, echt demokratische Führer! Moses, der flüchtige ägyptische Höfling, der künftige Befreier verdiente sein tägliches Brod als Hirte der Herden Jethros, des Herrn von Midjan, einer Oase in der Wüste. Da geschah es einmal, daß er ein junges Lamm aus seiner großen Herde vermißte. Heiß glühte die Sonne, hoch vom Himmel senkrecht ihre brennenden Strahlen senkend; nur hie und da ein schattiger Strauch, ein kühlender Fels. Der heiße Wüstensand erhitzt die Luft, alles ringsum ein glühender Ofen. Das Lämmlek hat sich! verlaufen. Voll Trauer blökt seine ängstliche Mutter. Da geht Moses auf die Suche — es dauert Stunden, bis er es endlich findet. Es ist lahm, müde und hungrig; unfähig sich zu bewegen, stößt es seine letzte Wehklage in die tödlichen Sonnenstrahlen. Moses nimmt es auf den Arm, an seine Brust, streichelt und tröstet es. Selbst von Hitze und Durst erschöpft bringt er es seiner Mutter. Und die Allmacht, vom Himmelsfenster dies betrachtende wischt eine Tränenperle aus ihrem weisen, fürsorglichen Auge und spricht: Moses, der du solch Mitleid hast mit einem armen, dummen, lahmen Lämmchen; Moses, du wirst mit Meinen armen Schafen, der Herde Israels, auch Mitleid haben. Und in diesem Augenblick betraute Er ihn mit der Sendung zu den *) Aus M. Flu e gel: Exodus, Moses und die Gesetze des Dekaloges, Baltimore 1910.

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