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Die Wahrheit · 1925-04-08 · Heft 14-15 (8.4.1925) · page 8

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1925
Issue
Heft 14-15 (8.4.1925)
Date
1925-04-08
Page
– (sequence 8)
Language
German
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Seite 6 DIE WAHRHEIT Nr. 14/15 nach mehr als fünfhundertjährigem Ghetto begreiflicherweise überstürzt. Nach Inquisition, (gelbem Fleck und entwürdigender drakonischer Behandlung, nach solcher Drachensaat, die unsere Neuwelt gesät, sollte jedes Einzelindividuum dieses Martervolkes makellos geblieben sein! Und wie sollten wir sein wie die anderen, hat der Antisemitismus uns besser sein lassen? Ward uns freie Entwicklung wirklich je ganz gegönnt? Wie ruhiig hat die neue Welt Rußland und Rumänien bei Pogroms zugesehen! Haben dort Juden nicht Heldenmut bewiesen, indem sie für ihre Ueberzeugung litten und starben? War das christliche Liebe, mit der man sie verfolgte? Das Christentum hat sich auch noch nicht reif erwiesen für die Lehren unserer Propheten, zu denen sein Stifter zählt. Dieser wollte keine Titelchen des Gesetzes abschaffen, erst Paulus und das Niceaische Konzi brach mit dem reinen Monotheismus, mit dem Rückgrat der Mosaischen Lehre. Diese zu erhalten, zu übenliefem, ist heute wie immer die Hauptaufgabe Israels. Der Atheismus und Materialismus hat die nicht rein monotheistischen Bekenntnisse verdrängt. Ein heilloser Anthropomorphismus degeneriert zu einer schamlosen Anbetung der Schöpfung, statt des Schöpfers. Noch lebt Israel, das Salz der Erde, das den reinen Gottesbegriff frei von jeder erkünstelten Stoffanibetiing zum Inhalt seiner religiösen Weltanschauung erhebt. Aber das erste der zehn Gebote erinnert nach der Feststellung der Exilstenz des Einig-Einzigen sofort an die Befreiung aus Aegypten. Es lautet aJso in freier Uebertragung richtig: „Glaube an Gott und liebe die Freiheit!" Mit der Lehre von der Existenz des Weltschöpfers, des rein geistigen, lebendigen, einheitlichen Gottes als einzigen Heiland und Erlöser des Menschengeschlechtes ist der F r e iheitsgedanke innig verknüpft. Das so oft und abermals wiederholte Gebot, die Verpflichtung, „Gedenke, daß du ein, Knecht warst in Aegypten", stellt uns die Aufgabe, stets für soziale Freiheit einzutreten. Diese kann aber nur dann erfüllt werden, wenn wie nach der aus unserer ganzen Geschichte zu ziehenden Lehre als Mittler zwischen den Nationen wir uns betätigen, als unentwegte Pazifisten. Im Weltkrieg haben wir das versäumt, es ist leider nach demselben noch nötig, diarauf sich zu besinnen. Glossen. Neues von der Universität. Aufgehetzte Studenten fielen vor einigen Tagen über Kollegen her, deren politische Richtung ihnen mißfiel und schlugen einige von ihnen blutig. Vorher hatten die Exzedenten in einem Lehnsaal, anstatt den Demonstrationen des Professors zu folgen, in kecker Weise gegen den Gelehrten demonstriert, dessen Stellungnahme gegenüber Fragen des öffentlichen Lebens sie mißbilligten. Die Skandale innerhalb d'er Räume der Universität hatten sich auf der Straße fortgesetzt. Die Polizisten nahmen die Rädelsführer der Skandale fest; man begnügte sich aber nicht, deren Nationale aufzunehmen, sondern verhaftete siie und sie \verden wegen tätlicher Mißhandlung vor das Strafgericht gestellt werden. Der Unterrichtsminister aber verfügte, daß der Dekan der juridischen Fakultät, der gegenüber den häßlichen Ausschreitungen innerhalb der Räume der Universität sich neutral verhalten hatte, sofort von seinem Amt enthoben werde. Die Regierung teilte die Meimunig des Unterrichtsmiiinisters, daß dlie Freiiheilt der Hochschule ausschließlüch auf der Lehr- und Lernfreiheit beruhte, aber darin bestehe, daß die Professoren die Freiheit zu lehren und die Studenten die Freiheit haben, zu lernen,, nicht aber darin, daß Studenten dias Recht haben, Kollegen im Lernen zu stören, auch wenn Professoren zu diesem nichtswürdigen Treiben schweigen. Damit aber die Leser dieser Zeilen nicht etwa auf die Vermutung kommen, daß diese Mitteilungen über d>ie Universität auf einen gesohmiaeklosen, verspäteten Aprilscherz zurückzuführen seien, beeile ich mich hinzuzufügen, daß sie nur den genauen Berichten französischer Blätter entnommen sind und sich auf die Vorgänge an der Sorbonne beziehen. # Auch der gegenwärtige Rektor der Wiener Universität, Prof. Dr. S p e r 1, hat, wie aus einem in der vorigen Numrnier dieses Blattes mitgeteilten Interview ersichtlich ist, Aeußerunigen getan, die deutlich erkennen lassen, daß er weniger an die Zukunft der hebräischen Universität in Jerusalem als an däle hialbvergangenen Zustände dachte, die sich unter seinem Vorgänger i!n dem hohen Ehrenamte an der Wiener Universität etabliert hatten. Professor S p e r 1 fordert von der Universität in JeruSialem, daß sie die Traditionen einer glanzvollen Vergangenhjeit fortsetzen Vnöge, was von den Professoren und den Studierenden, die dahin kommen werden, abhänge. Die einen wie die -anderen haben, so führte er aus, die heilige Aufgabe, sich dort nicht mit der Politik, sondern mit der Wissenschaft zu befassen, sich der Forschung nach Wissen, der Suche nach Wahrheit zu widmen. Goldene Worte, die von der jerusalemitisoWen Universität nur erwarten, wais deren Begründer als Programm aufstellten. Darum 'machten die herrlichen Worte des Rektors S p e r 1 auf jüdische Leser auch gar nicht den Eindruck, alls ob sie die Absicht hätten, der hebräischen Universität eine Richtschnur zu geben, sondern sie klingen wie dias Bekenntnis eines hoehdenkendlen Gelehrten, dfer auf diesem Wege sein brandmarkendes Urteil über Lehrer und Studierende aussprechen wollte, die es ermöglichten, daß dlie geweihten Stätten der Wissenschaft zu Tummelplätzen wüster politischer Exzesse erniedrigt wurden. Rektor Sperl will nur als Diener der Wissenschaft und der Wahrheit erscheinen. Hoffentlich wiird er dafür nicht — gleich dem Rektor d'er Pariser juridischen Fakultät — von seiner Stelle enthoben werden. * D i e Z e i t i s t gekommen, in der die vom Schicksale begünstigten jüdischen Familien sich mit der Frage beschäftigen, wo sie ihren Landaufenthalt im Sommer nehmen sollen. Sie sollten sich auch klar darüber werden, wohin sie — nicht gehen dürfen. Die Antwort, so sollte man glauben, ergibt sich für jeden Juden, der Selbstachtung und Würde selbst in den heißesten Sommertagen nicht als überflüssigen

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