Mannheim
Compact Memory

Die Wahrheit · 1925-04-08 · Heft 14-15 (8.4.1925) · page 6

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Wahrheit
Volume
1925
Issue
Heft 14-15 (8.4.1925)
Date
1925-04-08
Page
– (sequence 6)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/3062972-3064022-3064036--13582-3081095
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

3 entity mentions

Seite 4 DIE WAHRHEIT Nr.14/15 Die Aufgaben des Judentums. Eine Osterbetrachtung. Von Med.-Rat Dr. Heinrich Haase. Einer der größten Fehler, welchen die Menschheit begeht, ist der, daß sie aus ihrer Geschichte nichts lernt. Auch wir Juden sind in diesen Fehler verfallen und natürlicherweise nicht weniger, seitdem wir aus der Isolierung der Ghetti erlöst sind, wie verzeihlicherweise, als wir noch darin eingezwängt waren. Wenn an Moses der Befehl Gottes erging „Sende Mein Volk (in die Wüste), auf daß es Mir diene", so bestand die Sendung eben bloß in ethischen, geistigen und ideellen Interessen. In den Rahmen der gesamten, menschlichen Kulturentwicklung hat Israel unleugbar einen hervorragenden Anteil, der sogar als dessen moralische Grundlage bezeichnet werden kann. Wir sind bei dieser Konstatierung frei von jeder chauvinistischen Verblendung, da uns doch ein Nietzsche freimütig das Verdienst zubilligt, daß wir durch Männer wie Moses, Jesus, Spinoza, durch Bücher wie Bibel und Psalmen und durch ein fünfzehnhiindertjähriges Martyrium für deren ethischen Inhalt uns Verdienste um die Menschheit erworben haben. Gott zu dienen, den reinen Gottesbegriff, die zehn Gebote, den Begriff einer einzigen Menschenrasse, Mitgefühl und Gerechtigkeit gegenüber den Nebenmenschen über die ganze Erde zu verbreiten und zu lehren, das war die Mission, die wir durch unsere Zerstreuung über den Erdball aufrichtig, ohne jeden politischen Hintergedanken wie andere zu erfüllen vermochten. Vor mehr als 3500 Jahren hat das Volk tler Pariarchen die schwierige Rolle des Messias zugeteilt erhalten. Mit Krone, Szepter und Unterwegs begegnete er den beiden Bäckergesellen. Sie waren des Erfolges ihres Anschlages gewiß und hofften, ein ausgiebiges Sterben in der Judengasse veranlaßt zu haben. Da sie wußten, daß in jener Nacht auch für Rabbi Low Mazzos gebacken wurden, fiel ihnen auf, daß er und sein Diener nocli am Leben waren. Als der Rabbi in ihre Nähe kam, begrüßten sie ihn mit „Gut Jontow": sie kannten die jüdischen Worte und Ausdrücke gut, weil sie bei den Juden ein- und ausgingen. Sie sahen dem Rabbi noch einige Zeit nach. Als sie ihn bei der Stadtwache eintreten sahen, fiel ihnen das zwar auf, doch konnten sie die Ursache nicht erraten. Rabbi Low atmete schwer, bevor er dem ihm begrüßenden Polizeihauptmann den Grund seines Besuches um diese Zeit zu schildern begann. In größter Erregung, sich zur Ruhe zwingend, erzählte er dem ihm mit großer Aufmerksamkeit zuhörenden Amtshauptmann den ganzen Vorfall und bat ihn um unverzügliche Einleitung einer Untersuchung. Er gab an, daß der Verdacht vorliege, daß die beiden Bäckergesellen die Verbrecher seien. Der Polizeihauptmann erklärte, er werde des Rabbi Wunsch unverzüglich erfüllen, und um der Sache mit Erfolg auf die Spur zu kommen, sich persönlich mit der Untersuchung befassen. Sprachs, zog auch schon den Mantel an und begab sich in Begleitung von einigen als sehr geschickt erprobten Polizeimeistern in die Wohnung der beiden Bäckergesellen. Rabbi Low lüngegen begab sich nach Hause, um den Seder abzuhalten. Es war bereits Mitternacht. Indessen hatten fast alle Geineindemitglieder ihren Seder beendet und kamen zu Rabbi Low, da sie hofften, von ihm nun zu erfahren, was eigentlich geschehen sei. Als der Polizeihauptmann in die Wohnung der Bäckergesellen kam, fand er sie nicht zu Hause. Kaum hatte er die Durchsuchung begonnen, als er auch schon die Schachtel Thron ward es versehen; mit einer Dornenkrone, in der seiner Tränen Edelsteine blitzten, sein Szepter war der Wanderstab wiederholter Verbannung und Heimatlosigkeit, sein Thron Jahrhunderte hindurch der Scheiterhaufen, sein Kleid in Purpur eigenen Blutes gefärbt, seine Laufbahn Selbstaufopferung, Trübsal und Herabsetzung. Wie Pharao, der Typus vom heidnischen Materialismus und Konservativismus, Moses zur Antwort gab: .,Wer ist Jahwe, der Ewige, dem ich gehorchen soll?4', so hat seither die heidnische Welt Israel geantwortet: „Was redest du uns von ewigen geistigen Dingen, von Kultur und Zivilisation, von Humanität nnd Heiligkeit, wir wissen davon nichts! Wir trachten nach Eroberungen und Waffentarten, nach Gold, Lust und Luxus, nach Krieg, Landerwerb und Macht. Laß uns aus mit geistigen Belangen!" Und so würde sie heute noch sprechen, hätte Israel durch seine 10 Gebote der Zivilisation nicht jenen großen Dienst erwiesen, menschlichen Fortschritts und menschlicher Erleuchtung. Aber sie spricht sogar noch heute: „Wer ist euer Ewüger? Wir streben nach Macht und Freuden, alles andere ist unnütz oder Heuchelei!" Das ist das Um und Auf der modernen Popular-Philosophen, wie Schopenhauer, Hartmann, Nietzsche. Nur wenige Auserwählte, eine kleine geistige Aristokratie in verschwindender Minorität, hat höhere geistige Bedürfnisse, stützt Freiheit, Fortschritt, Arbeit und Brot für alle mit ihrem Idealismus. Israel, das über die Welt zerstreute, ist es, das die Besten und Edelsten d'er Menschheit in seine Reihen einbezieht, nach dem Spruche, daß „Jophets Söhne in den Zelten Sems weilen". Denn in den semitischen Zelten haben sie die wahren Ziele des menschlichen Daseins! gelernt; Pulver fand. Er erkannte gleich, daß es Gift sei. Mehr als die Hälfte fehlte davon. Da war es dem Polizeihauptmann klar, daß die beiden Verbrecher das fehlende Gift in das für die Mazzos bestimmte Mehl geschüttet hatten. Er befahl nun zweien der ihn begleitenden Schergen, in der Stadt nach den beiden Verbrechern zu suchen. Er erklärte, das Haus nicht eher zu verlassen, bis sie dingfest gemacht seien. Es dauerte etwa eine Stunde, als die beiden Polizeileute mit den Banditen eintraten. Sie trugen bereits Fesseln an den Händen, und die Schergen berichteten, sie hätten sich ihnen widersetzt und wollten ihrer Aufforderung, ihnen zu folgen, nicht Gehorsam leisten. Nun schritt der Polizeihauptmann zu ihrem Verhör. Auf die Frage, wozu sie das Gift brauchten, wo sie es erhalten und wozu sie den fehlenden Teil verwendet hätten, gaben sie keine Antwort. Sie standen vor ihm mit starrem Blick und in gräßlicher Angst. Der Polizeihauptmann stampfte mit den Füßen und sprach zu ihnen: „Wenn ihr hier die Wahrheit eingesteht, dann wird eure Strafe eine milde sein, sonst aber droht euch! der Tod." Die beiden Gesellen schauten sich an, ohne einen Laut von sich zu geben. Da schrie sie der Polizeihauptmann an, daß es ihnen durch Mark und Bein ging. Schließlich antwortete der eine von ihnen: „Wir sind seit vielen Jahren in den Häusern der Juden heimischt Sie habeilan uns viel Gutes getan. Vor einiger Zeit ließ uns der Mönch Taddäus zu sich kommen und er spra jh zu uns: Es ist gewiß, daß die Juden euch auch heuer als Pessach-Gojim verwenden werden und ihr werdet bei ihnen beschäftigt sein. Nun, wollet ihr eine gute Tat begehen, für die euch viele dankbar sein werden? Wir sprachen: Ja, wir

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.