Mannheim
Compact Memory

Die Wahrheit · 1925-04-08 · Heft 14-15 (8.4.1925) · page 4

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Wahrheit
Volume
1925
Issue
Heft 14-15 (8.4.1925)
Date
1925-04-08
Page
– (sequence 4)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/3062972-3064022-3064036--13580-3081093
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

5 entity mentions

Seite 2 DIE WAHRHEIT 14/15 wieviel doch äim eigentlich noch zur vollen Zufriedenheit fehlt, wie vieles ihm noch von dem abgeht, was zu seinem Glücke notwendig sein und dasselbe vervollständigen könnte, so gelangt die Gesamtheit Israels gerade in der so behaglichen und erhöhten Festesstimmiung der Sederabende bei flammendem Lichtschein und periendiem Wein zur Einsicht und Erkenntnis, daß auch das wahre und echte Freiheitsideal des Judentums erst in der Zukunft liege, welcher wir von Jahr zu Jahr entgegenharren. _ Freiich, man' wirft sich nicht täglich in Gala und man denkt auch nicht fortwährend über „Freiheit" nach. Erst am Feste der Freiheit, an seinen höchsten Lichtpunkten, an den zwei ersten, an den SeJierabenden zumal, wo wir im Gesichtswinkel der Hagada uns ganz dem Erwägen und Prüfen des so dehnbaren und umfangreichen Wortes „Freiheit" hingeben, da geht uns auch dieses licht auf, da lernen wir es begreifen und verstehen^ daß der so vielgestaltige und so vielsagende Begriff der „Freiheit" im Judentum in seiner ganzen erhabenen Größe und Herrlichkeit, in seiner idealen, von Israels Propheten und Sehern, von seinen gewaltigen Predigern geschauten und verkündeten zaubervollen Macht und Kraft voll und ganz erst in der Zukunft sich auswirken und erst dann zur Geltung und zum DuTchbruche gelangen können. k Eitn bedeutender Schritt und «Fortschritt zur Verwirklichung dieses Freiheitsideals des Judentums ist nun diesmal gemacht. Unser Pessachfest ist bekanntlich an Symbolen reich. Etin großes Symbol und Zeichen für das „Pessach der Zukunft" Feuilleton iwti Die vergifteten Mazzos.*) Es war im Jahre 5344 (1584). Als Rabbi Low am Abend des Erew Pessach in der Altneu-Synagoge das Abendgebet für die Feiertage verrichtete und aus dem Gebetbuche las, sagte er anstatt umachalif es hasmanin — „er wechselt die Zeiten", umachamitz es hasmanim — „er versäuert die Zeiten", er macht die Zeiten sauer. Rabbi Low erschrak sehr über .diesen Irrtum. Halt! dachte er bei sich, da muß etwas Besonderes geschehen sein, vielleicht ein Anschlag gegen die Juden. Er unterbrach das Gebet und wendete sich an die Gemeinde mit folgenden Worten: „Ich muß das Gebet unterbrechen, ihr hingegen könnt es fortsetzen, jedoch soll niemand von euch das Gotteshaus verlassen, ehe ich die Erlaubnis dazu geben werde." Und nun wendete er sich zum alten Schames Abraham Chajira und sprach zu ihm: „Gehe in alle Synagogen, und wenn man .Borchu" (,lobet Gott, den Hochgelobten*) noch nicht gesagt hat, so sage den Betern, daß sie warten und den Feiertag noch nicht einweihen sollen. Bis ich weitere Weisungen geben werde, sollen alle in den Synagogen bleiben." Zum Golem sagte er: „Laufe schnell nach Hause und bringe mir eine Mazzoh von dien gewöhnlichen und eine von den Mazzos-Mizwah." Es vergingen einige Augenblicke, da kehrte der Golem in die Synagoge zurück und überreichte Rabbi Low zwei Mazzos. Er bekundete durch Zeichen, daß die in der rechten *) Aus „Der Prager Golem". Von Chajim Bloch. ist wohl auch jene geweihte Stätte, die der Wissenschaft am Scopus-Berge in Jerusalem gerade in diesen Tagen bereitet wurde. Diese knapp und unmittelbar unserem diesjährigen Freiheitsfeste vorausgegangene Eröffnung der hebräischien Universität zu Jerusalem ist wohl auch a'ls starkes und mächtiges Zeichen für die Entwicklung und Realisierung des FreiheitsMeales im Judenitiime zu werten. Wissen und Erkenntnis, wie sehr gehören sie doch zum Freiheitsbegriffe des Judentums! Wenn ein berühmter englischer Philosoph meint: „Wissen ist Macht", so hat unsere Mischna wohl viel früher — einen Bibelvers deutend — es ausgesprochen: „Nur der, der sich mit der Lehre beschäftigt, ist ,frei' zu nennen." Also: „Wissen macht frei." Bekannt ist die Bewunderung der Erkenntnis* die Wertschätzung und große Achtung vor dem Wissen, im Judentume. Abgesehen von den vielen stark verbreiteten diesbezüglichen Behauptungen, Meinungen und Lehrsätzen, denen wir in den Schriften unserer berühmten Religionsphilosophen des Mittelalters so oft begegnen, finden wir dieselben wohl auch häufig genug in Bibel und Talmud. Wir wollen nur einzelne wichtigere, aber besonders markante und charakteristische diesbezügliche talmudische Aussprüche hier erwähnen: „Oroß ist die Bedeutung und der Wert der Erkenntnis und des Wissens, dessen Begriff selbst in die Mitte, zwischen den zwei Gottesnamen aufgenommen und eingeschaltet ist." „Wer Wissen erworben" — ruft einmal der Talmud aus — „besitzt alles, wenn nicht, was hat er sonst denn?" „Als arm'ist nur der Unwissende anzusehen." „Wer Erkenntnis und Wissen entbehrt, der verdient eigentlich kein Mitgefühl und kein Estland die Mazzoh schel Mizwoh, Mazzoh sjh'muroh, die in der linken von den gewöhnlichen Mazzos sei. Da sprach Rabbi Low: .Esse du die eine Mazzoh." Es war die schel Mizzwoh. Und er machte dazu eine Miene, aus der kenntlich war, daß ihm die Mazzoh wohl mundete. Darauf ließ ihn Rabbi Low auch die andere Mazzoh verzehren. Kaum hatte aber der Golem diese hinuntergeschluckt, als sein Gesicht fahl wurde. Er zeigte Rabbi Low mit den Fingern, daß er Schmerzen habe. Das Gesicht Rabbi Löws wurde sehr ernst. Die versammelte Gemeinde wurde von einer großen Furcht erfüllt, denn sie konnten sich denken, daß es sich hier um eine außerordentlich wichtige Sache handeln müsse. Immer mehr verzog sich das Gesicht des Golems, "er ächzte und stöhnte, und Rabbi Low sah sich gezwungen, seine Hand auf den Leib des Golem zu legen, um die Schmerzen zu! lindern. Die Dienste des Golem waren jetzt sehr nötig. Rabbi Low erkannte, daß man ihm durch den Irrtum beim Gebete, umachamitz statt umachalif vom Himmel offenbaren wollte, daß in die für die Pessachfeiertage vorbereiteten Mazzos Gift gemischt sei. Die Gemeindevorsteher bestürmten ihn mit Fragen. Aber er gab keinen Aufschluß, sondern sprach zu der zu Tode erschrockenen Gemeinde: „Seid nur getrost, Brüder, Gottes Hilfe kommt in einem Augenblicke, I'schuas Haschern k'herei ojin, und er wird euch in seiner Gnade vor dem Untergange schützen." Die Gemeinde nahm an, daß es sich wieder um eine falsche Anklage handle. Rabbi Low sprach nun zum Schames Abraham Chajim: Gehe in alle Synagogen und verkünde in meinem Namen, daß jene Mazzos, die in Prag gebacken wurden (man pflegte nämlich auch von den umliegenden Gemeinden Mazzos nach

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.