Mannheim
Compact Memory

Die Wahrheit · 1925-04-08 · Heft 14-15 (8.4.1925) · page 3

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Wahrheit
Volume
1925
Issue
Heft 14-15 (8.4.1925)
Date
1925-04-08
Page
– (sequence 3)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/3062972-3064022-3064036--13579-3081092
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

DIE WAHRHEIT DeutschOsfOTticliisclie Wochenschrift Iflr indische Interessen HU dem DelMatt: Yeröffentudranften der „Union deutschtisterreichisciier Juttar Redaktion und Administration: Wien n.. H«Min M. - Farnraff 42-2-1« XLI. Jahrgang Wien, 8. April 1925 Nummer 14/15 Die heutige Doppelnummer unseres Blattes ist 28 Seiten stark. Die nächste Nummer erscheint infolge der Pessadi - Feiertage Freitag, den 24. April. Das Fest der Freiheit. Eine Betrachtung zum Pessachfeste. Von Rubb. ür. M. G. M e Ii r e r. Wieder feiern wir Juden unser altes Pessachfest, das Fest der Freiheit. „Achte auf den Frühliugsmonat, bereite das Pessachtest dem Ewigen, deinem Gotte." In der herrlichen Jahreszeit, wo die Natur nach langem Winterschlafe zu neuem Leben erwacht, wo draußen in Feld und Flur alles sproßt, grünt und blüht, da begeht auch Israel sein altes Frühlingsfest, das an den Auszug an Aegypten mahnen und erinnern, das auf die einst nach Jahrhunderten der Sklaverei in Mizraim durch die göttliche Hilfe wiedererlangte Freiheit hinweisen will. Alljährlich nun, da diese schöne Jahreszeit naht, rüsten wir zur großen Pessachfeier. Seit Tagen und Wochen werden da int jüdischen Hause Vorbereitungen getroffen, den großen Gast würdig zu empfangen. Mehr als irgendwelches unserer Feste macht sich das Pessachtest im Hause fühlbar. MuO Joch alles „Gesäuerte" rechtzeitig aus demselben entfernt und beseitigt werden, damit daselbst „der Chomez ja nicht gesehen und gefunden werde". Rechtzeitig wird auch für den Pessach Sorge getragen. Alles für denselben Notwendige wird vor den Feiertagen eingekauft und besorgt. Allem voran die Mazzot und die andern für das Fest notwendigen Lebensmittel. Ihres Amtes waltet da die umsichtige und ihre häuslichen und wirtschaftlichen Pflichten kennende jüdische Hausfrau. Sorgsam und achtsam bereitet sie den „Seder" vor. Kennt sie doch ihre ihr von unserer Religion zugewiesene Aufgabe, besonders im Haus und im Heime den Dienst des Priesters zu versehen, Licht und Leben zu verbreiten, Frieden und Zufriedenheit zu spenden und zu stiften. Auch für die seit jeher so weihevollen ersten Pessachabende deckt sie Jen Tisch, zündet Tie Kerzen an. Zum „Seder" setzen sich Hausherr. Familienmitglieder1 und Tischgenossen. Nach dem „Kidusch" und Segensspruch über dem Wein wird mit der Erzählung der alten, doch nicht veralteten. inhaltsreichen und vielsagenden ..Hagada" begonnen. Was ist doch nicht alles in dieser Erzählung vom Auszug ans Aegypten enthalten? Leben und Tod, Krieg und Sieg, Erniedrigung und Erhebung. Süßes und Bitteres, Lasten und Plagen, Unterjochung und Befreiimg, Kummer und Not. Knechtschaft und Freiheit, Jauchzen und Freude. Wunder und Märchen (Chad Gadiah), Wirklichkeit und Phantasie, Fragen und Antworten. In dem kleinen Buche der „Hagada" geht es zu wie im großen Buche des Lebens. Da erscheinen die einzelnen Vertreter der so manniig- und verschiedenfach gearteten Menschen. Da fragt nicht nur das Kind, da kommen mit ihren Fragen auch schon die Erwachsenen: der „Weise" und der „Böse", der „Ehrliche" wie auch jener, „der überhaupt nicht zu fragen weiß". Und wie Vieles läßt sich doch aius diesem kleinen „Hagada-Buche" herauslesen? Aber siehe da, kaum hat man beim „Seder" aus diesem Büchlein zu lesen begonnen, kaum ist sem erster Satz mit dem Hinweis auf das „Brot des Elends", das unsere Ahnen einst in Aegypten gegessen, verklungen, da heißt es schon: „Diesmal noch hier, im kommenden Jahre im Lande Israels, diesmal noch Knechte, im künftigen Jahre freie Menschen." Gleich zu Anfang der „Hagada" und zu Beginn seines Freiheitsfestes sieht also der Jude, daß er lange noch nicht die eigentliche Freiheit erlangt, daß lange noch nicht das Ziel, die Sehnsucht und das Hoffen! erreicht, und daß die eigentliche Freiheit, das große und so erstrebenswerte Ideal des Judentums erst „im kommenden Jahre", also in der Zukunft verwirklicht werden und in Erfüllung gehen sc!!. Gerade da, nach Vollendung aller so schwierigen und gründlichen Ordnungen und Vorbereitungen für das „Pessachtest", da wo der ganze ..Pessach" schon unter Dach und Fach ist und' nun das so sehr herbeigesehnte Fest der Freiheit einsetzen und seinen Anfang nehmen soll, da kommt uns zum Bewußtsein und da werden wir uns erst recht inne, wieviel doch noch zur „Freiheit" fehlt, da zittert in Ost und West, in Nord und Süd, überall dort, wo Israel zerstreut und verbreitet ist, die Hoffnung auf Freiheit durch; da wird überall, wo unsere Stammes- und Volksgenossen wohnen, überall dort, wo Pessach und Seder gefeiert wird, der Ruf vernehmbar: „Künftighin im Lande Israels, künftiglrn freie Menschen!" Wie jeder einzelne, dem so mancher von seinen Wünschen bereits in Erfüllung gegangen, nachher aber, bei ruhiger Betrachtung, beim st'llen Denken und Sinnen erst gewahr wird.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.