Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1925
- Issue
- Heft 13 (3.4.1925)
- Date
- 1925-04-03
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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MMUUMtltMtlMHlMtMlfMHMMMlIMUlMMMMtlUtMlliUfl Veröffentlichungen | B~4| der : Postsparkassen - Konto j „Union deutschösterreichischer Juden" j Teleph^ mmmmmmmmmmmmmmmmmmmmmmmmmmmmmmmmmummmmmmmumm»mmmmmmmmmmmP^»^<^'^^mmmmmammmmmmmmmmmm»mmmmmmmuumuumummumummmmmmmummmmmmmmmmmmmmmmmmmmm^ammmmmmm»i Nochmals Bettauer. Fast hätten wir geglaubt, über die traurige Affäre schweigen zu dürfen, bis sie vor den Schranken des Gerichtes aktenmäßig aufgerollt würde, bis der Mörder vor der Geschworenenbank erscheint, um dort nach durchgeführter Verhandlung sein Urteil entgegenzunehmen. Wir hofften auch, daß das Opfer der Missetat vom 10. März, Hugo Bettauer, nach teilweiser Wiedererlangung seiner physischen und geistigen Fähigkeiten vor die Richter treten und seine Angaben machen werde. Die Untersuchung gegen Rothstock nahm ihren ordentlichen Verlauf, während sich die Aerzte bemühten, dem schwerverletzten Bettauer auf die Füße zu helfen. Doch unser Vorhaben wurde zunichte. Wir sehen uns neuerdings in die Lage versetzt, zu der schaurigen Begebenheit das Wort ergreifen zu müssen. Zwei wichtige Momente erscheinen uns dafür maßgebend. Der Tod Bettauers und die unflätige Art, in der die bekannte Brut den traurigen Vorfall dazu benützt, auf die Juden loszuschlagen, nicht nur ihre Gedankenwelt mit der Bettauers zu identifizieren, sondern auch — man höre und staune — für das Verbrechen Rothstocks die deutschösterreichischen Juden verantwortlich zu machen! Wir haben unseren Standpunkt gegenüber dem Schrifttum Bettauers bereits in einer früheren Arbeit an dieser Stelle klargelegt und halten nach wie vor daran fest: Die Schreibweise Bettauers, die Form, in der er seine Gedanken über das Sexualleben kleidete, entspricht keineswegs unseren Anschauungen und unserem Geschmack. Doch steht weder uns noch anderen das Recht zu, anders als mit wörtlicher Kritik unsere Meinung über die betreffenden Arbeiten des Schriftstellers zum Ausdruck zubringen. Die Kritik haben wir unterlassen, weil wir uns mit anderen Dingen zu beschäftigen haben.» als Aufsätze über Erotik und dergleichen zu studieren. Wenn Wir nichts anderes zu tun hätten, als Ausschau nach unmoralischen Vorkommnissen zu halten, müßten wir in erster Linie unsere Blicke nach jener Seite wenden, die ihrem Wesen nach sich unmoralischer als jede erotische Exkursion gebärdet. Und das zeigen die Herren Hakenkreuzler in jedem Augenblicke. Doch, wie gesagt, wir befassen uns nicht mit Erscheinungen dieser Art, haben also auch in Bezug auf die Artikel Bettauers nichts anderes zu sagen, als was wir eben bekundet hatten. Das soll hier betont sein, ehe wir zum Tenor unserer heutigen Zeilen kommen. Bettauer ist tot. Von menschlicher Seite wird jeder kulturell Gebildete diesen Heimgang des zweifellos talentierten Schriftstellers ebenso bedauern, wie das Attentat, das auf ihn verübt wurde und ihm die tödlichen Verletzungen beigebracht hat. Darüber kann es keine andere Meinung geben. Es sei denn, man ist Hakenkreuzler und das bedeutet, alles wie die Harpyen zu besudeln, wenn es Juden oder Judenstämmlinge berührt. Diese Meute hat in ihren Geiferorganen den Tod Bettauers schon längst eskomptiert. Sie ist über das verlorene, von einem ihrer hochedlen Gesinnungsgenossen geraubte Leben des Unglücklichen hinweggegangen. Aber nicht stillgestanden bei der Tatsache selbst. Im Gegenteil. Für das letzte Lebenswerk Bettauers machen diese Leute bei dem Tiefstand ihrer Auffassung und der blutiger Tendenz ihres Gebarens das gesamte Judentum Deutschösterreichs verantwortlich! In hirnverbrannten Artikeln fallen sie über die Juden her, zeihen sie der gräßüchsten Unmoral und kommen auf dem ebenso lügnerischen wie geistlosen Lehrsatz zurück, die Mentalität aller Juden, hier also speziell derer Deoitschösterreichs, stimme genau mit der Bettauers überein. Wir könnten einer solchen Schamlosigkeit mit einem kühlen Generalprotest begegnen. Doch finden wir es nicht der Mühe wert, auf solche infame Entgleisungen einer niedrigen Denkungsweise zu erwidern. Die jüdische Moral ist eine überaus hohe, sie gipfelt in tausend und abertausend von unseren Weisen für alle Zeiten niedergelegten Glaubenssätzen, die in ihrer Erhabenheit auch für andere Völker als die Jluden richtunggebend sein sollten. An diese Höhe reicht kein Gekläff einer wilden Clique hinan. Aber sagen müssen wir es ihnen doch: Die Mittel, welche diese Hetzbrüder aus dem Auslande für ihre blutrünstige Tätigkeit beziehen, wären wohl für andere Zwecke viel besser angewendet als zu den niederträchtigen Ausfällen auf die Juden. Wir geben zu, daß das Geschäft der Judenhetze ein ganz einträgliches ist. Das weiß man in Wien und in der Provinz nur allzu gut. Die Schmutzgeschichten sind ja notorisch. Das bedarf keiner näheren Beleuchtung. Es lebt sich ja außerordentlich fein für fremdes Geld, man leistet eben dafür mit Stinkbomben, was man zu leisten vermag. Je ärger und gemeiner diese Agilität, desto mehr trägt sie im baren. Nun, wer diese Trinkgeldknechte um solchen Verdienst beneidet, der kann höchstens ein Genosse Rothstocks und Bergmeisters sein. Und aus dieser Tatsache läßt sich auch der Wert der antisemitischen Ausfühnuingen gegen die Juden abmessen. Und dahin sind auch die neuen Angriffe dieser Dunkelmänner auf die Juden anläßlich der Affäre Bettauer zu registrieren. Wir hätten, wie gesagt, nicht mehr darauf reagiert, wenn diese Buschklepper nicht wieder über uns Juden so besinnungslos hergefallen wären. Wenn es Verderber der Jiugend gibt, dann sind es sie selbst, die Völkischen usw., und sie allein. Und sie werden früher oder später die Frucht ihrer verächtlichen Saat am eigenen Leibe zu fühlen bekommen. Das ist unausbleiblich. Die Zeit ist mächtiger als alle Schandartikel. So viel für diesmal. Nach der Verhandlung über Rothstock treffen wir uns wieder. P h i 1 i pp L e o n.