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Die Wahrheit · 1925-04-03 · Heft 13 (3.4.1925) · page 4

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1925
Issue
Heft 13 (3.4.1925)
Date
1925-04-03
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Seite 2 DIE WAHRHEIT Nr. 13 Jerusalem soll ja nicht allein ein Bildungsinstitut für Erez Israel werden, sondern eine Forschungsstätte, ein Brennpunkt reinster Wissenschaftlichkeit, edelster Geistigkeit, höchster Freiheft und vornehmster Gesinnung für alle Bildungsstrebenden. An ihr soll sich bewahrheiten das Wort unserer Lehrer, die im Anschlüsse an das Wort des Bileam:8) Wie schön sind deine Zelte Jakob, deine Wohnungen Israel, wie Bachtäler, die sich weithin erstrecken, sagen: wie die Wasser der Bäche den Menschen von Unreinheit in Reinheit wandeln, so säubern auch die Gottesstätten und die Lehrhäuser von der Unreinheit und schaffen Reinheit.9) Denn, daß die derzeitigen Universitäten vielfach nicht mehr eine „Gralsburg reiner Wissenschaft" sind10), darf heute ruhig gesagt werden. Wohl gab es eine Zeit, wo wie ein hervorragender Lehrer einer deutschen Universität erst vor kurzem sagte,11) die Ritter der Universität ihr Leben ausschließlich der freien Forschung gewidmet haben, unbekümmert um den praktischen Nutzen, der daraus für die Technik oder auch für sie selbst erwachsen sein mag, wohl aber in dem stolzen Bewußtsein, daß Wissen Macht ist und dadurch ihre Arbeit immer auch der Gesamtheit zugute kommt. Diese Gestaltung der Universität, die, wie betont wird, aus der deutschen Auffassung des Liberalismus und des Freiheitsbegriffes erwachsen ist, ist leider an vielen ausländischen Universitäten verloren gegangen. Denn sonst wäre es doch unmöglich, daß der jeder Kultur hohnsprechende, das _______ i 8) Num. 24, 5—6 a. 9) Jalkut zu Num. a. a. O. 10) Vgl. Becker, C. fl, Vom Wesen der deutschen Universität, Leipzig 1924, Quelle & Meyer. ") Becker a. a. O. klassische Wissenschaftsideal zertrümmernde Numerus clausus dort hätte eingeführt werden können! Glauben aber diese Männer wirklich, daß sie dadurch das geistige Streben der jüdischen Jugend brechen werden? Wie anders standen doch die Universitäten da, als sie ihre Pforten jedem Lernbegierigen in liberalster Weise öffneten! Und welche Freude kann es noch für einen wahrhaft geistigen Ritter, einen Wissenschaftsidealisten geben, wenn ihm die -Atmosphäre allgemeiner Mitteilsamkeit fehlt, wenn er flicht in allen Lernbegierigen, die ihn hören wollen, den motorischen Antrieb ausüben kann? Hat doch erst vor kurzen wieder einer der hervorragendsten Historiker unserer Zeit sich dahin geäußert:12) die spezifisch deutsche Auffassung, die sich in dieser Form zugleich Lehrer sein soll, daß er die sittliche Pflicht hat, das, was er selbst erarbeitet hat, zugleich lehrend weiterzugeben, einen Nachwuchs heranzubilden, und so unmittelbar in den Dienst der Gesamtheit zu treten. Ja, in den Dienst der Gesamtheit zu treten! Diese Auffassung entspricht auch dem Geiste des Judentums, dem Bildungsideale unserer großen Lehrer! Denn auch sie sagen:13) Wer Wissen besitzt und es nicht weiter lehrt, gleicht einer Myrthe in der Wüste, von der keiner einen Genuß oder eine Freude hat. Oder: es gibt nichts Nichtigeres, als wenn jemand gelernt hat und es nicht weiter lehrt.14). Aber sie sagen auch: wer lernt, muß mit Begeisterung, mit dem Herzen lernen75) und es ist sicherlich ein Zeichen des 12) Eduard Meyer in der Deutschen Literaturzeitutig, Jahrg. 1925, S. 57 ff. aus Anlaß der Besprechung des Buches von Becker. 13) b. Rosch ha — Schanah, S. 23 a. 14) j Midr. Debharim rab., Par. 2. 15) Midr. Koheleth rab. zu 1, 7. Die Jadenfrage im faszistischen Italien. Die nachstehenden Ausführungen sind dem soeben im Verlage Meyer und Jessen, München, erschienenen Werke „Sozialismus und Faszismus in Italien" von Robert Michel entnommen. Prof. Michel, der bekannte Soziologe, hat während seiner langjährigen Lehrtätigkeit an der Fiumer Universität Gelegenheit gehabt, Italien gründlich kennenzulernen. Er war daher der berufene Mann, objektiv eine Darstellung der geistig-politischen Strömung Italiens zu geben. In zwei Bänden hat er Sozialismus, Imperialismus, Bolschewismus und Faszismus in ihren geistigen Wurzeln dargestellt und so einen wertvollen Beitrag zur Geistesgeschichte des 20. Jahrhundert geliefert. Das folgende Kapitel ist der zweite Abschnitt aus den „Problemen und Programmpunkten, des Faszismus". Das Vorhandensein zahlreicher jüdischer Elemente im italienischen Sozialismus, aber auch die gleiche Erscheinung in den Banken, Aemtern und in der italienischen Zentralregierung veranlaßte im faszistischen Lager die Entstehung einer besonderen antisemitischen Strömung. Bisher hatte Italien zu den wenigen Ländern Europas gezählt, in welchen der Judenhaß auf einige aristokratische Salons beschränkt geblieben war, sich aber nie an das Licht des öffentlichen Lebens gewagt hatte. Nun nach dem Weltkrieg wurde das anders. Es wurde zur Gründung antisemitischer Zeitungen geschritten, unter denen zumal die fascistische Monatsschrift „La Vita Italiana", die Giovanni Preziosi in Rom herausgibt, sowie die bedeutende „Rivista di Milano" genannt sein mögen. Diese begannen alsbald den Juden auf den Leib zoi rücken. Die kürzlich erschienenen Arbeiten eines objektiven, eher philosemitisch gerichteten italienischen Gelehrten, Livio Livi*), mehr aber noch die (freilich weniger zuverlässigen) Berichte von Preziosi hatten die außerordentlich hohe Teilnahme der italienischen Juden an den vornehmsten Aemtern des Staates, an den Universitäten usw. zahlenmäßig feststellen wollen (Preziosi will gezählt haben: 48 Konsuln und Diplomaten, 24 Senatoren, 35 Abgeordnete, 846 Professoren an Hoch- und Mittelschulen, bei einer jüdischen Bevölkerung von etwa 50.000 Seelen.**) Demgegenüber begannen nun die Antisemiten den „Proporz" zu fordern. Wie Gel schwimme die internationale Judenheit auf den Gewässern der Christenheit. Gegen die Juden fühlte man sich mitunter selbst mit den Deutschen eins. Während sonst deutsche Schriftsteller in der politischen Literatur Italiens noch nicht zum Wort *) Livio Livi: Gli Ebrei alla Luce della Statistica, Firenze. 1921. Valecchi, p. 231 ffl. **) Giovanni Preziosi: Gli Ebrei nelle amministrazioni dello Stato Italiano, in der Vita Italiana, V,. Heft 116 (Aug. 1922) p. 106.

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