Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1925
- Issue
- Heft 13 (3.4.1925)
- Date
- 1925-04-03
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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DIE WAHRHEIT Deutschteterrelclüsclie Wochenschrift für indische Interessen IDI dem Beiblatt: YeröflentlKtiunßeii der „Union deutschösterrekhlscher Juden* Heäaktion und Administration - Wien HL, HelnesiroOe M. - Fernruf 42-2-18 XLI. Jahrgang Wien, 3. April 1925 Nummer 13 Die hebräische Universität zu Jerusalem. Festrede, gehalten im israelitischen Tempel zu Graz am 27. März 1925. Von Univ.-Dozent Dr. David Herzog, Landesrabbiner in Graz. Denn ich will Wasser ausgießen auf Durstige und rieselnde Bäche auf trockenes Land; ich will meinen Geist ausgießen auf deine Nachkommen und meinen Segen auf Schößlinge. (Jes. 44, 3.) Wir stehen vor einem für uns Juden hochbedeutsamen geschichtlichen Ereignisse. Denn in einigen Tagen soll vom Vertreter des Völkerbundes, in dem ja der Gesamtwille fast der ganzen Menschheit verkörpert ist,1) die hebräische Universität in Jerusalem in feierlichster Weise eröffnet und dem jüdischen Volke übergeben werden. Was das für uns Juden bedeutet, wird man am besten aus der Gegensätzlichkeit, ja Gehässigkeit erkennen, mit der die nichtjüdische Bevölkerung Palästinas diesen feierlichen Akt beigelegt. Nun, ich will bekennen, daß auch ich, als ich vor mehreren Jahren schon von dem Projekte der Schaffung einer hebräischen Universität in Jerusalem gehört habe, nicht wenig über diese Absichten erstaunt war. Nicht etwa, ich brauche das doch wohl nicht erst zu betonen, aus Gegensätzlichkeit für diese Idee — sagte doch selbst Bileam, so lange es israelitische Studenten gibt, Israel unverwüstlich sei2), auch nicht deswegen, weil ich Zweifel über die Aufbringung auserlesener Lehrkräfte und der nötigen Mittel hatte, sondern weil ich meinte, daß wir uns zunächst an das Wort des R. Jehuda bar Simon zu halten hätten, der uns im Anschlüsse an das Bibelwort: dem Ewigen sollt ihr folgen3), folgendes übermittelt: Wie, ist es denn überhaupt möglich, daß ein irdisches Wesen Gott folge? Allein, damit, sagt er, ist folgendes gemeint: Wie Gott am Beginne der Schöpfung Idamit ber schäftigt war, den Boden zu bepflanzen, wie geschrieben steht:4) und das göttliche Wesen pflanzte einen Garten in Eden, so sollt auch ihr, wenn ihr in das verheißene Land kommt euch zunächst mit nichts anderem als mit der Bepflanzung des Bodens *) So Balfour in seiner Rede inj Teil Abhibh: Die Balfour- Erklärung verkörpere nicht die Haltung einer Person oder einer Nation, sondern die Gemeinschaft der internationalen Meinung, die den Versailler Vertrag unterzeichnet habe. Es sei nicht wahrscheinlich, daß sie je umgestoßen werde. Vgl. „Neue Freie Presse", Abendblatt, vom 27. März 1925. 2) Midr. Genesis rabbah, Par. 65, Ed. Warschau 1867, S. 74 a. 3) Deuteronomium 13, 5. 4) Gen. 2, 8. beschäftigen, wie eingeschrieben steht5): So ihr In das Land kommet, sollt ihr bepflanzen.6) Und in der Tat kann es doch keinen Zweifel darüber geben, daß der Etablierung einer Hochschule als Grundlage die Besiedlung des Landes mit einer genügenden Zahl vcn Bewohnern, die Kultivierung des Bodens und die Schanung von Industrie und Gewerbe vorangehen müssen, weil sie ja sonst m der Luft schweben müßte und keine Resonanz im Lande haben könnte. Wenn nun trotzdem die führenden und ausgezeichneten Männer der Judenheit die Schaffung der Universität im Einvernehmen mit den Kulturvölkern schon jetzt als unerläßlich in die Wege leiteten, dann haben gewiß zwingende Gründe sie dazu veranlaßt! Sie können ja allerdings auch auf ein geschichtliches Vorbild hinweisen, das sie ohne Zweifel ernrniitigt haben wird. Als nämlich im Jahre 70 n. d. g. Z. Titus vor den Toren Jerusalems stand und der Römer die Feuerfackel ins Heiligtum warf und Juda gebrochen und zerschmettert vor der Vernichtung stand, da — so wird uns erzählt7) — ließ Rabbi Jochanan ben Sakkai, der jüngste und begabteste Schüler Hillels, sich in einem Sarge aus der Stadt bringen, denn kein Lebender durfte beim Argwohn der Zeloten und dem Hasse der Römer die Stadt verlassen, um von Titus eine Bitte zu begehren. Titus fragte nach seinem Begehr und R. Jochanan bat: Ten Ii Jabne, gestatte mir in Jamnia, einer Stadt unweit der Küste des mittelländischen Meeres, zwischen Joppe und Asdod, ein Lehrhaus gründen zu dürfen. Titus willigte in diese ihn ja als nichtig erscheinende Bitte ein, ja, er mochte über die Bedeutungslosigkeit dieses Begehrs im Innern gelacht haben. Und doch war diese Bitte kein Leerlauf! Denn vom Lehrhause in Jamnia ergoß sich eine ungeahnte Macht, eine Kraftquelle über das Judentum, welche noch heute von ihrer Stärke nichts eingebüßt hat. Ja, von dort aus eröffnete sich den Juden eine Stahlbad, welches sie alle Hindernisse, alle Not und allen Jammer überwinden ließ. So glauben auch die heutigen Männer und mit ihnen glauben nun auch wir, daß tatsächlich von diesem geistigen Zentrum aus nicht allein eine das heilige Land befruchtende Kraft, eine Quelle seelischer und geistiger Werte ausströmen wird, sondern daß dadurch auch das Galüthjudentum eine Neubelebung erfahren wird. Denn die Universität in 5) Lev. 19, 23. 6) Midr. Wajikra rab., Par 25. 7) Aboth di R. Natan, Kap. 4; Midr. Koh. rab. Ed. Frankfurt, S. 64; b. Gittin, S. 56; Grätz, Geschichte usw., B. 43, Lpz. 1893, S. 13 u. Schürer, Geschichte d. jüd. Volkes, B. I3, S. 658. Vgl. auch Josephus, Bell. jüd. 111, 8.