Mannheim
Compact Memory

Die Wahrheit · 1925-03-27 · Heft 12 (27.3.1925) · page 11

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Wahrheit
Volume
1925
Issue
Heft 12 (27.3.1925)
Date
1925-03-27
Page
– (sequence 11)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/3062972-3064022-3064034--13553-3081064
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

EKB WAHRHEIT Sit» 9 Wahrheiten vom Tage Bayreuth. Im Berliner „8 - Uhr - Abendblatt" schreibt Dr. Bruno Weil über Bayreuth; wir entnehmen diesem Aufsatze, der uns eine erfreuliche Klärung dieser Frage zu bedeuten scheint, folgende wesentlichen Teile: Das große Kulturzentrum Bayreuth. Nach Richard Wagners Willen eine Stätte reinster, Kunst, edelster Menschlichkeit, ein Ort, hoch erhaben über dem Getriebe des Alltags. Aber im vergangenen Sommer, als nach zehnjährigem Schlaf die Fanfarentönej zum erstenmal wieder vom Söller des Festspielhauses klangen, ertönten in Bayreuth häßliche Melodien: Dollarspenden an Ludendorff; Hakenkreuze, die selbst Wahnfried beschmierten; völkisch antisemitische Lieder scheußlichster Observanz, in den Gassen verteilt und in öffentlichen Lokalen gesungen; ein Festspielführer, der sich (im übrigen zu Unrecht) als offiziell bezeichnete, aber ganz im Stil völkischer Streitschriften abgefaßt, Richard Wagners Leben historisch verfälschte und den Meister zum völkischen Gralsrichter zu schlagen versuchte, — im ganzen eine Atmosphäre, die allen Festspielbesuchern peinlich erscheinen mußte, soweit sie nicht als Sendboten einseitig-politischer Einstellung kamen. S iegfried Wagner hat sich durchaus dagegen verwahrt, daß diese Dinge ihm zur Last zu legen seien. In einem Briefwechsel, der seit dem Ende der Festspiele herüber und hinüber geht, hat er seinen reinen Willen, seine unpolitische Einstellung und* seine Vorurteilslosigkeit immer erneut betont und in dem folgenden, an den Verfasser dieser Zeilen gerichteten Schreiben sein Programm für die kommenden Festspiele niedergelegt: „Es liegt mir sehr am Herzen, daß die diesjährigen wie alle kommenden Festspiele in Bayreuth losgelöst von jeder Tagespolitik stattfinden, und daß sie im Geiste der Stifter lediglich dem hehren Zwecke der Kunst zu dienen bestimmt bleiben. Von meiner Seite aus ist alles geschehen, um sicherzustellen, daß die Beyreuther Tage frei von jedem politischen Einschlag bleiben, und es wird jeder, welchen Glaubens und welcher Abstammung er auch sei, in Bayreuth willkommen sein, der dort Erbauung und Erhebung finden will. Niemand braucht zu besorgen, daß irgendwelche Vorfälle unangenehmer Art sich abspielen. Sagen Sie das all Ihren Freunden und verwenden Sie diese meine Erklärung in der Weise, die Ihnen geeignet erscheint, um die Anteilnahme all derjenigen, denen Bayreuth am Herzen liegt, zu erhöhen und erneut zu wecken. Gerade in den Zeiten der Not des deutschen Vaterlandes ist es erforderlich, daß alle gut gesinnten und wahrhaften Patrioten sich, frei von jedem Parteigeist, in der Pflege deutscher Kulturgüter zusammenfinden." Diese klaren Worte werden alle, für dlej Bayreuth noch etwas bedeutet, begrüßen. Sie alle wollen sich gern der Hoffnung hingeben, daß Siegfried Wagner, selbst wenn sich in seiner weiteren oder näheren Umgebung Widerstände gegen die von ihm vertretene Gesinnung breitmachen sollten, Manns genug sein wird, sein Programm auch zu verwirklichen. Dann werden aus allen deutschen Landen, und überall dort, wo Richard Wagners Kunst heute wie vor Jahrzehnten gefeiert wird, die Menschen in höchster Begeisterung wieder zum Festspielhügel fahren können. Dann wird ein großes deutsches Kulturzentrum, von völkischer Schlacke befreit, wieder den großen Idealen der Humanität, der reinen Kunst und der wahren Vaterlandsliebe dienen dürfen. Auch dies ein willkommenes Vorzeichen, daß die stürmischen Wasser sich wieder zu verlaufen beginnen und der Strom gesunden Menschenverstandes sein Bett wiederfindet. Der Zersetzungsprozeß im nationalsozialistischen Lager. So überschreibt das Kärntner Organ der Großdeutschen, „Die freien Stimmen", einen Artikel über" die Zustände im Deutschen Reiche. „Vor kurzem haben wir", so konnte man da lesen, „die Nachricht gebracht, daß - sich General Ludendorff von der nationalsozialistischen Partei getrennt habe." Ueber den Gegensatz zwischen Hitler und Ludendorf i, der zum offenen Bruch geführt hat, wird ein Artikel der „Fränkischen Tagespost" abgedruckt. Dieser spricht von „Unüberbrückbarkeit der Meinungsverschiedenheiten der beiden nationalsozialistischen Führer". Und der Schlußsatz hat folgenden Wortlaut: „Man weiß also wirklich nicht, besteht die nationalsozialistische Partei noch oder nicht mehr, Wenn es so weiter geht, wird es bald niemand mehr wissen, auch Hitler nicht. Und der Chronist wird mit dem alten Stüdentenliede sagen können: Vergebens spähe ich umher, ich finde deine Spur nicht mehr . . .!" Eine beherzigenswerte Anregung. In Nr. 10. vom 13. d. M. fand sich unter obigem Titel eine Aufforderung, die Kriegstoten zu ehren. Dazu erfahren wir, daß der israelitische Humanitätsverein im 10. Bezirke Wiens im Tempel des 10. Bezirkes schon im Jahre 1923 eine sehr schöne Marmortafel mit den Namen aller Gefallenen des 10. Bezirkes angebracht und mit einer würdigen Feier enthüllt hat. Mädchenhandel. Im Berliner „Deutschen Tageblatt" von Reinhold Wulle ist eine Mitteilung aus Meran zu lesen. Der Meraner Korrespondent des Antisemitenblattes schreibt: „Im ,Giörno' wird ein Bericht des Schleswigschen Roten Kreuzes abgedruckt, demzufolge im vergangenen Jahre 3700 deutsche Jungfrauen im Alter von 16 bis 18 Jahren und viele junge Frauen durch nachweislich meist jüdische Händler nach Uebersee, besonders nach New-York, San Franzisco und Südamerika verschleppt wurden." Daß Mädchen- und Frauenhandel auch in Deutschland vorhanden ist, kann leider nicht bestritten werden; daß solcher Handel zu den niederträchtigsten Verbrechen gehört, die est gibt, ist gleichfalls eine Wahrheit, über die iede Erörterung überflüssig ist: aber auch die Verlogenheit gehört nicht zu den nationalen Tugenden und systematische Verhetzung verdient auch keine Verherrlichung. Und nun muß man doch fragen, wenn der „Giorno" in Italien eine Mitteilung aus einem Berichte des „Schleswigschen Roten Kreuzes" übernimmt, und wenn dann das „Deutsche Tagebiatt" des Herrn Wulle aus Meran diese Nachricht wiederum nach Berlin zurückgelangen läßt, so ist über eine solche Rundreise von den Gestaden der Nordsee über die Apenninenhalbinsel nach Berlin zunächst schon einiges Kopfschütteln nicht ganz ungerechtfertigt. Man sollte annehmen, daß diese Italienfahrt der Nachricht, um alsdann nach Berlin zu gelangen, als einigermaßen verwunderlich betrachtet werden kann. Im allgemeinen pflegt man in Berlin Nachrichten aus Schleswig nicht gerade über Italien zu erhalten. Aber immerhin . . . vielleicht ist dieser Vorgang eine Vorbereitung dafür, daß nächstens westindische Bananen über Hammerfest nach Berlin expediert werden. Bedenklicher erscheint hingegen dieses: Das „Rote Kreuz" in Schleswig behauptet angeblich, daß ,^700 deutsche Jungfrauen im Alter von 16 bis 18 Jahren und viele junge Frauen durch nachweislich meist jüdische Händler" ihrer niederträchtigen Bestimmung in Uebersee zugeführt worden sind. Also das „Rote Kreuz" hat, wie hier behauptet wird, diese Transporte zählen lassen können: es hat feststellen lassen können, daß diese Mädchenhändler „nachweislich" „meist" Juden waren, und es war so unerklärlich — weitherzig, nicht unmittelbar die Polizei zu alarmieren, und diese Menschenhändler mit ihrer „Ware" verhaften zu lassen. Das „Rote Kreuz" wenigstens besteht nicht nur aus Juden, und wenn Juden und Christen so handelten, wie hier das „Rote Kreuz" angeblich gehandelt haben soll, so verdiente diese hochgeachtete humane Vereinigung die allgemeinste Verachtung. Also dieser märchenhafte Meraner Bericht ist eine ungeheuerliche Verunglimpfung nicht nur der Juden, sondern, auch des „Deutschen Roten Kreuzes", und so kann man wohl annehmen, daß die Korrektkeit der Angaben — den üblichen antisemitischen Angaben entsprechend — eine Wandlung erfahren haben dürfte. mfl Was man uns schreibt Ii! Zweierlei Maß. Wir erhielten vor einiger Zeit folgende Zuschrift, die wir wegen Einholung von Informationen in dieser Angelegenheit erst heute publizieren, können: ,>Sehr geehrte Redaktion! Ich bin seit einigen Jahren ein eifriger Leser Ihrer werten Zeitschrift, und wenn ich nachstehende Zeilen an Sie richte, so verfolge ich nur den Zweck, Ihre geschätzte Meinung darüber zu hören. Mein Vater, ein Kaufmann am hiesigen Platz, zahlt laut Steuervorschreibung der israelitischen Kultusgemeinde 3,200.000 K für diese Zeit der kolossalen Geldknappheit, man mag darüber denken wie man will, immerhin ein Betrag. Nun hat mein Vater in der Nähe Wiens ein Landhaus, welches wir für die Sommermonate Juni bis Mitte September bewohnen, ein Umstand, welcher die Kultusgemeinde dieses Sprengeis veranlaßte, meinem Vater ebenfalls eine Steuervorschreibung zu diktieren; voriges Jahr beliebte besagte Kultusgemeinde, meinem Vater 5,000.000 K

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.