Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1925
- Issue
- Heft 12 (27.3.1925)
- Date
- 1925-03-27
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 12 die wAmrnn Preisausschreibung schließlich mehr als eine Geschmacklosigkeit, ja geradezu einen „Unfug" erblickt, dessen Vereitlung sehr wünschenswert gewesen wäre. Offenbar vermutet die „Reichspost", die Preisausschreiber seien so eine Art Mitschuldiger Bettauers, also von einem höheren sittlichen Standpunkte aus noch verdammenswerter als „allfallsige" Mitschuldige des Mörders. Ueber Geschmacksachen läßt sich angeblich schwer streiten, aber vielleicht ist es auch nicht sehr geschmackvoll von der „Reichspost", das Bemühen, die Behörden in der Eruierung der „allfallsigen" Mitschuldigen eines Verbrechens zu unterstützen, schlankweg als Unfug zu brandmarken. Wer und was Rothstock ist, weiß man heute noch nicht genau, die eifrigen Preisausschreiber gehen nicht von der Annahme aus, daß Rothstock ein von den lautersten Beweggründen beseelter „Idealist" sei, aber selbst, wann sie das täten, dürfte man es nicht so unverzeihlich finden, wenn sie neugierig wären zu erfahren, ob nicht hinter ihm noch andere gleichgeartete „Idealisten" stehen, die sein Beginnen selbst durch die Beistellung eines wertvollen Revolvers unterstützten, aber selbstlos den ganzen Ruhm der vollzogenen Tat Rothstock überlassen wollen. Unbedingte Gegner des Mordes — es gibt ja selbst unbedingte Gegner der gesetzlichen Todesstrafe — dürften vielleicht diese Preisausschreibung sogar sympathisch begrüßt haben, denn sie könnte möglicherweise den Erfolg haben, daß Rothstock nahestehende Idealisten geringeren Grades durch das Gold verlockt, sich entschließen, nachforschende Behörden durch Mitteilungen zu unterstützen, die sie sonst still im Busen verschlossen häten. Rothstock wäre nicht der erste Mörder, der diskret Mitschuldige verschweigt. Aber die „Reichspost" geht vielleicht zu weit, wenn sie den Wunsch verrät, aus dieser Diskretion für alle Welt eine Ehrensache zu machen. * * * Ein hakenkreui zierisches B1 a 113 das in Wien erscheint und von dem ein Fetzen auch im Besitze Rothstocks sich befunden, hat öfter auf Bettauer aufmerksam gemacht und sogar wiederholt dessen genaue Adresse mitgeteilt. Das ist eine ganz unerwartete journalistische Art. Ich erinnere mich nicht, daß in freisinniges Blatt in einer Polemik z. B. gegen die „Reichspost" jemals auf die genaue Adresse des Chefredakteurs Funder hingewiesen hätte. Das erwähnte hakenkreuzlerische Blatt dürfte kaum die Absicht verfolgt haben, seine Leser zu einem Besuche dieses Schriftstellers zu animieren um ihn durch ein lautschallendes fünfmaliges Hoch zu feiern. Es gibt sicherlich naive Menschen, die imstande wären, schon aus der Art und Weise, in der das hakenkreuzlerische Blatt gegen Bettauer hetzte, eine, wenn auch nicht direkt beabsichtigte Mitschuld an dem Attentate zu erkennen. Wenn es nicht zu unbescheiden klänge, so gestehe ich, ich selbst wäre nicht abgeneigt, für diese Mitteilung allein den ausgeschriebenen Preis von 25 Millionen Kronen entgegenzunehmen. * * * Die vierzehntägige Sommersiesta, die sich im vorigen Sommer eine jüdische Mutter mit ihren zwei "Töchtern in dem hakenkreuzlerischen Nest OswaTd bei Freistadt vergönnte, hatte für die Familie ein peinliches Nachspiel vor dem Richter. Die Damen hatten sich, in der Besorgnis, anderenfalls von den Hakenkreuzlern hinausgedrängt zu werden, im Meldezettel zur griechisch-unierten Kirche bekannt. Der Richter fragte die Angeklagten nicht, weshalb sie es nicht vorgezogen, anstatt vorübergehend ihre Religion zu"verleugnen, lieber der ganzen für Rassenreinheit schwärmenden Gesellschaft von Oswald dauernd den Rücken zu kehren, aber er hatte so viel humanes Einsehen, mit einem Freispruch vorzugehen. Es ist zu hoffen, daß nicht nur die Nächstbetroffenen aus dem Falle eine Lehre ziehen werden. Ich will der Luft von Oswald bei Freistadt, von der ich bisher weder Gutes noch Schlechtes vernommen, nicht nahetreten, aber ich wage kühn die Behauptung, daß sie nicht wert ist, ihretwegen sich der geringsten Falschmeldung schuldig zu machen. Was von Oswald gilt, gilt übrigens von allen Sommerfrischen, die jüdischen Familien den Aufenthalt nur um den Preis einer Selbsterniedrigung gestatten. Der Jude, der sich selbst achtet, müßte solche Sommerfrischen meiden, denn er darf sich ruhig sagen: Die Luft ist dort verpestet. Sie ist von den Bazillen des Antisemitismus erfüllt. * * * Herr v. Beniczky, der ehemalige Minister des Innern in Ungarn, steht angeblich im Begriffe, eine Reise nach Lequeitio anzutreten. Manche Zeitungen warten nicht ab, ob die Nachricht sich auch bestätigt, und beeilen sich ihn mit Hohn zu überschütten. Er wolle, sagen sie, durch diese Reise vor der Zeugenaussage im Prozesse wegen der Ermordung der Redakteure Somogyi und Bacso auskneifen. Es sind dieselben Zeitungen, die vor kurzem berichteten, Herr v. Beniczky, der wiederholt erklärt hatte, er werde, wenn er von der Wahrung des Amtsgeheimnisses enthoben würde, authentische Aufklärungen über die Mordaffäre geben, behauptet jetzt, niemand habe das Recht, das Siegel des Schweigens vom Munde zu entfernen. Ich glaube, das Gerücht hat Herrn v. Beniczky einen lächerlichen Unsinn angedichtet. Wenn jemals die Lächerlichkeit eine tödliche Wirkung haben könnte, so wäre es in diesem Falle gewesen. Man vergißt, daß dieser ehemalige ungarische Minister schoin durch seine Erklärung, er kenne die Mörder, aber eine höhere Macht habe ihn seinerzeit gehindert, sie dem strafenden Arm der Gerechtigkeit auszuliefern, einen Akt des sittlichen Heroismus geübt, der in jedem anderen Landes das herrschende Regierungssystem vielleicht tödlich getroffen hätte, in Ungarn aber sicherlich Herrn v. Beniczky gefährlich werden mußte. Mit den Erwachenden und ihren hochmögenden Schutzpatronen ist nicht zu spaßen; die verstehen es sogar, manchem, der gerade von Amtswegen zum Sprechen verpflichtet wäre, zu ewigem Schweigen zu bringen. Horthy hat sich nun endlich entschlossen, den gewesenen Minister von der Wahrung des Amtsgeheimnisses zu entbinden. Man sollte wirklich, anstatt vage Gerüchte über Herrn v. Beniczky als ernste Nachrichten mitzuteilen, lieber abwarten, bis er selbst das Wort ergreift. Ego. 1 Cfdtes 1ROTÖA55E-1