Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1925
- Issue
- Heft 12 (27.3.1925)
- Date
- 1925-03-27
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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Seife 6 DSC WAHRHEIT vhhh ffr. 12 Die Juden in Altösterreichs. Aus der Korrespondenz eines liberalen Slawen. (Fortsetzung.) Wien, 6. Dez. 1888. 4? Liebster Albert! Meine Behauptungen bezüglich der semitischen Contre-Aktion muß ich leMer aufrechterhalten, ein jedier, selbst der kleinste egoistische Schritt in dieser Beziehung stiftet sehr viel Unheil an. Und der geplante ist nicht der kleinste. Uebrigens, wozu darüber schreiben, es ist dies ja nur eine kleine Passion meines soziologischen Privatstudiums. Hast Du vielleicht schon etwas von den Gerüchten gehört, die in Wien kursieren und entschieden^ behauptet werden, daß nämlich vom Neujahrstag eine Fusion eimii^ ger Wiener Tagesblätter platzgreifen soll, wobei vorzugsweise, das „Szepsischd Tagblatt", die „Wiener Allgemeine" und die „Deutsche Zeitung" in Betracht kämen? Von den zwei erstgenannten ist es beinahe ganz sicher. Was Dui irtiir über Deinen künftigen Schriftstellerischen! Beruf imitgeteilt hast, so bin ich darüber selbst entzückt; ein solcher seriöser Arbeiter würde in der Tat eine prachtvolle rara avis sein in einer Zeit, wo man zwar etliche Broschüren „Gegen den Strom" schreibt, aber übrigens mit dem Strome tüchtig losschwimmt auf diie unterschiedlichen Aemter und Würden. Ich würde darin eine Ehre sehen, der Erste zu sein, der Dich darin anbeten könnte. Apropos, der Russe Gontscharow läßt in einem seiner prachtvollen Werke einen Ailtagsmenschen eine schreckliche Definition von der Künstlerwelt geben. Künstler — nun, das ist so ein Mensch, der Geld von Dir leiht, oder Dir so abgeschmacktes Zeug vorschwatzt, daß Du für eine ganze Woche wie toll bist . . . Künstler! . . . Diese Leute führen ein ausschweifendes Zigeunerleben, leiden einen Höllenmangel an Geld, Kleidern, Schuhwerk; und dabei träumen sie von Reichtum. Wie die Vögel überm Himmel, wohnen die Künstler auf Böden. Ich habe sie genug in Petersburg gesehen: kecke Burschen, die in phantastischen Kostümen sich abends versammeln, auf den Sofas liegen», aus Pfeifen rauchen, krauses Zeug schwatzen, Gedichte lesen, viel Schnaps trinken und erklären, daß sie Künstler seien. Ungekämmt, schmutzig. . . Sie beginnen in Armut, mit einem Happen Brot! Frage nur: meistens sind es Freigelassene, Kleinbürger oder Ausländer, sogar Juden. Die Not treibt sie zur Kunst. Aber Du ein Rajskij! Du hast Land und fertiges Brot!" — Nicht wahr, famos. Neue Werke sehe ich hier5, wenige; nur Dr. Gustav Kohn hat als Fortsetzung seines Werkes „Von Goluchovski bis Taaffe" ein parlamentarisches Jahrbuch erscheinen Isiasen. Beste Grüße an Franz, denke Dir, ich vermag ihm nicht zu schreiben. Zwei Wochen trage ich einen Brief in der Tasche und er gefällt mir nicht. Der Liebe, der wird sich ärgern! Ich tröste mich nur damit, daß er mit all den Sachen, über welche Du mar schreibst, so beschäftigt ist, 'daß er dazu keine Zeit hat. Ich freue mich schon selbst auf meinen K. Besuch. Dein Theodor .... 31 * ' Wien, 21. Jänner 1889. Liebster bester Freund! Ich bekenne mich vor Dir schuldig, daß ich Dir bis jetzt nicht geschrieben. Was soll ich da zu meiner Entschuldigung vorbringen? Vielleicht meinen in dieser Beziehung eigentümlichen Charakter? So wird es wohl sein. Jeden Tag schwebt mir meine Pflicht vor — worüber sollte ich jedoch schreiben? Ueber unsere beiderseitigen freisinnigen Ueberzeugungen vielleicht? Wenn ich über dieses Thema in unserer schwülen Zeit nachdenke, so überkommt mich ein Gefühl einer derartigen Vereinsammung, daß ich fast verzweifeln möchte. Die Speichellecker — die triumphieren — und Freisinnige gibt es bei uns nicht. In Oesterreich dürfte es bald dazu kommen, daß man über diese Sorte von Menschen nur wissenschaftliche Studien schreiben wird, wie über antidiluviate Geschöpfe. Und höchstwahrscheinlich auch das nicht. Doch da ist ja der humanistische Herr Clary! Den Nationalismus rektifizieren! Es ist wahrlich schön von ihm, und es heimelt einen so richtig an. Wenn er nur seinen Fürstentitel nicht hätte! Man glaubt hierbei seinen „Freisinn" gar wenig und fühlt sich vielmehr zum Argwohn gezwungen, dies sei ein nur mehr raffinierter, aus seiner olympischen Ruhe aufgerüttelter Adelssinn ä la Hofrat Goethe, der die großen Revolutionsideen nicht prinzipiell, sondern nur wegen des von ihnen verursachten Weltlärms und Blutvergießens verurtheilt. Uebrigens ist es von einem Fürsten recht schön, wenn er sich in die Journale herabläßt und sich im humanistischen Stile übt. Und die Geffken Affäre? Die hiesigen Russen sagen, er sei nur deshalb freigelassen worden, weil er seine Person zur Lüge von dem Vorbereitetsein der Friedrichschen Proklamation hergegeben hat. Eine solche Tat sollte man einem Bismarck doch nicht zumuthen? ... Diese Sachen kümmern mich jetzt schon nicht mehr. Es wird in mir immer die Ueberzeugung fester und stärker, daß ich endlich vorerst zu studieren habe. So alt — und diplommäßig noch so dumm! Doch einiges persönlich Neue. Vom 3. Februar werde ich in U. sitzen. Hier habe ich zu wenig Zeit, d. h. ich vergeude sehr viel Zeit durch das Hin- und Hermarschieren und das Verschaffen von Taschengeld, es würde so zu gar nichts führen. Die Zeit eilt dahin, und ich brauche, wie Du weißt, Ruhe, Ruhe. Nach K. komme ich deshalb nicht, um zu unwichtigen, schädlichen Kombinationen keinen Anlaß zu geben; jeden zweiten Sonntag werde ich jedoch nach unserem hannakischen Ab der a hinfahren. Ein Exemplar der „Noth und ihre Ursache" für Dich habe ich schon; bis ich nachkomme, so werde ich Dir dieses sozialistisch-freisinnig-antisemitische Konglomerat zu bringen die Ehre haben. Dein treuer Theodor. (Fortsetzung folgt.) Glossen. Die „Reichspost" ist entrüstet über die Geschmacklosigkeit, daß sich Leute gefunden haben, die einen Preis von 25 Millionen Kronen ausschrieben, die demjenigen zukommen sollen, der der nachforschenden Behörde Anhaltspunkte zur Ermittlung oder Ueberweisung der allfälligen Mitschuldigen Rothstocks liefert. Das fromme Blatt spricht sich so in di* Wut gegen die Leuto hinein, daß es in dieser