Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1925
- Issue
- Heft 12 (27.3.1925)
- Date
- 1925-03-27
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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Seite 4 DIE WAHRHEIT Nr.12 Es ist bekannt, daß verschiedentlich ernste Bedenken geäußert wurden, die Universität könne die landwirtschaftliche Kolonisation schädigen. Es liegt mir fern, die Bedeutung des hier sich ergebenden Problems einfach wegzudisputieren, aber es muß da doch von vornherein gesägt werden, daß unser Jüdischer Bauernstand in Palästina mit dem normalen Typ des Bauern nicht verglichen werden kann. Diesem Typ entspricht z. B. der norwegische Bauer nach seiner Bildung und seinen Kulturbedürfnissen in keiner Weise. Die Entwicklung unseres Landes bewegt sich nach anderen Gesetzen wie die etwa Australiens oder eines anderen Landes. Wenn wir die bekannten ökonomischen Schemata auf Palästina und unser Volk anwenden, so würde es uns nicht sehr weit führen. Der Jude ist nun einmal von einer starken Geistigkeit erfüllt. Wer wirklich die Aufgaben des Kolonisators erfaßt, wer nicht nur mit der manuellen Kraft, sondern mit der Psychologie des zu kolonisierenden Elementes rechnet, der wird diese Geistigkeit nicht dadurch erledigen, daß er sie ignoriert, er wird sich vielmehr bemühen, sie zu produktivieren, ja sie direkt wirtschaftlich nutzbar zu machen. Und wenn es jetzt .auch unser innigstes Bestreben ist, unserem Volke den Pflug in die Hand zu drücken, so ist doch dies eine klar: Wir sind doch einmal das „Volk des Buches". Und unsere stärkste Waffe ist der Geist. In Palästina muß; alles da sein, und zwar in der höchsten und schönsten Form, was man in der nichtjüdischen Welt findet, dann wird das Land eine Anziehungskraft ausüben auf die uns noch fernstehenden Elemente, und es werden uns Kräfte zufließen, von denen wir jetzt kaum zu träumen wagen. Die kulturelle Kolonisation Palästinas kann und wird zu einem Faktor in der Erreichung unseres großen Zieles werden, der an Wert der ökonomischen Kolonisation nicht nachgestellt zu werden braucht. Es ist bis jetzt nicht ohne Absicht nur von der Notwendigkeit der Universität aus nationalpalästinensischen Gründen heraus gesprochen worden, aber es ist leider nur zu bekannt, daß das Projekt einer jüdischen Hochschule seine Stütze aus einem Notstand der Diasporajudenschaft 'empfängt, der zu den brennendsten Fragen des Tages gehört. Man weiß zur Genüge, wie hart die Entrechtungen sind, unter denen die Mehrheit unseres Volkes leiden muß. Zu den Beschränkungen, welche die Juden in Rußland vielleicht am härtesten treffen, gehört die von staatswegen angeordnete Absperrung der Mittel- und Hochschulen. Es würde zu weit führen, die Einzelheiten dieser Maßregeln zu schildern. Es sei und ist in dieser Hinsicht durch sein großes Mißgeschick bekannt worden. Am 14. Januar 1711 brach im Hause des Rabbiners ein Brand aus, der um sich griff und die ganze Judengasse nebst den Synagogen einäscherte. Zu den verschiedenen Gerüchten, die über die Ursache des Brandes entstanden, kam auch das, der Rabbi hätte das Feuer selbst angezündet, um seinen Untergebenen zu zeigen, wie er das Feuer zu löschen verstehe. Er habe sich aber geirrt und statt des Wasserengels den Feuerengel beschworen. R. Naftali wurde von der Behörde vernommen und erklärte, daß seine Magd einen Brandgeruch gespürt hätte, darauf er hinausgeeilt sei, um zu löschen. Da sei ihm ein jüdisch aussehender, eine Axt tragender Mann auf der Treppe begegnet, der die Türe eines Zimmers, das seit Jahr und Tag unbenützt gestanden, öffnete; und beim Aufschlagen dieser Türe seien die Flammen so heftig herausgedrungen, daß sie ihm das Haar versengten. Dieses Vorkommnis hatte R. Naftali Kohen viel Verdruß und Nachrede bereitet und gewiß seiner kabbalistischen Geistesrichtung dauernde Vorwürfe eingebracht, so daß er nach einer Entschuldigung dafür suchen mußte und diese dürfte er in dem Hinweis auf seinen großen Ahnen R. Löwe gefunden haben. Die Golemsage, die dem R. Löwe angedichtet wurde, ist gewiß nicht von dem schlichten Volke erfunden worden, sondern muß einen Kabbalisten zum Urheber haben. Denn im Bilde des Golem sind nur zu deutlich die 10 Sefirot, die Grundlage der Kabbala, enthalten. Er zeigt Ruach „Geist Gottes" durch den „Schern", „ruach meruach" durch seinen Beieber, „majim" „Wasser", denn er ist „Wasserträger", esch „Feuer", denn er ist „Brandstifter", und schließlich die sechs Dimensionen — er rast planlos umher. So dürfte R. Naftali Kohen, der Kabbaiist war und dessen Feuerlegende sein Leben begleitete, dem R. Löwe die Golemlegende angedichtet haben, um für seine „praktische" Kabbala eine Entschuldigung bei seinem großen nur bemerkt, daß es diese Gründe sind, welche auch nichtzionistische Personen und Organisationen zwingen, der Hochschulnot schleunigst abzuhelfen. Vor ungefähr zehn Jahren begann die Absperrungsbewegung gegen die russischjüdischen Studenten an den Hochschulen Mitteleuropas. Die Verschärfungen wuchsen seit jener Zeit mit jedem Jahre, so daß heutzutage der jüdische Student fast überall vor geschlossenen Türen steht. Mit dieser Tatsache ist die Situation der jüdischen Hochschulaspiranten aus dem Osten auf den kritischen Punkt gekommen. So furchtbar schwer die Wirkungen der Absperrung des jüdischen Studiums schon heute 'empfunden werden, so treten sie doch zurzeit noch nicht in ihrem vollen Umfange zutage. Denn die katastrophale Verschlimmerung der Situation, die in den allerletzten Jahren eintrat, wird in! ihren Folgen erst in den nächsten Jahren vollkommen deutlich werden. Wer aber die Entwicklung der letzten Zeit genau verfolgt hat, der kommt zum Schlüsse: Die große Mehrheit des jüdischen Volkes, die für sich schon heute auch nicht annähernd genügend intellektuelle Kräfte aufbringt, wird in Zukunft ein solches Minimum geistig geschulter Elemente produzieren, daß es ganz außerstande sein wird, die zur Erhaltung der Volksenergie nötige Intelligenz zu repräsentieren. Die unseligen Folgen dieses Zustandes1 für eine Volksmenge, die in Entrechtung und unbeschreiblicher materieller Not, oft im Dunkel der Unbildung und im Zustande der Trostlosigkeit schmachtet, lassen sich nicht schildern oder gar für1 die Zukunft ausmalen. Es ist unmöglich, ein Bild der russischjüdischen Jugend im Alter von 15 bis 20 Jahren, namentlich der Jugend in der Provinz zu geben. Außer dem Kleinhandel und dem Handwerk, in denen eine furchtbare Ueberproduktion vorherrscht, sieht die Jugend keinen Beruf vor sich, den sie ergreifen könnte. Die Söhne der sogenannten „Besitzenden" — wofern siel nicht vom Handel verschlungen werden — streben alle darnach, das Examen zu machen. Aber es gibt nicht viele, die sich durch die unbeschreibliche Not und Entbehrung und über die staatlichen Hindernisse hinweg durchschlagen. Ohne Aussicht bleiben/ die meisten verzweifelt am Wege liegen, und es läßt sich nicht absehen, was die Zukunft aus dieser unglücklichen Jugend machen wird. Es ist eine beispiellos tragische Situation, dieser geistige Notstand der Juden, der aus sich heraus immer neue geistige und materielle Notstände erzeugt. Als eine der beklagenswertesten und traurigsten Folgen dieser Not müssen wir die Massentaufen unserer Jugend in Ahnen zu haben. Und der Weg dahin ist wohl durch die Gestalt Raschis, dem R. Löwe sein großes Werk und Studium geweiht hatte, vorgezeichnet. Die Sagen um Raschi, die in Wirklichkeit so viel mit Raschi zu tun haben wie die Sagen um R. Löwe mit diesem selbst, weisen eine merkwürdige Uebereinstimmung auf. Worms soll der Geburtsort Lowes gewesen sein — Worms hat Raschi zum Sohn der Stadt gemacht. In Prag soll Raschi begraben sein und ebenda liegt R. Löwe begraben. Die Sagen, die Worms um Raschi gesponnen, waren die Vorlagen für die nun R. Löwe, und das eigene Schicksal, das R. Naftali Kohen verfolgt hat, hat ihn veranlaßt, sich in dem Schicksal, verleumdet und von Nachrede stets getroffen zu werden, wie es R. Löwe tragen mußte, wiederzufinden. So hat R. Naftali Kohen zu seinem eigenen Trost den Golem R. Lowes belebt, hat ein Bild schaffen wollen, das besagt: „Nimmt man den Menschen die „höchste" Weisheit, die Meister und Erzieher durch die Kenntnis des Gottesnamens in sie hineinlegen, so bleiben sie „Golem", die sich nicht rühren können. Darum schelte niemand die Meister der Kabbala, die es mit den Menschen gut meinen." Sie legen den „Schern" unter die Zunge, damit diese nicht „loschon hora" die böse Zunge, die üble Nachrede werde. — Den Golem hat angeblich der Prager Oberrabbiner Ezechiel Landau auf dem Dachboden der Synagoge gesehen, aber darnach erklärt, daß sich niemand mehr unterfangen solle, den Golem iq seiner Ruhestätte zu stören. Der Lemberger Rabbiner Nathansohn wollte ebenfalls auf den Dachboden der Altneusynagoge steigen, um den Golem zu sehen, aber der alte Schames hinderte ihn daran. Im Jahre 1883 wurde die Altneusynagoge renoviert, aber der Golem war nicht da. Der Golem und alle üble Nachrede ist verschwunden, das Andenken des Gerechten und Frommen begleitet Segen,