Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1925
- Issue
- Heft 12 (27.3.1925)
- Date
- 1925-03-27
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 2 OBS WAHRHEIT Nr. 12 decken dies Treiben mit dem Klang ihrer Namen. Es wird gelehrt, daß die Juden die minderwertigste aller Menschenrassen seien, welche noch tiefer stünden als die Neger. Diese angeblich so minderwertige Rasse von 15 Millionen Menschen auf Erden soll eine kompakte politische, ökonomische, soziale und gesellschaftliche Einheit bilden, welche nach der Weltherrschaft strebt und alle Völker in Ihre Knechtschaft zu bringen trachtet. Eins der letzten Mittel, wird gesagt, sich die Völker „zinshörig" zu machen, sei der Dawes-Plan. Wie lange noch werden sich Deutsche dazu hergeben, von hemmungsloser Demagogie solcher Art sich verhetzen und irreführen zu lassen! Kein Volk läßt sich das auf die Dauer bieten. Die Menschen suchen die Wahrheit Lügen haben nur kurze Beine. Man wird sich von dem der materialistischnaturalistischen Denkweise des 19. Jahrhunderts entspringenden Kultur- und Rassenantisemitismus wieder abkehren. Hingegen besteht die bei Nicht¬ Juden so gut wie unausrottbare gefühlsmäßig bedingte Abneigung gegen die Juden fort. Mit Gründen der Vernunft ist ihr nicht beizukommen. Wenn es überhaupt möglich war, die Wogen des Judenhasses in Deutschland nach dem Kriege so hoch zu treiben, daß es zu Ausschreitungen und Mordtaten gekommen ist so war das allein dadurch möglich, daß die politischen Hetzer an jene bei der nichtjüdischen Bevölkerung vorhandene tief eingewurzelte Abneigung gegen die Juden bloß zu rühren brauchten, um mit ihrer Propaganda den gewünschten Erfolg zu erzielen. Im Kampfe gegen solcherart falsche Vorurteile, welche die Menschen reif zur Verhetzung machen, daß sich immerfort Mensch gegen Mensch, Volksgenosse gegen Volksgenosse erheben kann, böte sich einerhumanitären Erziehung, welche den Menschen vom Kindesalter ab gemütlich zu erfassen und heranzubilden suchte, ein weites und sicherlich auch dankbares Arbeitsfeld Zur UniversitätserSffnung. Die am 1. April stattfindende feierliche Eröffnung der hebräischen Universität in Jerusalem, dieses bedeutsame Ereignis, wird in der jüdischen wie nichtjüdischen Welt größtem Interesse begegnen. Deshalb halten auch wir es für unsere ehrenvolle Pflicht, zu diese» feierlichen Akt Stellung zu nehmen und glauben» dies nicht besser tun zu können, als indem wir auszugsweise die Rede reproduzieren, die Prof. Dr. Chaim Weizmann zur Universitätsfrage auf dem XI. Zionistenkongreß in Wien im Jahre 1903 gehalten hat, also zu einer Zeit, w* die Verwirklichung des schönen Gedankens noch in weiter Ferne lag. Was deshalb hier über die historische Entwicklung, über die Notwendigkeil und Durchführbarkeit der Idee gesagt wird, klingt wie aus dem Munde eines begeisterten Propheten. Und als solcher hat sich Weizmann erwiesen. 1 D. Red. Schon Prof. Hermann Schapira hat sich lebhaft für die Gründung einer Universität ausgesprochen. Der Tod hat ihn aber ereilt, noch ehe er imstande war, seinem Gedanke« die weitere Formulierung zu geben. Im Jahre 1901 wurde vor* V. Zionistenkongreß der Antrag unterbreitet, „der Kongreß möge das Aktions-Komitee beauftragen, die Frage der Gründung einer jüdischen Hochschule einem gründlichen Studium zu unterziehen". Dieser Antrag wurde auch zun? Beschluß erhoben. Theodor H e r z 1 brachte dem Projekt ein sehr warmes Interesse entgegen und unternahm einleitende Schritte, um vom der türkischen Regierung eine Konzession zu bekommen. I« den Jahren 1902 bis 1904 suchten wir, eine) kleine Gruppe vo» jungen Zionisten, eine größere Agitation für die Idee zu entfalten und ein Spezialprojekt zu entwerfen. HerzI verfolgte diese Arbeiten mit Wohlwollen. Am 20. Juli 1902 schreibt er unter anderem: . j „Die Universitätsangelegenheit hat mein andauerndes und unvermindertes Interesse. Lassen Sie mich dies nicht nocfc einmal wiederholen. Ich möchte es unserer nächsten Zusammenkunft vorbehalten, Ihnen mündlich zu sagen, wie ich mir die Sache vorstelle." ' Aber trotz gewisser Sympathien im jüdischen Publikum war die Zeit vielleicht noch nicht reif und das Interesse für Palästinafragen und speziell für kulturelle Fragen noch nichf tief genug, um eine erfolgreiche Tätigkeit zu ermöglichen. Es Der hohe Rabbi Low und die Sage vom Golem. Von Rabb. Dr. V. Kurrein, Linz. (Schluß.) Man müßte blind sein, wenn man aus diesen Werken, dem geistigen Niederschlag eines Gelehrtenlebens, nicht ein Bild dessen erkennen sollte, was in der Seele des Autors vorgegangen ist. R. Löwe hat die Menschen in ihrer Erdhaftigkeit bar der göttlichen Seele gesehen. Er ist leider zu" vielen „Golem" begegnet und hat zu wenige gefunden, denen die göttliche Seele wahrhaft innewohnte. R. Löwe wollte die „-.Golera" zu Menschen machen, ihnen durch das Wort Gottes ein besseres Leben einhauchen. Sein Leben war von Poesie wenig umgeben; seine Karriere von Verleumdung verfolgt. Seine Gegner hatten dafür gesorgt, daß seine Tage mit Erdenschwere belastet waren. Dafür aber hat die Nachwelt weit später den Blütenkranz der Sage um den Mann, sein Leben und Wirken . geschlungen. Von den verschiedenen Sagen, die seine Gestalt umschweben, ist die vom Golem die bekannteste. Erzählung, Dichtung, Drama, Roman, selbst Kino haben diesen Stoff aufgegriffen, verarbeitet und gestaltet, so daß über der Sage der Mann selbst in den Hintergrund jjxat und man heute von den wissenschaftlichen Arbeiten Lowes so gut wie nichts, hingegen aber von der Legende mehr als recht ist, weiß. Die Golemsage selbst ist in Kürze folgende: R. Löwe soll einen Golem, das ist eine Menschengestalt aus Lehm gebildet haben, der er mit Hilfe des heiligen, sonst unaussprechlichen Namen Gottes Lebe» einhauchte. Dieser so belebte Golem war in den Tagen de* Woche sein Diener, mit Eingang des Sabbates nahm R. Löwö dem Diener den wundertätigen Gottesnamen fort, so daß er. also wieder zur toten Tonmasse herabsank. Einmal vergat R. Löwe dies, zu tun, und der Golem raste trotz des bereits begonnenen Sabbateingangsgebets in unermüdlicher Geschäftigkeit durch die Judenstadt. R. Löwe eilte herbei, entfernte mit raschem Griffe den wundertätigen Gottesnamen und der Golem sank starr zu Boden. Darauf ordnete R. Löwe an, den Sabbatpsalm noch einmal zu sagen, was dann in Pra» dauernder Brauch blieb. Der Golem blieb aber tot auf dem Dachboden der Altneusynagoge und ist nie mehr ins Lebe» gerufen worden. Was nun das vielgesprochene Wort „Golem" anlangt, so ist es gut hebräisch und bezeichne! einen Klumpen, auch das Embryo ohne Leben und findet sie» in dieser Bedeutung bereits in Psalm 139, Vers ß>. Im Talmud wird es für eine rohe Masse gebraucht, aus der erst das Gefäß gefertigt wird, aber auch für einen rohen, ungebüdeten Menschen. Bekannt ist die Stelle in den Sprüche» der Väter (C. 5): „7 Dinge gelten für den „Golem" usw." Im Midrasch kommt es des öfteren für den Lehmklumpe» vor, aus dem Adam gebildet wurde. Das Problem, das in de* Golemsage zum Ausdruck kommt, ist das ewige Rätsel de« Lebens, das Geheimnis, Totes zu beleben, wie es im „Faust" bei den Versuchen, den Homunculus zu erzeugen, erscheint und das in der Mystik den Ausgangspunkt für die Frage nack der Verbindung des Geistes mit der Materie bildet. Dieses Problem hat in der Golemsage das Besondere, daß es im Wege des „Schern", des Gottesnamens gelöst wird. Gerade hierin ist aber die Sage keineswegs originell. Das Wunder des Gottesnamens ist gewiß so alt wie die ganze Geheim-