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Die Wahrheit · 1925-03-27 · Heft 12 (27.3.1925) · page 3

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1925
Issue
Heft 12 (27.3.1925)
Date
1925-03-27
Page
– (sequence 3)
Language
German
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HEIT DenfecirösferrefclBlsclie Wodiensdirtft für tMlsche Interesses HH dem ßefölatt; VeröflentikfianseD Her jmm «teimoitelerreidiisdier JMsar Redaktion und Administration Wien ML. HcfffsesrtitiOe IS. - rernruf 42-2-ü XLI. Jahrgang Wien, 27. März 1325 Nummer 12 Wieso Antisemitismus? Von Gustav Oskar von Steinäcker, Berfön. III. Den Antisemitismus erklären, um ihn als soziale Erscheinung zu begreifen, heißt nicht, ihn zu rechtfertigen suchen und entschuldigen. Vom Standpunkt einer humanistischen Ethik, etwa im Sinne Kants oder Rousseaus, ist der Judenhaß moralisch verwerflich, und seine Abwehr ist sittliche Pflicht. Daß die „Christen" die Juden hassen und verfolgen, schlägt Christi Evangelium der Gottes- und Menschenliebe, das auch den Feind einbegreift, ins Gesicht. Nach einer Stelle im Talmud ist die Liebe zu Gott, da der Mensch, der seinen Nächsten nicht liebt, auch Gott nicht liebt. Aber wie so vieles andere, so hat auch das biblische Gebot der „Nächstenliebe", das sowohl in der „Lehre Mosis" als auch „Christi Worten" enthalten ist, im herrschenden Christentum gegenüber ihren eigenen geistigen Schöpfern, den Juden, keinen Platz gefunden. Hierfür ist bezeichnend, wie sie noch heute gebraucht wird, die übliche Gegenüberstellung: Jude-Christ. Christlich sollte es sein, Menschen im „christlichen Staat" das Bürgerrecht vorzuenthalten, bloß weil sie Juden waren, christlich sollte es sein, Menschen, sie mochten noch so gebildet und moralisch einwandfrei sein, bloß weil sie Juden waren, innerhalb der „christlichen Gesellschaft" die Stellung zu versagen, die innerhalb dieser Gesellschaft jeder kulturell gleichwertige Getaufte, auch wenn er jüdischer Abstammung war, ohne weiteres einnehmen konnte. Christlich sollte es sein, Menschen, die sich nichts hatten zu Schulden kommen lassen, bloß weil sie Juden waren, zu jeder Verleumdung und Ehrabschneidung, zu Mord und Totschlag für vogelfrei zu erklären. Es mag heute noch bigotte Leute unter den „Christen" geben, welche die aktive Teilnahme an Judenpogromen für ein gottgefällig Werk halten. Im christlichen Mittelalter herrschte diese Auffassung sicher vor. Christfich sollte es sein, den Judenhaß und die durch ihn entstandenen grausigen Judenverfolgungen mit cbrist-dogmatischen Erklärungen zu beschönigen, wie z. B.: „Weil die Juden den Heiland ans Kreuz gebracht hätten, darum müßten sie so viel leiden; denn es ruhe der Fluch des Kreuzestodes Christi auf ihnen." Der Religionskampf zwischen Judentum und Christentum besteht in Kulturländern heute schon lange nicht mehr, insbesondere, da die Juden seit einem Jahrtausend keine Proselyten mehr machen. Darum hat die übliche Gegenüberstellung: Jude- Christ, wie sie aus alter Gewohnheit immer noch im Munde der Leute ist,'ihren Sinn verloren. Wer . denkt sich denn etwas Religiöses dabei! Kein Getaufter, der sie gebraucht. Es soll damit ausgedrückt werden, daß dem „Christen" in Staat und Gesellschaft alle Rechte zustreben, der Jude aber hier nur widerwillig geduldet ist. Dem Einen wird als „jüdische Anmaßung" ausgelegt, was des andern selbstverständliches Anrecht ist. Wenn man die Entwicklung der Kulturmenschheit zurückschrauben könnte, würde man den Juden wieder in die Paria-Stellung zurückstoßen, die er bald zwei Jahrtausende in der „christlichen Welt" eingenommen hat. Das jüdische Ghetto bleibt ein ewiger Schandfleck in der Geschichte des Christentums. Diese Art von Christlichkeit ist ein Hohn auf jede reine Ethik. Die Jüngsten sind wenigstens aufrichtiger, aber frecher, da sie ihren Judenhaß nicht mehr „christlich" verbrämen, sondern sich nicht scheuen, offen herauszusagen, daß sie das Christentum ablehnen, weil es jüdischen Ursprungs ist. IV. Grillparzer hat die Worte gesprochen: „Von der Humanität über die Nationalität zur Brutalität". Aus jener Zeit vor bald 100 Jahren muten diese Worte prophetisch an. In Frankreich hatten Ernest Renan und der GrafGobineau die theoretischen Unterlagen geschaffen ztfm moderner Kultur- und Rassenantisemitismus. Um die letzte Jahrhundertwende war das zweibändige völkische Standardwerk, die Bibel äfler deutschen Antisemiten, Chamberiains „Grundlagen des 19. Jahrhunderts" erschienen, unter dem Eindruck deren Lektüre der hochbegabte Jude Otto Weininger sich mit 21 Jahren das Leben nahm, weil er es nicht ertragen mochte, sich als Jude selbst verachten zu müssen. Dem geistigen Tiefstand einer deutschen Jugend, die während des Weltkrieges, sich selbst überlassen und verwahrlost, heranwuchs, entsprach endlich Hintertreppe, wie Arthur Dinters „Sünde wieder das Blut". Der Grad eines sadistisch zu nennenden Judenhasses, wie dieser in dem ungeistigen Rüstzeug einer pseudowissenschaftlichen Rassenlehre die perversen Phantasien von Hysterikern erfüllt, dürfte das einzig Originale an der ganzen deutsch-völkischen Bewegung der Nachkriegszeit sein. In der Deutschnationalen Volkspartei, bei den früheren Preußisch-Altkonservativen, wo seit Aenderung des Firmenschildes die ausgesprochen politischen Antisemiten den Ton angeben, wollte man wahrscheinlich hinter den Nationalsozialisten, den völkisch-antisemitischen Orthodoxen an Strengglämbigkeit nicht zurückstehen und gründete deshalb dort einen Völkischen Ausschuß. Dieser leistet „wissenschaftliche Ausklärungsarbeit" in Rassenf ragen. Die „Ergebnisse" der völkischen Rassenlehre werden hier für den politischen Kampf zugeschnitten. Universitätsprofessoren von Ruf

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