Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1925
- Issue
- Heft 11 (20.3.1925)
- Date
- 1925-03-20
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
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mmniwiiiiiBii öffentlichungen | b«^«« der deutschösterreichischer Juden" Postsparkassen - Konto Nr. 9464 Telephon Nr. 19-2 77 Die Hintermänner. Zum Fall Bettauer. Was Bettauer, auf den das bübische Attentat in der Redaktion seines Blattes verübt wurde, in seiner Art als Schriftsteller war, damit wollen wir uns nicht befassen. Uni seine Tätigkeit als Mann von der Feder haben wir uns niemals bekümmert, wenn auch die Ausrufer auf der Straße uns auf seine Zeitschrift in etwas allzulauter Weise aufmerksam zu machen sich bemühten. Ob er *nun durch sein© Elaborate verführerisch auf die Jugend eingewirkt hat oder nicht, ist nicht Gegenstand unserer Beurteilung. Wir wollen daher auch nicht für und nicht gegen Bettauers Arbeitssystem sprechen, sondern die ganze verwerfliche Angelegenheit von einem anderen Gesichtswinkel aus betrachten. Gewiß wird jeder rechtlich denkende und: human fühlende Mensch diese Mordtat, wie jede andere, aufs schärfste verurteilen. Mag Bettauers Tun ein richtiges oder unrichtiges gewesen sein, darüber haben nur die kompetenten Stellen ihre Sentenz abzugeben. War sein schriftstellerisches Gebaren ein schädliches, dann hätte die Obrigkeit eingreifen müssen. Im anderen Fall hat sich niemand darum zu bekümmern. In der Republik herrscht Preßfreiheit, wer sie mißbraucht, muß zur Verantwortung gezogen werden. Dazu aber ist niemals ein Privater berechtigt. Nun fragen wir, wie kommt irgendein Bursche dazu, wegen der ihn nicht genehmen Richtung der Bettauerschen Feder die Mordwaffe gegen den Verfasser zu gebrauchen? Die Antwort auf diese Frage, ja die Frage selbst gibt uns Anlaß, die Sache etwas näher in Betracht zu ziehen. Und gerade der Täter ist es. der hier zu ganz besonderen Gedanken herausfordert. Seine verbrecherische Tat an und für sich ist es nicht, die der Affäre eine exzeptionelle Wertung verleiht. Mörder bleibt Mörder. Vielmehr ist es seine Persönlichkeit, der Kreis, in dem er verkehrt hat und die Gesinnungen, die in diesem Kreise vorherrschen. Sie geben dem verdammenswerten Ereignisse das allein richtige Gepräge. Die Person des Zahntechnikers Otto Rothstock, der die Mordtat vollführt hat, bietet wenig Interesse. Ein einundzwanzigjähriger Bursche, der erst an der Schwelle des Lebens steht, also von der Tragweite der ernsten Schritte auf der Laufbahn der Menschenkinder noch nicht den richtigen Begriff besitzt. Die Motive, die ihm nach seiner Angabe zu der grauenhaften Tat verleiteten, entbehren darum auch nicht der jugendlichen Aeußcrungen jener Psyche, wie sie sich in dieser Zeit bei Jünglingen seiner Jahre zu offenbaren pflegt. Er hält Bettauer, wie er sagte, für den Verführer der Jugend, und fühlte sich vom Schicksal dazu bestimmt, die Rolle des Gerichtsexekutors zu übernehmen. Der Revolver war für ihn das entscheidende Mittel, seinen hirnverbrannten MMUMUHMI Ideen den blutigen Ausdiruck zu verschaffen. Wenn wir uns eines Schhißurteiles über sein Vorgehen enthalten, so geschieht es mir, um den Strafrichtern nicht den Rang abzulaufen. Allein die Verantwortung Roth Stocks und seine Behauptung, däe Mordtat sei seiner eigenen Initiative entsprungen, lenken eben den Blick auf jene Umgebung, in der sich der Meuchelmörder bewegte, auf die Atmosphäre, die eigenartige Luft, die er daselbst eingeatmet hat. Da ist der Ursprung der Missetat zu suchen, da auch die Triebfeder zu finden, die Rothstock auf den Weg des Verbrechens führte. Der Umgang mit Hakenkreuzlern, jener antisemitischen Bande, deren fortwährendes Ziel darin besteht, durch Mittel allerniedrigster Art die Rassenpolitik zu verbreiten, konnte nichts Gutes schaffen. Für diese Schädlinge der menschlichen Geseflsohaft gilt nur die Propaganda der Tat. Wo solche Sumpfpflanzen gedeihen, da konnte ein Bergmeister die Schule absolvieren, da vermochte auch ein Rothstock seine Ausbildung genießen. Eine Ausbildung, die mit dem Kerker sanktioniert wird. Mag es auch richtig sein, daß Rothstock keiner Organisation angehört hat, aber ebenso richtig ist es auch, daß er politische, genauer antisemitische Versammlungen besucht hat, und daß sich dort die echt hakenkreuzlerische Idee entwickelt hat, einen Schriftsteller, dessen Arbeiten ihm nicht paßten, gewaltsam aus der Welt zu scharfen. Und der Mord geschah! Welche Ironie, welcher Sarkasmus Ktegt m dieser absonderlichen Geistesrichtung. Sie, diese Hakenkreuzler, die durch ihr niedriges Gehaben die Jugend dem Verderben und weiter dem Verbrechen zuführen, sie maßen sich ein Urteil über die Moral anderer Leute an; sie, die durch ihr staatgefährliches Treiben so viel Unheil angerichtet haben und anrichten, glauben ein Anrecht darauf zu haben, mit todbringenden Waffen ihre Kloakenpolitik durchzusetzen. Es ist zweifellos, daß bei Rothstosk Jene dunklen Hintermänner standen, die der Jugend den Geist verwirren und sie zu schamlosen Exekutionen verleiten. Gerade diese Hintermänner sind es, die Rothstock verführt haben und gerade sie trifft fast mehr Schuld an dem Verbrechen, das er verübt hat, als ihn selbst. Die Hintermänner Rothstocks, die in ihrer unglaublichen Beschränktheit nichts weiter können, als Haß und Schädigung zu propagieren, das sind jene moralischen, soll heißen unmoraliischen Urheber des Mordattentates auf Bettauer. Natürlich halten sich diese dunklen Ehrenmänner seitwärts der blutigen Szene. Man kennt sie aber an ihren Wirkungen zur Genüge. Und was wir an dieser Stelle seinerzeit von den Genossen Bergmeisters gesagt, das trifft auch auf die Hintermänner Rothstocks zu. Diese Hakenkremzier sind der Krebsschaden unserer traurigen sozialen uratf gesellschaftlichen Lage, PfuL.