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Die Wahrheit · 1925-03-20 · Heft 11 (20.3.1925) · page 11

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1925
Issue
Heft 11 (20.3.1925)
Date
1925-03-20
Page
– (sequence 11)
Language
German
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Nr. 11 DIE WAHRHEIT Seite 9 Schritte nach fi. Scharfs Methode richten werden. Antisemit mei generis — Bemitleider der aggressiven Semiten. Wenn sich die Juden in diesem Antisemitenchaos verständig gebärden werden^ dürften sie für den allgemeinen menschlichen Fortschritt gar vieles leisten. Wenn sie daran gehen sollten, ihre Sache selbst zu verteidigen, werden sie bald zu einem ebensolchen Exklusivismus herabsinken, auf weichem die Schönerers, Pattais etc. stehen. Die jüdische, resp. allmenschliche Sache in dieser Beziehung kann meiner Ueberzeugung nach nur durch eine liberale arische Partei erfolgreich verteidigt werden, da ist sie in der Tat eine allmenschliche Frage. Falls sie die Juden in ihre Hände exklusiv nehmen, wird sie zur Parteisache werden und vielleicht eben deshalb zu einer argen Schädigung kommen. Und gerade der Scharf fängt mir mit derlei Unsinn an! Und ich habe seine Verstandeskräfte in der „Sonn- und Montags-Zeitung" so oftmals bewundert. . . . Uebrigens kann er ja Recht haben, aber insoweit meine Kombinationen mir als richtig vorkommen, verdamme ich seinen den Israeliten gegebenen Rat. Regressivmaßregeln haben sich noch nie bewährt. Entschuldige, daß ich Dich vielleicht gelangweilt, ich bin, ob Du Dich ärgerst oder nicht, froh, daß ich Dir was zu schreiben hatte. Apropos, eine Studie von J. Born (aus d. Kr. Z.) fand in der Zeitschrift Prof. Lamanskij in dieser Monatsnummer Aufnahme. Es freut mich ein wenig, — aber was —, verlorene Träume. . . .. Eine von den Photographien war ja so für Dich bestimmt, ich danke bestens dem Abholer, er hat mir Porto erspart. Ergebenste Grüße an Deine Angehörigen Dein Theodor. (Fortsetzung folgt.) Ein Tag der Hakenkreuzler. Angesichts des in der Vorwoche im Fall Bergmeister erflossenen Urteils gewinnt der nachfolgende Artikel, der Hach der Tat in der „Jüdisch-Liberalen Zeitung41, Berlin, erschienen ist, besondere Bedeutung. In dieser Woche gab es auf der Wiener Ringstraße einen kriegerischen Aufmarsch. Die Hakenkreuzler feierten in und vor der Universität den Jahrestag der Bismarckschen Reichsgründung. Die deutschvölkischen Studenten kamen in vollem Wichs, die antisemitischen „Frontkämpfer"., die sich offenbar nur dazu dem Leben erhalten haben, um ihre auf dem Schlachtfeld gefallenen jüdischen Kameraden der Drückebergerei und des Vaterlandverrats zeihen zu können, in Parade-Ausrüstung und mit einer Musikkapelle, die der christlichsoziale Herresminister im Hinblick auf den „unpolitischen" Charakter der Feier beigestellt hatte. Das martialische Schauspiel fand einen grotesken Rahmen in einer starken Kette von Schutzleuten, die die tapfere Schar teutonischer Helden vor unliebsamen Zwischenfällen bewahren mußten. Während so die Polizei damit beschäftigt war, die Hakenkreuzler vor der Bevölkerung zu schützen, versäumte sie leider ihre viel dringendere Aufgabe, die Bevölkerung vor den Hakenkreuzlern zu schützen. So konnte es geschehen, daß zur selben Stunde, zu der in der Aula die christlich- JAG. MAYER \ germanischen Tugenden voll Pathos gepriesen und die Not« wendigkeit, die arische Jugend vor der Verseuchung durch die jüdische Blut- und Geldgier zu reiten, in flammenden Reden verkündet wurde, auf dem nahen Karlsplatz eine Geldinkassantin von einem Mitglied der Mittelschülerverbindung „Cheruskia" erstochen und beraubt wurde. Das junge Mädchen hatte dem schmucken Jüngling Sympathie entgegengebracht und der wehrhafte Verfechter des germanischen Idealismus war durch diese Neigung einer arglosen Frauenseele zu dem teuflischen Anschlag auf das Leben der ihm Vertrauenden angeregt worden, von dem er sich reiche Beute versprach und den er sorgfältig vorbereitete und mit entsetzlicher Brutalität ausführte. Die allgemeine Teilnahme wandte sich dem Vater des Mörders zu, einem geachteten Grazer Mittelschulprofessor, der beteuert, für die Erziehung seines Sohnes die größten materiellen Opfer gebracht zu haben und an der Entartung, des Mißratenen unschuldig zu sein. Man darf dem Schwergeprüften aufs Wort glauben. Ist er aber trotzdem von jeder Schuld freizusprechen? Gibt nicht vielleicht gerade die Erziehung, die deutsche Mittelschulprofessoren ihren Söhnen und Zöglingen angedeihen lassen, die beste Aufklärung für die paradoxe Tatsache, daß gerade die intellektuell gepflegteste Schicht der deutschen Jugend einer erschreckenden Verrohung anheimgefallen ist? Die Herren Jugendbildner sind zum größten Teil stramm national gesinnt und auch in der schwachen großdeutschen Parlamentsfraktion durch die Person des Professors Dr. Viktor Zeidler vertreten. Dieser würdige Repräsentant deutscher Jugend und Volkserziehungskunst veröffentlichte just in der Woche, in die der eingangs besprochene Hakenkreuzlertag mit den tönenden Phrasen und der noch viel beredteren Mordtat fiel, in dem Innsbrucker deutschvölkischen Wpchenblättchen einen Leitartikel mit dem Titel: „Jüdische Zerstörung". Dieser charakteristische Erguß germanischen Pädagogengeistes enthält folgenden Passus: „Wir haben erst vor kurzem anläßlich der sogenannten Diszipinaruntersuchung mehrerer Lehrkräfte des Wiener akademischen Gymnasiums Gelegenheit gehabt, den jüdischen Zerstörer am Werke zu sehen. Von der unter jüdischem Einfluß stehenden Disziplinarkommission selbst als hervorragend tüchtig anerkannte Lehrer wurden, weil sie jüdische Frechheit nicht bis zur Aufopferung hinnahmen und in mildester Form jüdischer Schuirevolutron entgegentraten, vor der Oeffentlichkeit verhöhnt und zum warnenden Beispiel bestraft In der Begründung jenes sonderbaren Disziplinarerkenntnisses wird die ungeheuerliche Behauptung aufgestellt, die Lehrer wären verpflichtet gewesen, auf die klar zutagetretende jüdische Eigenart eines Schülers Rücksicht zu nehmen. Damit wird verlangt, daß an allen unseren Schulen, die die Ehre haben, von Juden besucht zu werden, der Unterricht in jüdischem Geiste geleitet werde." Die „jüdische Schulrevolution", von der hier die Rede ist, bestand in dem Protest eines jüdischen Abiturienten gegen die Taktlosigkeit eines Turnlehrers, der mit dem Hakenkreuz geschmückt zum Unterricht kam. Der Gymnasiast wurde für diese „Frechheit" mit Karzer und im weiteren Verlauf seines so entstandenen Konflikts mit dem Professorenkollegium durch Relegation bestraft und hat in Erkenntnis der Tragweite dieser Maßregelung, die Abgeordneter Zeidler „die mildeste (!) Form der Abwehr jüdischer Schulrevolution" nennt, Selbstmord begangen. Dadurch hat dieser Fall in der Oeffentlichkeit lebhafteres Echo gefunden als die zweifellos unzähligen gleichartigen, die das Studium der jüdischen Jugend zu einem heldenhaft ertragenen Martyrium gestalten. Der unter sozialdemokratischem (nicht „jüdischem", wie Herr Zeidler fälscht) Vorsitz stehende Stadtschulrat mußte unter dem Drucke der öffentlichen Meinung zur Affäre des jugendlichen Selbstmörders Stellung nehmen, fand, daß der Un- ~ glückliche das Opfer seines verletzten Ehrgefühls gewesen war, als er gegen das Hakenkreuz des Turnlehrers Stellung nahm, und kam zu der Erkenntnis, daß die Jugendbildner, die eine menschlich begreifliche, ja pädagogisch geradezu anstrebenswerte Wallung mit der höchsten Strafe maßregelten, eine erstaunliche Verständnislosigkeit gegenüber der Psyche ihres Zöglings bekundet hatten. Diese Erkenntnis nennt Herr Kleider-, Pelzeu. Gummimäntel-Fabrik Zentrale: Delailverfcanf: Wien n., Giockengasse 24 Wien II., Taborsira&e 44

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