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Die Wahrheit · 1925-03-20 · Heft 11 (20.3.1925) · page 10

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1925
Issue
Heft 11 (20.3.1925)
Date
1925-03-20
Page
– (sequence 10)
Language
German
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_&jteJL DIE WAHRHEIT Nr. Ii Aköonen gewonnen. Doch darüber ein andermal. Nur wiü ich bemerken, daß manche Schoberschen Ideen, obwohl sie mit allem Möglichen verquickt sind, zum Denken anregen. In manchen Dingen ist dieser liebe nationalökonomische Volontär ein eigentümlicher Kauz. Er ist ein Freund Kroriawetters und ein partieller Antisemit, der dreifache Juden unterscheidet: 1. Religiöse Juden, die „eingefressen in ihre israelitischen Rechtsanschauungen'1 .bona fide schwindeln; 2. wahrhaft aufgeklärte, welche erkennen, daß es nicht einen jüdischen und einen, christlichen Gott, sondern nur einen Gott aller Menschen gibt, dessen Hauptgebot lautet: Liebe Deinen Nächsten wie Dich selbst; 3. jüdische Nihilisten. Du liebe Welt, als ob man nicht alles gleicherweise einteilen könnte! Zu Ende erlaube ich mir, zur Bereicherung Deiner Bon-mots-Gedichtesammlung, eine Kleinigkeit Dir zu schicken, die mir gut gefällt und »üe der Blaustrumpf wohl irgendwo gestohlen oder nachgeahmt und! Heine nachgefühlt haben dürfte. Vielleicht hast Du dieses Gedichtchen schon, wenn nicht, so bin ich überzeugt, daß Dir die einschlägige Idee geistreich erscheinen wird. Auf dem alten jüdischen Friedhof in Prag. Von Ada Christen.*) Sinnend stand ich bei dem Grabe Rabbi Löw's des jüd'schen Weisen, Hörte wie im Traum den Führer Seine toten Ahnherrn preisen. / * Und warum, so frug ich staunend, AH die Juden groß' und kleine. Auf das Grab mit leisem Mnrmeln Werfen bunte Kieselsteine? . . « - Und es wurde mir zur Antwort: „Um zu ehren, ist geboten, Daß wir Blumen streuen Lebendigen, Steine auf das Grab der Toten". * Von solch heidnischem Gebrauche Sind wir Christen längst gereinigt. „Wir bekränzen stets die Gräber Jener, welche wir gesteinigt". * Ich weiß nicht, aber es scheint mir fort und fort, entweder diese Verse selbst oder die Idee irgendwo schon gelesen zu haben. Uebrigens ist das ja Nebensache. Wie ich jetzt lese, erheben die Magyaren einen, großen Sturm gegen das neue Wehrgesetz; die Pester Studenten sollen energisch * gegen die rücksichtslose Einengung des Einjährig-Freiwilligenrechtes der akademischen Intelligenz protestiert haben. Das gefällt mir,- das ist Mannesart. Bei uns bleibt natürlich alles mausstill. Es ist aber nicht schwer erklärlich: drüben lebt man unter einem wenigstens teilweise liberalem Regime, hier ist die ganze Gesellschaft mit blöder Unterwürfigkeit *) wAus der Asche", Hambursr, Hoff mann & Campe. vollgepfropft; dort sind die Akademiker angehende Männer, hier angehende oder schon vollkommene und fertige Charakterlose; dort strebt man nach der Erreichung der freiheitlichen Ideale und nach ihrer Vervollkommnung, hier macht das Gros der Akademiker im Antisemitismus, Blödsinn, Schweinerei et cetera. Wozu aber klagen? Es ist ja der unumändierliche Gang der Entwicklung der zisleithanischen Völker. Es werden weigstens die kommenden Geschlechter ein abschreckendes Beispiel an der jetzigen Ver- «** seuchung haben, was natürlich .auch eine notwendige, jedoch wenig anziehende und erhebende Rolle" in der menschlichen Kulturgeschichte darstellt. Man muß sich ja gedulden und zufrieden sein, daß es nicht ärger ist. Entschuldige mich wegen meines weitläufigen Schreibens, künftig werde ich mich wohl schon zu hüten wissen, daß ich an Dich gerichtete Briefe zu meinen deutschen Stilübungen mißbrauche. Falls es meinerseits nach den gesellschaftlichen Vorschriften erlaubt sein sollte, so bitte Deiner Familie tiefste Hochachtung ausdrücken zu wollen. Mit akademischem Gruß Dein Dich liebender Theodor. * * * Wien, 28. 11. 88. Bester Freund! Ich danke Dir bestens für Deine beiden letzten Briefe, die mich natürlich erst gestern angetroffen. Ich war ein wenig leidend und saß etliche Tage im k. k. Arsenal, die Verkühlung und die Apathie zu allem etc. etc. war selbstverständlich der Grund meines Schweigens. Entschuldige, daß ich mich heute kurz fassen werde, ich sündige schon im voraus ä conto meiner Weihnachtsfahrt nach K., welche nach der Immatrikulation erfolgen wird. Um nun auf etwas Verständiges zu kommen, so will ich Dir ein Geheimnis mitteilen. Ich bin momentan in der Tat der Gefahr ausgesetzt, ein Antisemit zu werden. Den Grund hierzu bietet mir der Umstand, daß die Israeliten — wie es ja aus den einschlägigen Reden beider am 18. ds. stattgehabten Wählerbesprechungen der Wiener israelitischen Kultusgemeinde hervorgeht — daran zu gehen gedenken,- gegen die blöde antisemitische Hetzerei in geschlossenen Kolonnen aggressiv vorzugehen. Falls sich dies bewerkstelligen sollte, so müßte ich faktisch an dem früher so durchdringenden Bück und dem schon so oft bewährten sozialen Verständnis verzweifeln, welches die Israeliten so oft bekundet haben. Ich bin nämlich überzeugt, daß, wenn die Israeliten aggressiv vorgehen werden, sogar die gemäßigtesten Ele mente der viehischen Schönererei sich zugesellen werden, weil sie dorthin nolens volens gedrängt sein werden. Die Taktik war überhaupt verfehlt, man hat den Schönerer et tutti quanti durch die starken Polemiken nicht großziehen sollen, man sollte schweigen,-schweigen, schweigen. Es wäre mir fürwahr nicht angenehm, die hiesigen Israeliten für so blöde halten zu müssen, daß sie nicht einsehen würden, eine jede aggressive Aktion ihrerseits bedeute zugleich eine weit gewaltigere Stärkung der Antisbrriitennarren. Und das müßte ich tun, wenn sie ihre

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