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Die Wahrheit · 1925-03-20 · Heft 11 (20.3.1925) · page 9

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1925
Issue
Heft 11 (20.3.1925)
Date
1925-03-20
Page
– (sequence 9)
Language
German
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Nr. 11 DTE WAHRHEIT SeK*? Se. Exzellenz, der ungarischeMin!- sterpräsident, hat Pech. Die schärfsten Angriffe seiner liberalen Gegner konnten ihm nicht ungelegener kommen als die Lobrede, die der Wohlfahrtsminister Josef Vass ihm gehalten hat. Dieser hat den Juden warnend zugerufen, sie mögen ja jede oppositionelle Regung unterdrücken und nicht so undankbar sein, zu vergessen, was die Regierung für sie getan hat. Sie hat ihre eigene Popularität fast auf das Spiel gesetzt, um zu dem Ziele zu gelangen, daß die Juden ohne Angst sich in den Straßen Budapests bewegen dürfen. Man muß zugeben,, daß die nichtswürdigen Kerle, die in dem lang genossenen Vergnügen, harmlose Passanten zu mißhandeln, in jüngster Zeit ein wenig gestört wurden, hiervon nicht entzückt sind. Aber der Herr Wchlfahrtsminister, der den Grafen Bethlen in dessen Abwesenheit vertritt, übersieht vielleicht den kleinen Umstand, daß eine Regierung überhaupt nicht die Verpflichtung hat, in erster Reihe für den Schutz von Exzedenten, Skandalmachern und Totschlägern zu sorgen. Es darf vielleicht auch bemerkt werden, daß die andauernde Vogelfreiheit der Juden in den Straßen Budapests auch häufig zu peinlichen Mißverständoiissen führte, da es vorkam, daß unverfälscht echte rassenreine Christen, wie z. B. Graf Theodor Andraisy, der Staatsanwalt Karczonyi etc., wegen ihrer orientalisch orientierten Nasen für Juden angesehen und dementsprechend blutig geschlagen wurden. Der Herr Vass kann beruhigt sein. Wenn auch Graf Bethlen selbst den Erwachenden verdächtig ist, die Popularität eines Wohlfahrtsministers, der sich solcher Verdienste zu rühmen wagt, dürfte in Ungarn noch lange unversehrt bleiben. * * * Die Budapester Polizei muß jetzt wegen ihres Mißgriffes in der Affäre Leirer viel Hohn und Spott einstecken. Man macht es ihr zum Vorwurf,, daß sie das wirklich ganz außerordentliche Entgegenkommen der Schuldigen so lange kühl abwehrte und sich gar so schwer entschloß, den Verbrechern, die sich zu ihrer Tat bekannten, mehr Glauben zu schenken als dem Unschuldigen, der sich auf das Leugnen verlegte. Die Budapester Polizei muß die höhnischen Spottreden schweigend über sich ergehen lassen, sie darf nicht einmal ein Moment vorbringen, das sie in den Augen jedes billig Denkenden entschuldigen würde. Die "ungarischen Polizisten haben, cfas wird jeder rechtliebende Mensch bestätigen, eine schwere Schule hinter sich, in der sie unausgesetzt lernen mußten, wie man Verbrecher nicht findet. Es wurde ihnen mitunter das Unmöglichste zugemutet. Wie oft ereignete es sich, daß selbst die Analphabeten, die nicht zwischen den Zeilen einer Zeitung lesen konnten, nicht nur die Namen der verbrecherischen Täter, sondern auch die ihrer mächtigen Schützer " kannten. Nur die Polizisten mußten eine blütenweiße Unwissenheit mimen. Uebung macht bekanntlich den Meister. Warum sollte es da undenkbar sein, daß die in der Erfüllung ihrer harten Aufgabe so lange auf die Kunst des Nichtfinden-s von Mördern gedrillten Polizisten es schließlich so weit brachten, daß bei ihnen Kunst zur zweiten NatuF waF#e? Wohlwollende Mensrhen werden den Mißgriff in der Affäre Leirer gern auf diese Weise erklären. Ego. Die Juden in Ah osterreich. Aus der Korrespondenz eines liberalen Slawen. Trotz allen Leugnens der politischen Gegner muß festgestellt werden, daß die Epoche des Regimes vor Taaffe als Blütezeit der Entwicklung und des Aufschwunges bezeichnet zu werden verdient Noch heute zehren wir von den Schöpfungen der Hasner (Schule), Unger-Glaser (Recht) und anderer, welche die Grundsätze des Liberalismus verteidigt haben. Seit dem Eindringen und Entarten der deutschnatfonalen und antisemitischen Politik haben die liberalen Ideen, ungeachtet ihrer Schlagkraft und Wirkung, nur im Kampfe gegen die Wut des Neides und Hasses verteidigt werden müssen. Im folgenden wird ein interessanter Briefwechsel zum erstenmal veröffentlicht, der aus dem Nachlasse eines seinerzeit hochbedeutsamen Publizisten stammt und sicherlich die Aufmerksamkeit unserer Leser erwecken wird. Dr. H. Herbatschek. Wien, 9. 11. 88. Bester Freund! Für Deinen Brief herzlichsten Dank. Meine Glückwünsche zu Deinem morgigen Geburtstag und meine Gefühle zu Dir überhaupt würden natürlich am besten und schönsten ausgedrückt sein, wenn ich den ersten Teil Deines Bbriefes mit meiner Unterschrift versehen an Dich retournieren würde. Da ich jedo-h den Verlust des mir, mit Ausnahme der einen Schmeichelei, so teuren Briefes nicht verschmerzen könnte, und selbst kein Meister der schönen deutschen Form bin, so beschränke ich mich auf den schlichten Wunsch, es möge Dir stets volle Zufriedenheit mit Deiner geistigen und materiellen Lage zuteil werden und Du mögest jene soziale Stellung Dir glücklich erkämpfen, die Dir nach Maßgabe Deiner Geistes- und Gefühlskalte gehören wird. Die Korrespondenz mit Dir wiTd! mir stets in höchstem Maße angenehm sein, um so mehr, als ich hier jetzt vollkommen vereinsamt bin und das wenn auch nur geschriebene Wort eines bestgeliebten, verstandenen und verstehenden Freundes am meisten wohltut. Die Arbeit in meinem früheren Fache habe ich beinahe vollends aufgegeben, was natürlich für mich eine unabweisliche Notwendigkeit ist. Es gibt jedoch noch Augenblicke bei mir, wo ich mich in meiner jetzigen Lage unheimlich fühle, aber das jeweilige Gefühl wird durch den Verstand zurückgebannt in die Kreise der Gehorsamkeit. Bis jetzt habe ich mich jeden Abend mit schöner Literatur oder nichtjuridischen Sachen abgegeben, von heute an werde ich jedoch auch diese Zeit zum eifrigen Studium verwenden müssen, ich fühle ja von Tag zu Tag mehr, wie mir die Zeit unter den Fingern wegrinnt. Unter den Büchern, dieich seit Deiner Abfahrt gelesen, befindet sich auch eine nationalökonomische Studie vom Wiener Ingenieur W. Schober „Die Not und ihre Ursache". Die Haupt- Idee des Werkes ist, die Ursachen der Not lägen in der Hypersparsamkeit der einzelnen gjesellseiiaftliehen Schachten und des Staates, welche cöe arbeitenden Schichten nicht so viel zurückgewinnet! lassen, wieviel sie selber durch verschiedene

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