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Die Wahrheit · 1925-03-20 · Heft 11 (20.3.1925) · page 7

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1925
Issue
Heft 11 (20.3.1925)
Date
1925-03-20
Page
– (sequence 7)
Language
German
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.r*\ 11 DTE WAHRHEIT Seite & privaten Vereinen und Korporationen tiberantwortet. Der auf diesem Gebiete bestehende Zustand ist keineswegs erfreulich. Wenn auch die Eingemeindung der Vereinsbethäuser, welche unsere Partei programmatisch fordert, bei den bestehenden finanziellen Verhältnissen unserer Gemeinde für die nächsten Jahre nicht spruchreif ist, so muß dem Gedanken der Zentralisierung des Religionswesens zumindest insoweit Rechnung getragen werden, daß ein innigerer Zusammenhang zwischen der Gemeinde und den bestehenden religiösen Körperschaften und Bethausvereinen geschaffen wird und die Kultusgemeinde muß es als eine ihrer vornehmsten Pflichten betrachten, diese Vereine in ihrer Wirksamkeit durch ausgiebige Subventionen und sonstige tatkräftige Unterstützung zu fördern. Den gerechten und begründeten Forderungen, welche von den verschiedenen im Wiener Judentum vorhandenen religiösen Richtungen gestellt werden, soll nach Zulässigkeit der gegebenen Mittel Rechnung getragen werden. Wir unterstreichen in diesem Zusammenhange neuerlich unser Bekenntnis zur Einheit der Gemeinde und betonen, daß wir nach wie vor Absplitterungstendenzen. von welcher Seite auch immer sie kommen mögen, mit aller Entschiedenheit entgegentreten werden. Wir wünschen, daß diejenigen Einrichtungen und Anstalten, welche in der Verwaltung der Gemeinde stehen, oder auf welche sie maßgebenden Einfluß besitzt, in einer solchen Weise und in einem solchen Sinne geführt werden, daß deren Leistungen von Juden aller religiösen Richtungen ohiie Beeinträchtigung ihres Gewissens in Anspruch genommen werden können. Außerordentlich schmerzhaft empfinden wir es. daß das Unterrichtswesen in der Kultusgemeinde noch vieles zu wünschen übrig läßt und unsere Leistungen auf diesem Gebiete den berechtigten Wünschen der Bevölkerung nicht Rechnung trägt. Die Unzulänglichkeit des jüdischen Religionsunterrichtes ist innerhalb und außerhalb dieser Versammlung so oft erörtert worden, daß der Redner sich versage, die verschiedenen Gründe dieses unbefriedigenden Zustandes zu behandeln. Nur auf einen Umstand wolle er reflektieren. Das Ausmaß von zwei Pflichtstunden, das in den Stundenplänen dem Lehrgegenstand „jüdischer Religionsunterricht" zugewiesen ist, ist vollkommen unzulänglich, um unserer Jugend auch nur ein bescheidenes Maß im Religionsfache, in der hebräischen Sprache und in der jüdischen Geschichte zu vermitteln. Eltern und Jugend, vornehmlich aber die Jugend werden sich "mit Recht auf die Dauer mit diesem kargen Maße des zugemessenen Unterrichtes nicht befriedigen lassen. Die bildungshungrige jüdische Jugend findet mit den obligatorischen zwei Religionsstunden in der Woche nicht das Auslangen und in allen Bezirken sind Dank einer nicht genug hoch zu schätzenden privaten Initiative Schulen zur Pflege jüdischen Geistes entstanden. Diese Schulen (Bibel- und hebräische Sprachschulen) verdienen die ausgiebigste Unterstützung der Gemeinde. , Das vorbildliche Wiener jüdische Schulwerk, das jüdische Gymnasium und Pädagogium müssen durch dauernde Subventionen in ihrem Bestände gesichert werden. Wir erachten es aber auch als Pflicht.der Gemeinde, ihre Fürsorge auf die schulentlassenen Kinder auszudehnen und legen es ihr insbesondere an das Herz, den . jungen Menschen, die in "sich den Beruf fühlen, als Chaluzim am Wiederaufbau Palästinas teilzunehmen, die Möglichkeit einer gründlichen Ausbildung in der Landwirtschaft oder in einem Handwerk zu bieten. Auf dem Gebiete des Tax- und Gebührenwesens bringen wir erneuert unseren Wunsch zum Ausdruck, daß die rituellen Leistungen der Gemeinde auch in den niedrigen Klassen würdig gestaltet und die aus Anlaß der Inanspruchnahme der Gemeinde bei solchen Anlässen zu entrichtenden Gebührenin einer auch für die Minderbemittelten erschwinglichen Höhe gehalten werden. In der Zeit, in welcher wir leben, ist die äußerste und entgegenkommendste Rücksichtnahme gegenüberden wirtschaftlich Schwächeren geboten. Wir werden darüber wachen, daß die Verwaltung der Gemeinde im sozialen Sinne geführt und daß alle Härten vermieden werden. Wir behalten uns insbesondere vor, Anträge einzubringen, nach welchen berechtigten Wünschen der Steuerträger auf ": Tatenweise Abstattung ihrer Kultussteuerschuldigkeit in weitestgehendem Maße entsprochen werden soll und werden für -- die Erledigungn solcher Ansuchen ein vereinfachtes und beschleunigtes Verfahren in Anregung bringen. Der in Beratung stehende Voranschlag trägt nur zum Teil den Grundsätzen Rechnung, welche wir seit jeher für die Finanz Wirtschaft der Gemeinde propagiert haben, Ein Abgehen von diesen Grundsätzen erblicken wir In der nach unserer Ansicht nicht hinreichenden Deckung der in Aussicht genommenen Ausgaben, durch die präliminierten Einnahmeposten, bezüglich welcher wir unsere schwerwiegenden Bedenken bereits vorgebracht haben. Auch die aus den Details zum Präliminare zu entnehmende geringe Dotierung des Friedhofserhaltungs- und Erweiterungsfonds ist mit unseren finanzpolitischen Ansichten nicht in Einklang zu bringen. Wir glauben, daß daran festgehalten werden sollte, daß auch in Zukunft diejenigen Beträge, die aus der Realisierung von Teilen des Gemeindevermögens einfließen — und dazu gehört Grund und Boden der Friedhöfe — ohne jede Kürzung zurückgelegt werden und für die laufende Gebarung nicht in Verwendung genommen werden. Der Bau des Zeremoniengebäudes auf dem neuen Friedhof, der demnächst begonnen werden soll, rückt das Problem einer Gemeindeanleihe in begreifliche Nähe. Investitionen solcher und ähnlicher Art können nicht aus der laufenden Gebarung aufgebracht, sondern müssen aus aufzunehmenden Anleihen bestritten werden, die jene Generationen zu amortisieren, verzinsen und rückzuzahlen haben werden, denen diese Investitionen zugute kommen. Sehr geehrte Herren! Wenn auch meine Ausführungen nicht von Optimismus getragen waren und uns auch die eine oder die andere Ziffer des Budgets bedenklich erscheint, so geben wir doch die Hoffnung auf die Zukunft nicht auf. Das Budget einer Kultusgemeinde hängt nicht von toten Ziffern ab. es ist In größerem Maße von Imponderabilien anderer Art abhängig. Wenn wir uns in dieser Kultusgememde als ein Teil des großen jüdischen Volkes fühlen, wenn wir den Zusammenhang mit den Juden der ganzen Welt nicht verlieren, dann wird uns auch die wirtschaftliche Krise, die jetzt auf unserer Rupublik lastet, nichts anhaben können. Ich sehe einen kleinen, bescheidenen, aber bedeutungsvollen Auftakt hierzu in der Deklaration, die wir zu Beginn der heutigen Sitzung beschlossen haben, in welcher wir von dem größten kulturellen Ereignis der jüdischen Jetztzeit, von der Eröffnung der hebräischen Universität in Jerusalem, Akt genommen haben und in Jener, wenn auch bescheidenen Widmung, die wir zum Wiederaufbau unseres Heimatlandes beigetragen haben. Wenn wir diesen Zusammenhang aufrechterhalten, wenn wir in alle Kreise der jüdischen Bevölkerung den Sinn für die gemeinsamen Aufgaben und Pflichten tragen, wenn wir die Kultusgemeinde dahin popularisieren, daß wir ihr Tätigkeitsgebiet ausdehnen, wenn wir mit Ernst, Fleiß und Strebsamkeit unsere Tätigkeit ausüben, wenn wir es zustandebringen, in erhöhterem Maße als bisher das Interesse für die Aufgaben und Leistungen der Kultusgemeinde bei ihren Mitgliedern zu wecken, dann werden diese Tatsachen mehr als präliminierte Ziffern dazu beitragen, daß der Bestand dieser Gemeinde nicht nur für dieses Jahr, sondern für viele, viele Jahre gesichert bleibt. Glossen. Nehme ich vielleicht in diesem Rahmen etwas verspätet Stellung zu demFallBettauer? Nein, ich glaube vielmehr, einige Zeitungen haben etwas verfrüht über die Affäre geleitartükelt. Dienstag nachts war die Nachricht über den Mordanschlag bekannt geworden ujkS Mittwoch früh, zu einer Stunde, in der man noch nicht wußte, ob der von fünf Kugeln getroffene Schriftsteller am Leben sei, hätte sich das Publikum wirklich mit Betrachtungen über das zuerst am Berge Sinai den Israeliten verkündete und später im Prinzip von allen Völkern akzeptierte Oesetz: „Du sollst nicht morden!" begnügen dürfen. Ich, der ich an dieser Stelle Bettauers erotisch-lkerarisches Wirken als verderblich und sträflich bezeichnete, auch nachdem die Geschworenen eine andere Meinung darüber geäußert hatten, würde angesichts des in seinem Blute Kegenden Sterbenden mich in Geduld gefaßt haben, wenn das blutige Urteil mit der Feder nicht neuerlich sozusagen standrechtlich über ihn ge* fällt worden wäre. Man hätte vielleicht auch damals noch ein wenig mit der Aufzählung schwerwiegend

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