Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1925
- Issue
- Heft 11 (20.3.1925)
- Date
- 1925-03-20
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 4 DTE WAHRHEIT Nr 11 lisanus nicht erst jüngeren Datums ist und sich nicht allein auf ein bestimmtes Land beschränkt, sondern eine von altersher bekannte internationale Erscheinung ist, die bis jetzt allerorts, wo Juden leben, in der nichtjüdischen Bevölkerung einmal hier, ein anderes Mal da zu heller Flamme emporgelodert ist, um zwischendurch in einer stillen Ablehnung der Juden fortzubestehen. (Fortsetzung folgt.) Pflichten einer jüdischen Gemeinde. Rede des Kultusvorstehers Herrn Dr. DesiderFriedmann bei der Budgetdebatte der Wiener Kultusgemeinde. Als Sprecher des Klubs der zionistischen Kultusvorsteher führte Dr. Friedmann aus, daß seine Partei den besonderen Fleiß und die Gründlichkeit anerkenne, welche vom Sekretariate und von den vorbereitenden Ausschüssen, der Kommission für finanzielle und administrative Angelegenheiten und dem Vertreterkollegium auf den vorliegenden Voranschlag aufgewendet wurde. Ebenso werden die technischen Verbesserungen des Bugetvoranschlages von ihm in vollem Maße gewürdigt Es sei das erstemal seit vielen Jahren, daß die Ansätze des Präliminares nicht auf Schätzungen beruhen, sondern sich auf die aus dem eben verabschiedeten Rechnungsabschluß aufscheinenden Ergebnisziffern des Vorjahres gründen. Erfreulich sei auch die Tatsache, daß in diesem Jahre dem Vorstand nicht nur die Endziffern der einzelnen Budgetkapiteln, sondern auch die dazugehörigen Details vorgelegt wurden, woraus sich für das Plenum die Möglichkeit einer eingehenden Beratung des Präliminares ergebe. Ungeachtet der hervorgehobenen technischen Vorzüge der Vorlage trete die Partei des Redners nur mit einem Gefühl der Zaghaftigkeit in die Beratung des Budgets ein. Schon das ruckartige Emporschnellen der Budgetziffer von 28 Milliarden Kronen des Vorjahres auf 52 Milliarden Kronen muß Besorgnisse schwerster Art erwecken. Die Gemeinde Wien, deren Finanzreferenten man Großzügigkeit gewiß nicht absprechen könne, hat ihr Präliminare für das laufende Jahr nur mit 40 Prozent höher als das des Vorjahres erstellt. R. Löwe selbst, energisch gegen Verleumdung und Verleumder aufzutreten. In Prag hält er am Bußesabbath 1583 in der Altneusynagoge — im Todesjahre des Oberrabbiners Melnik — eine wuchtige Rede gegen diese Verleumdung und bedroht die Verleumder mit Bann. In Posen verbindet er sich mit fünf der bedeutendsten Rabbiner und tritt gegen diese Verleumdung auf, ja selbst nach seinem Tade führt Samuel Bachrach, der seine Enkelin zur Frau hatte, Klage über die Verleumdungen, die sich an den großen Mann hefteten. Ueber diesen Punkt kann man bei der Beurteilung der Persönlichkeit Löwes nicht hinweggehen. Die Verleumdung hat sich an seine Fersen geheftet, sein Erscheinen stets umsponnen und sein Wanderleben verursacht. Sie ist der wahre Grund für seine erschwerte Karriere gewesen! Achtet man auf sein Lebenswerk, auf das, was er geschrieben und gesprochen hat, so begegnet man einem zähen, mutigen und steten Kampfe gegen moralische Gebrechen. Er ist ein Prediger in Wort und Schrift. Er will sittliche Menschen schaffen, die Seelen reinigen von Gebrechen und Tun und Treiben vom Niedrigen frei machen. Er will in das Volk und in die Volksseele eindringen. Er bearbeitet den Raschikommentar, das volkstümlichste Buch der Juden; er bearbeitet die Pessachhagada, ein Schriftchen, das sich in jedem jüdischen Hause findet; er schreibt ein Werk über die „Sprüche der Väter", die jeder Beter aus dem Gebetbuche kennt. Er ist Verfasser eines Werkes „Pfade des Friedens", in dem er die Moral des Judentums behandelt. Im Alter schreibt er über die Vorzüglichkeit der Lehren der Thora, verteidigt den Talmud gegen böswillige und verleumderische Angriffe. Er schreibt über Purim und Chanukka, die populärsten Festtage des Jahres. (Schluß folgt) Analogerweise dürfte die Budgetziffer in der Kultosgemeinde den Betrag von 40 Milliarden Kronen nicht überschreiten. Aber auch gemessen an der Ausgabenziffer des Vorjahres von 36 Milliarden Kronen bedeute ein Ausgabenprällminare von 52 Miliarden, oder wenn man von der in den Voranschlag eingestellten transitorischen Post der Baurate für die Zeremonienhalle auf dem neuen Friedhofe absehe, von 46 Milliarden ein Wagnis in einer Zeit schwerster wirtschaftlicher Stagnation. In noch höherem Maße ergeben sich abgesehen von dieser allgemeinen Erwägung bezüglich zweier Budgetposten Bedenken hinsichtlich ihrer tatsächlichen Richtigkeit Die Einnahmepost „Kultussteuer", die mit 16K Milliarden Kronen veranschlagt ist, sei außerordentlich gewagt Wenn im Jahre 1924 nur ein Gesamteingang von 12% Milliarden an Kultussteuern zu verzeichnen war, so sei mit erhöhten Einnahmen aus diesem Titel für das laufende Jahr kaum zu rechnen. Unbestreitbar habe sich seit dem Vorjahre die wirtschaftliche Lage der jüdischen Bevölkerung, insbesondere des Mittelstandes, verschlechtert und die Steuerertragsfähigkeit der Zensiten ist im Nachlassen begriffen. In einer Zeit schwerster ökonomischer Depression, fn einer beispiellosen Krise, deren Höhepunkt noch lange nicht überwunden scheine, dürfe man vorsichtigerweise mit erhöhten Steuereinnahmen nicht rechnen. Diese Erwägung sei ausschlaggebender und verläßlicher als das der Budgetvorlage beigegebene Ziffernmaterial über die bestehenden Steuerschuldigkeiten und die voraussichtlichen Schätzungsziffern. Zu bemängeln sei ferner die mit 5 Prozent der Gesamtausgaben angesetzte allgemeine Reserve. Diese Reserve sei zu niedrig bemessen. Dies ergebe sich schon aus einem Vergleich mit den in die Voranschläge der früheren Jahre eingesetzten Ziffern. Die allgemeine Reserve habe im Jahre 1923 10H Prozent, im Jahre 1924 11.7 Prozent betragen. Wenn dem Redner entgegengehalten werden sollte, daß eine Reserve im Ausmaße der Vorjahre sich diesmal nicht als notwendig erweise, weil die Einnahmen und Ausgaben des diesjährigen Budgets auf Grund von Ergebnisziffern ermittelt wurden, so müsse hervorgehoben werden, daß dafür in der in Beratung stehenden Vorlage in den einzelnen Budgetkapiteln Ausfalls¬ und Ueberschätzungsreserven nicht vorgesehen sind. Unter diesen Umständen kann von einem stabilen Budget nicht gesprochen werden und die Finanzwirtschaft dieses Jahres, welche sich auf den vorliegenden Voranschlag gründen soll, wird sich dauernd im Zustand einer nicht wünschenswerten Labilität befinden. Die Zweifel, ob die veranschlagten Einnahmen auch tatsächlich Eingang finden und der vorgesehene Ausgabenetat nicht überschritten werden wird, sind nur allzu sehr begründet. Durch das Emporschnellen der Budgetziffer haben wir in diesem Jahre die Friedensparität bereits erreicht. Der Voranschlag des letzten Friedensjahres 1914 gelangt zu einer gleichhohen Ausgabenziffer, wie sie iür das heurige Jahr vorgesehen ist, zum Betrage von 3.6 Millionen Goldkronen. Ein weiterer Vergleich mit dem letzten Friedensbudget zeige bedauerlicherweise, daß wir. was unsere materiellen Leistungen anlangt auf sehr wichtigen Gebieten unserer Gemeindetätigkeit hinter dem Friedenszustand zurückgeblieben sind, so in den Kapiteln „Kultus und rituelle Angelegenheiten" und „Schulwesen". Nur in unserer Tätigkeit auf dem Gebiete des Wohltätigkeitswesens, für welches für das Verwaltungsjahr 1925 Ausgaben im Betrage von ungefähr 17 Milliarden vorgesehen sind, haben wir den Friedenszustand überholt Die von" uns anerkannte, finanzielle Beengung der Gemeinde und die Unsicherheit des finanziellen Gleichgewichtes, welches durch den Voranschlag mühevoll und nur ziffernmäßig hergestellt werden konnte, legt uns in der Budgetdebatte notgedrungen Reserve auf. Wir müssen uns in diesem Jahre darauf beschränken, Forderungen zu erheben und Reformen zu vertreten, die im Rahmen der gegebenen Verhältnisse möglich und durchführbar sind und für welche die beschränkten Einnahmemöglichkeiten eine hinreichende Deckung bieten. Wie die angeführten Vergleichsziffern aus den Voranschlägen des Jahres 1914 und des laufenden Jahres ausweisen, ist der materielle Aufwand der Kultusgemeinde für religiöse und rituelle Angelegenheiten unter der Friedensparität zurückgeblieben, dies ungeachtet des notorischen Wachstums der Wiener jüdischen Bevölkerung und der nicht zu verkennenden gesteigerten Intensität der religiösen Betätigung. Eine ganze Reihe von Agenden, die pflichtgemäß nach dem Gesetze und dem Statut von der Kultusgemeiude. zu besorgen wären, sind