Mannheim
Compact Memory

Die Wahrheit · 1925-03-20 · Heft 11 (20.3.1925) · page 5

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Wahrheit
Volume
1925
Issue
Heft 11 (20.3.1925)
Date
1925-03-20
Page
– (sequence 5)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/3062972-3064022-3064033--13526-3081036
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Ii ott wahrhcit Seite 3 Antisemitismus gibt. Derm in Frankreich ist der politische Antisemitismus jetzt nicht wieder neu aufgelebt. Aber im verkleinerten Deutschland des verlorenen Krieges, das nach einem angeblichen Ausspruche des greisen Ciemenceau heute noch 20 Millionen Menschen zuviel zählt, war unter den obwaltenden Umständen ein Neuauiflammen des Judenhasses zu natürlich. Man scheint zu übersehen, daß der waschechte Antisemit zwischen einem deutschen und einem galizischen Juden nicht unterscheidet. Für ihn stammen alle Juden aus dem Osten. Darum wirft er den Deutschen und den Galizier in ein und denselben Topf seines Judenhasses. Für ihn ist Jude gleich Jude, den er haßt und bekämpft. Wenn die einen Juden den anderen zum Vorwurf machen, die Veranlassung für den Judenhaß der Nichtjuden zu sein, so erweckt das den Anschein der Berechtigung des Judenhasses, beruht jedoch unzweifelhaft auf einer Verkemnung der antisemitischen Psyche. Tut ein Jude etwas Gutes, was der Antisemit zuerst sehen muß, um eis überhaupt für möglich zu halten, daß ein Jude ausnahmsweise einmal gut sein kann, so ist der Jude in den Augen des Antisemiten vielleicht .doch ein ganz anständiger Mensch, wenn es auch schwer fällt. Tut ein Jude dagegen etwas Schlechtes, so tut es der Jude nach Ansicht des Antisemiten, weil er eben Jude ist, der seiner „jüdischen Natur" nach nicht anders als schlecht sein und handeln kann. Wieso denn eigentlich solch törichter Judenhaß? Er kann sich auf nichts anderes stützen, als auf die üble Verallgemeinerung von Zufälligkeiten und auf vage Gerüchte, wie z. B. die Ritualmordlegende. Der Kampf gegen die Juden, der mit den vergifteten Pfeilen des Judenhasses geführt wird, ist im Gruod ein Kampf gegen die Minorität, der es, um nicht von der Umwelt aufgesogen zu « iniitniiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiniinmnHiiiiiiiHiiiiiiiiii WÄ PESSACH Kflffee-Znsafi laut Attest Sr. Ehrwürden des Herrn Ober-Rabbiner Simon Schreiber aus Erlau Tr? w«rlÄÄMclÄ t:'2 auch heuer wieder in garantiert reiner und ausgiebiger Qua 1 i tf & rf zu haben bei HelnricH fremd* Söhne in Hosice Diese Fabrik steht unter Oberaufsicht des Herrn Oberrabbiner Simon Schreiber und unter ständiger Kontrolle eines von Sr Ehrwürden ernannten frommen jüdischen Aufsehers, so daß ihre sämtlichen Erzeugnisse verläßlich koscher sind und also von jedem Glaubensgenossen ruhig das ganze Jahr hindurch gebraucht werden können. Beachten Sie beim Einkaufe ja recht genau die Sdniizmarhe. KAFfEEMfönil und Unterschrift: nelnricn füanck sonne wenn Sie die verläßlich aechte Qualität bekommen wollen! werden, gelungen ist, ihre Eigenart unter der ärgsten Bedrückung und Verfolgung zu behaupten. In diesem Sinn ist der Antisemitismus ein Rassenkampf. Jeder einigermaßen Unterrichtete weiß, daß der Antisemiwählt, sondern ein Schwager Lowes, R. Isak Chajoth. Darauf erhielt R. Löwe die Berufung nach Posen, der er Folge leistete, aber, um nach vier Jahren, im Jahre 1588, von Posen wieder nach Prag zurückzukehren. R. Isak Chajoth hatte sein Amt niedergelegt, sich n.ich Drößnitz zurückgezogen und lebte als Privatmann. Koch immer wurde R. Low nicht Oberrabbiner von Prag; erst nach dem Tode Clujoths im Jahre 1597 wird er tatsächlich Ocerrab':in:r. Im Jahre 1609 ist er in Prag gestorben. — Lebensläufe hervorragender Menschen sind nicht, nur eine Reihe von Daten, sondern müsssn mit verständnisvollem Auge gelesen werden. Handelt es sich um den Lebenslauf eines so hervorragenden Rabbiners, wie es Löwe war, so können gewisse Fragen nicht unterdrückt werden. Warum hat R. Lowe das mäiirische Landesraobinat aufgegeben? Warum ist er ohne Berufung nach Prag gegangen und dort ohne eigentliches kabbinat geblieben, zurcul er nachweislich nicht mit materiellen Gütern so gesegnet war, daß er auf ein hinkommen verzichten konnte? Warum ist er nach dem Tode des Prager Oberrabbiners Isak Melnik nicht gewählt worden? Warum ist er schließlich vCn Posen nach Prag Zurückgegangen, um dort noch einige Jahre auf das Oberratbinat zu warten? Man erklärt den ersten Schritt mit den politischen Zuständen In Mähren. Es wüteten damals fanatische Pöbelausbriiche gegen die mährischen Juden, die erst 1574 durch Kaiser Maximilian IL zum Stillstand gebracht wurden. Angenommen, daß dies wuklich für Löwe der Grund war. die Stelle, die er bereits 20 Jahre inuegehc-bt hatte, aufzugeben, so hat er in Prag nicht viel Besseres eingetauscht. Denn die ».jüdische Ordnung" war in Prag damals oft Gegenstand der Verhandlungen zwischen den Prager jüdischen Gemeindeältesten und der Behörde. Reich war Löwe nicht und ohne Einkünfte leben, Jahre hindurch auf einen Gelegenheitsverdienst angewiesen zu sein, ist keine kleine Sache. Es bleibt also höchst ÄweifQlhaii, ob jenes der wahre Grund für die Aufgabe des mährischen Postens war. In Prag arbeitet Löwe an der Ausarbeitung der Statuten der Chewra kadischa, gründet Mischnajoth-Vereine, schriftstellert, läßt aber sein Werk nicht in Prag, sondern in Krakau drucken. Zum Oberrabbiner sei er nach dem Tode Melniks deshalb nicht gewählt worden, weil seine Lehrmethode Gvignf.T hatte, weil er der damals beliebten Pilpulistäk nicht das Wort redete und weil sein Gegenkandidat den Vorzug hatte, ein gebürtiger Prager zu sein. Uebersieht man die Stationen seines Lebenslaufes mit kritischem Auge, so kann man nicht verschweigen, daß Löwe nicht die Karriere gemacht hat, die man nach seiner Persönlichkeit erwartet hätte. Er findet nicht die Würdigung, die er verdient hätte. Dies mit der üblichen Redewendung von der Mißgunst der Zeiten zu entschuldigen oder zu erklären, befriedigt nicht. Man kann sich vielmehr nicht verhehlen, daß da ein gewisses Etwas im Hintergründe stehen muß, über das man nicht gerne spricht. Man spürt aber instinktiv, daß sich ein unbestimmtes Etwas durch sein ganzes Leben zieht, das er bekämpft, gegen das er auftritt, ohne es völlig beseitigen zu können. Dieses „Etwas" ist eine Verleumdung, die nicht ihn allein betraf, die ihn aber auch traf und seinen Weg von der Jugend bis ins Alter verfolgte. In seiner Zelt gab es die böse Sitte, die Heben Mitmenschen mit dem Schmähwort .JMadler" zu brandmarken, das heißt, eines Menschen legitime Geburt in Zweifel zu ziehen und ihn so als aus illegitimer Ehe entsprossen, der Geringschätzung preiszugeben. Diese „Nadler''-Beschimpfung ist in Polen aufgekommen, hat dann Ihren Weg nach Mähren und Böhmen gefunden und ungezähltes Leid, Kränkung und Schaden vielen, sebst aus besten Kreisen stammenden Personen gebracht. Diese Beschimpfung heftet sich an R. Löwe und seine Brüder. Sie trifft sie bereits in ihrer Jugend, verfolgt R. Löwe nach Mähren, geht ihm auch nach Prag nach. Eine Größe seinerzeit, R. Salomo-Luria, muß R. Löwe schützen und verteidigen. Im Jahre 1588 wendet man. sich von Mähren aus an

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.